„Sag Ja zu Schwedt“ Mit 130 bpm gegen die Landflucht

Die meisten verließen Schwedt wegen des Mangels an kulturellen Angeboten.
Die meisten verließen Schwedt wegen des Mangels an kulturellen Angeboten. | Foto (Ausschnitt): artono9 © 123RF

Dimitri Hegemann, Gründer des Berliner Techno-Clubs Tresor, hat in der brandenburgischen Kleinstadt Schwedt eine besondere Initiative gegen Landflucht gestartet – die demnächst auch auf andere Regionen in Ostdeutschland übertragen werden soll.

Zu DDR-Zeiten galt der Name als Drohung: Schwedt. In Schwedt befand sich das Militärgefängnis; Wehrdienstleistende der Nationalen Volksarmee wurden mit dem Satz „Wenn Sie den Anweisungen nicht folgen, landen Sie in Schwedt!“ auf Spur gebracht. Außerdem lag die Industriestadt, die die größte Raffinerie und den größten Plattenbauanteil der DDR aufzuweisen hatte, in der nebligen Weite der Uckermark, einer dünn besiedelten Landschaft im Nordosten Deutschlands.

Zu wenig Verständnis für die Bedürfnisse der jungen Generation

Nach der Wende verließen Jugendliche in Scharen die Stadt – sie verlor fast ein Drittel ihrer 52.000 Einwohner. Doch es war nicht der Mangel an Arbeitsplätzen, der die meisten vertrieben hat: Mehr als 500 offene Stellen sind beim Arbeitsamt gemeldet. Die Großraffinerie PCK Schwedt, die Erdöl aus der russischen Druschba-Pipeline veredelt, sucht händeringend nach Fachkräften. Die meisten kehrten der Stadt wegen des Mangels an kulturellen Angeboten, an Möglichkeiten, sich selbst im städtischen Leben einzubringen, den Rücken zu. Kulturfunktionäre in Schwedt, so notierten die Teilnehmer eines Biografie-Workshop des Schwedter Gymnasiums, zeigten zu wenig Verständnis für die Bedürfnisse der jungen Generation.

Deswegen hat Schwedt nun einen Mann aus Berlin engagiert, der das Image der Hauptstadt als Kreativlabor und Hort der Alternativkultur entscheidend mitgeprägt hat: Dimitri Hegemann, heute 57, Gründer des legendären Techno-Clubs Tresor, der im Musikmagazin Rolling Stone über seine Anfangszeit in Berlin berichtete: „Als die Mauer fiel, gab es überall in der Stadt sensationelle Räume und Leerstände. Die Behörden waren mit wichtigeren Dingen beschäftigen, die Polizei auch, das war für uns das Paradies und für Berlin die historische Chance.“

„Sag Ja zu Schwedt“

Im Tresor im Keller des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses entdeckten die Kinder des Ostens ab 1991 eine neue Kultur, die sie von Anfang an mitgestalten konnten: Techno. Eine Underground-Kultur, deren Motto „It’s all about sharing“ hieß und in deren Partykellern Kleidung, Herkunft oder sozialer Status keine Rolle spielten. Junge Leute aus der ganzen Welt strömten in die Stadt, die Tourismusindustrie boomte.

Einen solchen Imagewandel im Kleinen soll nun auch die Initiative „Sag Ja zu Schwedt“ bringen, die Hegemann mit dem Stadtentwicklungsbüro „Sally below Cultural Affairs“ verantwortet und die aus dem „Regionalbudget zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur“ finanziert wird. „Wenn man Kunst nicht nur zur Unterhaltung genießt, sondern sie gezielt einsetzt, um Menschen anzulocken, wird eine Stadt attraktiv“, so das Credo der Berliner.

Der Stadt Leben einhauchen

Dabei wollen sie als Impulsgeber und Vermittler auftreten, Ideen für kulturelle Initiativen sollen Jugendliche selbst im so genannten „Schwedt Lab“ entwickeln. Natürlich habe es in Schwedt auch in der Vergangenheit Kulturförderung gegeben, doch von der hätten überwiegend Hochkultur-Institutionen wie die Uckermärkischen Bühnen profitiert. Eine alternative Kulturszene, in der sich die Jugendlichen mit ihren Interessen und ihrem Engagement wiederfinden können, fehle in der Stadt. Deswegen müsse man auch über eine Umverteilung der Kulturbudgets diskutieren – bei der auch Etatkürzungen für das Theater kein Tabuthema sein dürften.

Das, was der Bürgermeister als Vorzüge der Stadt anpreist – genügend Arbeitsplätze, kurze Wege und eine schöne Landschaft – sei für Jugendliche nicht genug, wie Dimitri Hegemann meint. „Gebt mir ein Haus und ich werde hier einen Club hochziehen“, verkündete er auf einer Podiumsdiskussion in besagtem Theater. „Die Kids werden Dinge tun, die euch vielleicht nicht gefallen, sie werden laute Musik hören, und sie werden trinken. Aber über kurz oder lang geht es darum, Freiräume zu schaffen, die der Stadt Leben einhauchen.“

Ein Konzept, das demnächst auch in anderen Städten Ostdeutschlands Anwendung finden soll, die unter Bevölkerungsschwund leiden. Einen Club – noch dazu einen von Jugendlichen selbst verwalteten – gibt es zwar in Schwedt bislang noch nicht, doch das Projekt wird weiter verfolgt.