Mehrgenerationenhäuser Anregendes Miteinander – Alt und Jung unter einem Dach

Im Jahr 2030 leben in der Bundesrepublik mehr als 22 Millionen Menschen, die 65 Jahre und älter sind.  Foto: designpics © 123RF
Im Jahr 2030 leben in der Bundesrepublik mehr als 22 Millionen Menschen, die 65 Jahre und älter sind. | Foto (Ausschnitt): designpics © 123RF

Die meisten Menschen wünschen sich auch im Alter regelmäßige soziale Kontakte. Nicht anders ergeht es jungen Familien: Wenn traditionelle familiäre Strukturen zerfallen, werden Gemeinschaften wie die von Mehrgenerationenhäusern umso attraktiver.

Der demografische Wandel in Deutschland ist in vollem Gange. Im Jahr 2030 werden in der Bundesrepublik mehr als 22 Millionen Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind. Laut Statistischem Bundesamt entspricht das einem Anteil an der schrumpfenden deutschen Gesamtbevölkerung von etwa 29 Prozent. Parallel dazu sinkt die Zahl der unter 20-Jährigen auf 12,9 Millionen Personen, das sind 17 Prozent. Hinter diesen Zahlen stecken tiefgreifende Veränderungen, die nicht nur grundlegende Folgen für die Arbeitswelt und die Wirtschaft, sondern auch für das tägliche Zusammenleben von Jung und Alt haben. Daher beschäftigen sich immer mehr Organisationen und Privatleute mit der konkreten Ausgestaltung dieses Zusammenlebens.

Gemeinsam statt einsam

Ein zentrales Thema ist bezahlbares Wohnen im Alter. Davon ist auch Henning Scherf überzeugt. Der ehemalige Bremer Bürgermeister und Autor zahlreicher Bücher mit Titeln wie Gemeinsam statt einsam engagiert sich schon lange für neue Wohnkonzepte insbesondere für ältere Menschen. Zudem fordert der 74-Jährige einen Baustopp für Pflegeheime, die „auf der grünen Wiese“, fernab der Stadtzentren, errichtet werden.

Derzeit bleibt nicht nur in Bremen eine große Zahl an Pflegeplätzen unbesetzt. Den Grund dafür sieht Scherf in dem Wunsch der meisten Menschen, so lange wie möglich selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden und der gewohnten Umgebung wohnen zu bleiben. Dass dafür gerade in Mietwohnungen häufig Grundvoraussetzungen wie Barrierefreiheit, seniorengerechte Badezimmer oder Fahrstühle fehlen, veranschaulicht Scherf bei einem seiner zahlreichen Ortstermine, von dem die Münsterländische Volkszeitung berichtet: „Wir haben rund 40 Millionen Häuser und Wohnungen in Deutschland – davon sind aber weniger als ein Prozent seniorengerecht.“

Senioren-WG: Privatsphäre und Geselligkeit

Immer mehr Wohnungsbaugenossenschaften erkennen das Problem und investieren in entsprechende Um- und Neubauten sowie alternative Wohnformen. So hat die Landes-Bau-Genossenschaft Württemberg (LBG) im April 2013 mitten in Stuttgart ihre erste Senioren-WG eröffnet. Diese besteht aus separaten Wohnungen sowie großzügigen Gemeinschaftsflächen, zu denen ein Wohnzimmer mit Essbereich und eine Küche gehören. Die zwischen 60 und 81 Jahre alten Mieter können somit frei entscheiden, ob sie sich in ihre privaten Räume zurückziehen oder mit ihren Mitbewohnern plaudern, kochen und einen geselligen Abend verbringen möchten. „Eine Senioren-WG lässt sich nicht so einfach zusammenstellen wie eine studentische Wohngemeinschaft“, weiß Josef Vogel von der LBG. Nicht nur die baulichen Voraussetzungen sowie die Lage müssen stimmen, sondern auch die „Chemie“ unter den Bewohnern.

Wohnen mit der Wahlfamilie

Das gilt auch für alternative Wohnprojekte, in denen Alt und Jung unter einem Dach leben. Eine solche Hausgemeinschaft hat Henning Scherf bereits vor mehr als 20 Jahren mit seiner Frau gegründet. Als die erwachsenen Kinder auszogen, suchten die Eltern nach neuen Formen gemeinschaftlichen Wohnens. Mit Freunden kauften sie ein Haus in der der Bremer Innenstadt. Seitdem haben einige Bewohner gewechselt, die Altersstruktur der Wohngemeinschaft ist bunt gemischt. „Wir frühstücken regelmäßig (…) zusammen. Dazu laden wir uns der Reihe nach gegenseitig ein, und wenn Gäste im Haus sind, kommen die natürlich dazu. Immer wieder ist auch ein gemeinsamer Urlaub mit (…) Kindern und Enkelkindern drin. Wir sind so zu einer Art Wahlfamilie zusammengewachsen.“

So beschreibt Henning Scherf in einem Beitrag für die Zeitung Publik der Gewerkschaft Verdi das Zusammenleben in seinem Zuhause. Wie wichtig soziale Teilhabe und regelmäßige Kontakte zu anderen Menschen fürs Wohlbefinden aller Altersgruppen sind, weiß auch das Projektteam des Fachbereichs Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam, das die Studie Gut Leben im (hohen) Alter durchgeführt hat. Dabei ging es unter anderem darum, „neue Lebens- und Unterstützungssysteme vor Ort zu schaffen“, um „Vereinzelung, Vereinsamung und Abschottung“ entgegenzuwirken.“

Miteinander der Generationen

Therapeuten, sie regen uns an, mobilisieren schlummernde Kräfte in uns.“ Und auch die Kinder profitieren vom generationenübergreifenden Zusammenleben. Oft wohnen die eigenen Großeltern zu weit weg, um regelmäßig Zeit mit ihren Enkeln zu verbringen. Wenn Jung und Alt unter einem Dach leben, übernehmen die älteren Mitbewohner oft automatisch diese Rolle. Im Gegenzug helfen die Jüngeren beim Einkauf, bei kleinen Reparaturen oder dem Installieren eines neuen Computerprogramms.

Abgesehen von praktischen Hilfestellungen ist es aber vor allem der anregende Austausch über alle Alters- und Familiengrenzen hinweg, den die Bewohner von Mehrgenerationenprojekten bereichernd finden. „Wir wünschen uns eine bunte Mischung von Menschen mit unterschiedlichen Berufen und Biografien, vielen Ideen, Talenten, Fähigkeiten und Lebenserfahrungen“, beschreibt auch die Gruppe „Lebendige Nachbarschaft“ ihre gemeinschaftlichen Bauvorhaben in der Nähe von Lüneburg. Wenn traditionelle Familienstrukturen sich auflösen und die Zahl der Single-Haushalte stetig wächst, steigen das Bedürfnis nach Geselligkeit und Geborgenheit in einer selbst gewählten Gemeinschaft. Bei den Alten genauso wie bei den Jungen.
 

LITERATUR

Henning Scherf:
Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist (Verlag Herder, 2006)