Archiv der Jugendkulturen „Jugendkulturen sind immer gleich politisch“

Archiv der Jugendkulturen
Archiv der Jugendkulturen | Foto (Ausschnitt): Anna Mayrhauser

Ein Besuch im Archiv der Jugendkulturen in Berlin hilft seit 15 Jahren über Vorurteile hinweg.

„Am beliebtesten bei den Jugendlichen ist unser Bravo-Archiv“, erzählt Nicola Wolf und lacht. Tatsächlich liegt auf einem Tisch in der Bibliothek eine Ausgabe der Jugendzeitschrift Bravo von 1981. Aufgeschlagen ist, wie könnte es anders sein, die „Dr. Sommer“-Seite, die sich Fragen rund um die Themen Liebe und Sexualität widmet. Damals stellten die Jugendlichen ihre Fragen gerade an Dr. Jochen. „Hilfe, alle in meiner Gruppe fixen“, aber auch „Für meine Note fünf werde ich doppelt bestraft“, heißt es da.

Jugend, Medien und Klischees

Archiv der JugendkulturenNicola Wolf ist 30 Jahre alt und kümmert sich beim Archiv der Jugendkulturen in Berlin um die Pressearbeit und das Medienprojekt „Eigenregie“, für das Jugendliche Zeitzeugen interviewen. Wie die meisten Mitarbeiter des Archivs fühlt sich auch Nicola Wolf einer Jugendkultur nah. In ihrem Fall ist es die Graffiti-Szene.

Untergebracht auf dem Gelände einer ehemaligen Bierfabrik in Kreuzberg feierte das Archiv der Jugendkulturen im Sommer 2013 seinen 15. Geburtstag. In den 1990er-Jahren habe es in den Medien das Thema Jugendkulturen betreffend viel Unwissen gegeben, erklärt Nicola Wolf. Auch aus diesem Impuls heraus wurde das Archiv gegründet. Klischees wollte man mit Material und Kommunikation entgegenkommen.

Smash the state and don’t forget to masturbate

Davon gibt es heute jede Menge. Das gut sortierte Fanzine-Archiv – Fanzines sind Magazine, die von Fans für Fans gemacht werden – wirkt auf den ersten Blick, als hätte es sich auf Punk spezialisiert, so viele Stellagen sind mit Ordnern gefüllt, auf denen Dinge vermerkt sind wie „Punk aus Portugal“, „Punk aus Österreich“, „Punk aus den Philippinen“. Aber das täuscht. Auch Fanzines zu Gothic, stilecht in schwarzen Ordnern, Graffiti, Skatebording oder aus der queeren Szene sind zu finden. „Smash the state and don’t forget to masturbate“, steht da auf der Rückseite eines französischen Riot-Grrrl-Fanzine. Ein Exemplar des legendären Punk-Fanzines The Ostrich liegt auf dem Tisch. In der Bibliothek stapeln sich tausende Bücher, 40.000 Fanzines, Zeitungen, Zeitschriften, 600 Magister- und Diplomarbeiten, 7.500 CDs, LPs, MCs, DVDs, Videos, zehntausende Zeitungsartikel und Flyer.

Archiv der Jugendkulturen; Foto: Anna MayrhauserGabriele Rohmann leitet heute das Archiv der Jugendkulturen. Sie war schon bei der Gründung dabei: „Generell habe ich den Eindruck, dass Medien heute nicht mehr ganz so plakativ im Umgang mit Jugendkulturen sind.“ Vor 15 Jahren etwa sei die Gleichsetzung von Neonazis und Skinheads in den Medien noch üblich gewesen, was aber auch mit den damaligen Strukturen in der rechten Szene zusammenhänge. Heute werde das differenzierter gesehen.

Hip-Hopper und Cosplayer

Hat es denn heute eigentlich noch Sinn, Jugendkulturen zu kategorisieren? „Die Szenen sind heute offener und durchlässiger geworden. Wenn man die Leute aus den Szenen fragt, bekennen die sich aber schon stark dazu“ erklärt Gabriele Rohmann. Hip-Hop ist nach wie vor die Jugendkultur Nummer eins im deutschsprachigen Raum, neuere Trends sind die Cosplayer aus Japan, die ihren Weg über Myspace nach Europa gefunden haben.

Von Verallgemeinerungen, wie zum Beispiel der immer wiederkehrenden Rede von der unpolitischen Jugend, hält Gabi Rohmann nichts: „Das ist immer die Wahrnehmung der Älteren, die auf die Jüngeren gucken. Dann entsprechen die Jüngeren nicht ihrem Idealbild und es wird gemeckert.“ Und auch Nicola Wolf findet: „Jugendkulturen sind eigentlich immer gleich politisch.“