Tape.tv „Aufschneider haben keine Chance“

Conrad Fritzsch | © Tape.tv
Conrad Fritzsch | Foto (Ausschnitt): © Tape.tv

Conrad Fritzsch, Gründer von Tape.tv, über die Frage, wie man mit einem Internet-Musiksender Geld verdienen kann, warum Tape.tv bei Musikern und Nutzern gleichermaßen gut ankommt und was eigentlich Dachkonzerte sind.

Conrad Fritzsch, 43, ist der Geschäftsführer und Gründer von Tape.tv, dem erfolgreichsten deutschen Musiksender im Internet. Fritzsch ist in Berlin aufgewachsen und hat lange als Werbefilmer gearbeitet. Zusammen mit Stephanie Renner hat er 2008 Tape.tv gegründet, das in der ehemaligen australischen Botschaft der DDR in Berlin residiert. Im Gegensatz zu Youtube sind auf Tape.tv auch die Videos der Künstler zu sehen, die bei den großen Plattenfirmen unter Vertrag stehen. Die Labels werden dafür am Umsatz beteiligt.

Herr Fritzsch, Ihr Online-Musiksender Tape.tv wird gern als das MTV der neuen Generation bezeichnet. Seit 2008 können die Zuschauer dort ihr individuelles Menü aus verschiedenen Videoclips zusammenstellen, gleichzeitig bieten Sie ein redaktionell gestaltetes Programm. Mittlerweile nutzen über drei Millionen Deutsche Tape.tv, Tendenz steigend. Welche Lücke haben Sie mit Ihrer Idee geschlossen?

Das konventionelle Musikfernsehen wurde einfach immer schlechter. MTV war zum Beispiel kaum zu ertragen, dort liefen nur noch Klingeltonwerbung und Billigproduktionen. Auch im Radio gab es immer weniger gute Musik. Das wollten wir ändern. Ich und meine Kollegin Stephanie Renner dachten uns: Warum verbinden wir nicht die Einfachheit des Fernsehens mit der Flexibilität des Internets? Die Zuschauer können sich zurücklehnen und hören, was ihnen vorgesetzt wird. Aber das ist nicht irgendein Programm, es richtet sich nach dem Geschmack der Nutzer. Sie können zum Beispiel eine Musikrichtung wählen, die sie besonders interessiert. Die Clips lassen sich aber auch einzeln auswählen. Scheinbar haben wir mit diesem personalisierten Cocktail einen Nerv getroffen.

Wie kann man sich den typischen Tape.tv-Nutzer vorstellen?

Das ist schwer zu sagen. Wir wollen ein Programm für alle bieten, jeder soll bei uns genau die Musik finden, die ihn interessiert. Unsere Kernzielgruppe sind alle zwischen 20 und 40.

Das Programm soll bald auch auf mobilen Endgeräten zu sehen sein

Bei Ihnen gibt es nicht nur Musikvideos zu sehen. Tape.tv produziert auch eigene kleine Sendungen oder überträgt Live-Events. 2012 haben Sie zum Beispiel eine Konzertreihe auf den Dächern Berlins organisiert. Reicht das denn, um die Zuschauer bei der Stange zu halten?

Wir probieren vieles aus und müssen uns ständig weiterentwickeln. Die Dachkonzerte wird es 2013 wieder geben, sie waren ein großer Erfolg. Wir bringen zum Beispiel die französische Band Phoenix auf das Dach des Roten Rathauses hier in Berlin. Außerdem arbeiten wir an einem Angebot für mobile Endgeräte. Tablet-PCs werden immer größer und leistungsfähiger. Tape.tv soll in Zukunft überall und zu jeder Zeit zu empfangen sein.

Ihr Sender ist für die Zuschauer zurzeit kostenlos, Tape.tv finanziert sich vor allem durch Werbeeinnahmen. Wird das so bleiben?

Ja, daran ändert sich nichts. Wir wollen aber spätestens ab 2014 zusätzliche Komfortdienste anbieten, die man gegen eine Gebühr dazubuchen kann.

Sind die Zuschauer denn bereit zu zahlen?

Das ist die große Frage! Wir glauben, dass niemand nur für die Videos Geld ausgeben würde, denn die gibt es auf anderen Seiten auch umsonst. Wir wollen den Nutzern deshalb mehr Service bieten, zum Beispiel Videos in HD-Qualität oder exklusive Clip-Premieren. Wahrscheinlich wird es auf eine Art Abo-Modell hinauslaufen. Wir wissen das aber noch nicht genau. Ein weiteres, wichtiges Zukunftsthema ist die Internationalisierung.

Der Sender hat einen guten Ruf im Musikgeschäft

Sie wollen ins Ausland?

Ja, ich habe schon die ersten Gespräche mit französischen oder englischen Partnern geführt. Beide Märkte sind für uns sehr interessant, die Franzosen sind zum Beispiel sehr musikaffin. Aber auch Polen oder die Türkei wären spannend, da die Bevölkerung in beiden Ländern vergleichsweise jung ist.

In der Branche heißt es, Tape.tv hätte eine „Haltung“ und würde von den Künstlern deshalb besonders respektiert. Was tun Sie, um Bands von Ihrem Sender zu überzeugen?

Wir versuchen Geschichten zu erzählen – von den Künstlern und ihrer Musik. Wir wollen wissen, was für Typen dahinterstecken und nehmen sie ernst. Es wäre fatal, wenn wir nur als Werbeinstrument der Labels wahrgenommen werden würden. Musik ist für uns etwas Großartiges, über alle Genres hinweg. Das ist unsere Haltung. Sie zeigt sich zum Beispiel bei unseren Dachkonzerten: Dort können nur Musiker auftreten, die wirklich singen können. Man kann so etwas ja nicht schneiden, Aufschneider hätten keine Chance.