Food Trucks Essen auf Rädern

Erna & Co. tourt seit März 2011 durchs Ländle rund um Stuttgart.
Erna & Co. tourt seit März 2011 durchs Ländle rund um Stuttgart. | Foto (Ausschnitt): © Erna & C

Langsam nehmen sie auch in Deutschland Fahrt auf: mobile Kleinrestaurants, die weit mehr auf der Pfanne haben als typische Imbissklassiker wie Currywurst & Co. Stattdessen locken die sogenannten Food Trucks mit regionalen oder selbst kreierten Spezialitäten.

Für Andrea Übelhack und Peter Appel beginnt der Arbeitstag morgens um sechs: mit Schnippeln, Schälen, Stampfen und Brutzeln. Immerhin bieten sie in ihrem Swagman – so werden in Australien Wanderarbeiter genannt – fünf Gerichte plus ein Dessert. Das reichhaltigste heißt Spezial und ist eine Mischung aus Kartoffelstampf, langsam geröstetem Schweine- oder Putenfleisch, saisonalem Gemüse plus cremigem Topping und Croutons. Eine vegetarische Version, Suppe, Salat und ein üppig belegtes Krustenbrötchen komplettieren das Quintett.

Um zehn muss alles vorproduziert und verladen sein, dann geht es auf die Straße. Zumindest für Appel, der sich mit Swagman-Mobil Nummer Zwei, das seit November 2012 im Einsatz ist, ins 80 Kilometer entfernte Nürnberg aufmacht. Seine Partnerin steuert zwischen elf und zwei Uhr bis zu fünf Haltepunkte daheim in Bayreuth an. Dort, wo Mitte Dezember 2011 alles begann und sich seitdem „sehr erfreulich entwickelt“, wie es Appel formuliert. „Von einem Hype, wie ihn die rollenden Hightech-Imbisse vor einigen Jahren in den USA losgetreten haben, sind wir in Deutschland allerdings noch weit entfernt“, ist der Mittvierziger überzeugt, der wie Übelhack ursprünglich aus der Textilbranche kommt. Allein die Rahmenbedingungen machen das wenig wahrscheinlich. Beispielsweise dürfen die im Trend liegenden Speisewagen in Süddeutschland keinesfalls einfach am Straßenrand rasten und ihre Ware unters Volk bringen, sondern lediglich nach Absprache auf Firmen- und Privatgrundstücken.

Heimatverbunden und qualitätsbewusst

Das gilt auch für Erna & Co., die bereits seit März 2011 durchs Ländle rund um Stuttgart tourt. An Bord: neben Maultaschen weitere schwäbische Originale wie Kartoffelsalat, Spätzle und Fleischküchle. Regionale Klassiker in Restaurantqualität als To-Go-Offerte – durchaus gewagt, geben die heimatverbundenen Konzeptväter Frédéric Bierbrauer und Florian Romer zu. Denn mit nichts ist man im Schwabenland kritischer als mit seinem kulinarischen Nationalheiligtum. Schließlich kann das natürlich niemand besser und leckerer zubereiten als die eigene Mutter.

„Entsprechend verhalten waren die ersten Reaktionen. Statt Neugier wurde uns vor allem Skepsis entgegengebracht“, erinnert sich Bierbrauer an die ersten Tourwochen. Inzwischen haben die beiden diplomierten Betriebswirte nachhaltige Überzeugungsarbeit geleistet. Heute ist ihre Erna ein gern gesehener Gast mit fünf festen Stopps in Degerloch bis Leinfelden-Echterdingen. Weil die beiden Quereinsteiger freimütig zugeben, gar nicht kochen zu können – aber sehr wohl wissen, wie eine gute Maultasche schmeckt –, haben sie die Produktion in die Hände einer Metzgerei gegeben. Mit deren Unterstützung wurden auch die Rezepturen ausgetüftelt.

Süßer Sommerhit

Ausschließlich in der warmen Jahreszeit unterwegs sind Eva Langhorst und Deniz Kumru mit ihrem „Mr. Whippy’s Frozen Yoghurt“-Truck. Obwohl der liebevoll restaurierte und umgerüstete Oldtimer mit seinem pastellfarbenen Branding aussieht, als wurde er frisch aus Kalifornien importiert, ist er ein waschechter Brite – und trotz seiner kompakten Maße von gerade zwei mal vier Meter selbst im erlebnisverwöhnten Berlin ein Blickfang. Auf Jungfernfahrt ging es im Juli 2012, rechtzeitig zum verspäteten Sommerbeginn. Da Mr. Whippy mangels Generator auf externe Stromquellen angewiesen ist, parkt er vor allem auf (Wochen-)Märkten und Events. Wo und wann genau der Truck mit dem saisonalen Trendprodukt Frozen Yoghurt zu finden ist, dokumentieren wie bei Swagman und Erna & Co. Facebook-Einträge. Im Mai 2013 rollten Langhorst und Kumru in die zweite Saison. Außerdem träumt die 31-Jährige von einem zweiten Wagen, der mit richtig gutem Kaffee begeistert.

Eatertainment vom Feinsten

Mehr als nur gut essen, direkt an den berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt: Auf dieser Idee fußt Benjamin Thompsons Gourmet-Liner. Dahinter verbirgt sich ein Luxusrestaurant auf sechs Rädern, in dem nicht nur auf Fine-Dining-Niveau gekocht, sondern auch getafelt wird. Rund eine halbe Million Euro hat der junge Gastronom investiert, um einen doppelstöckigen Reisebus in ein edles Gefährt mit hellen Ledersitzen, Bartresen und Edelstahlküche zu verwandeln. Bis zu 36 Gäste finden Platz auf den beiden Etagen der mobilen Eventlocation, die inzwischen deutschlandweit gebucht werden kann.

Im Programm für den Heimatstandort Berlin: eine dreieinhalbstündige moderierte Sightseeingtour mit Drei- oder Fünf-Gänge Menü, gern musikalisch untermalt von einem Saxofon- oder Geigenspieler. Angesteuert werden, je nach Wunsch, zum Beispiel der Gendarmenmarkt, um dort die Vorspeise einzunehmen, die O2-World zum Hauptgang und das Schloss Charlottenburg als Dessert-Stopp – Sektempfang und Zigarrenpause an Stehtischen auf einem roten Teppich inklusive. Kurz, eine Food-Truck-Version, die mit einem simplen Imbiss so wenig gemein hat wie Currywurst mit Filet vom Kobe-Rind. Und Deutschlands mobiler Gastronomie eine bisher einzigartige Facette verleiht.