Schönheitsideal „Tyrannen der Gegenwart“ – woher kommt der Fitnesskult?

„Schönheit ist ein Artefakt der Beobachtung.“  Foto: vlkvojtech © 123RF
„Schönheit ist ein Artefakt der Beobachtung.“ | Foto (Ausschnitt): vlkvojtech © 123RF

Das Streben nach Schönheit als einem gesellschaftlichen Ideal ist kein Zeichen unserer Zeit sondern gab es schon immer. Heute wird Schönheit vor allem mit Fitness gleichgesetzt – der perfekt trainierte Körper als Ausdruck von Disziplin, Erfolg und Erotik. Warum eigentlich?

Schön oder nicht schön – dieses Urteil fällt seit jeher erbarmungslos aus. Der Begriff der Schönheit hat in der Geschichte ganze gesellschaftliche Epochen geprägt und die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer eingeteilt. „Schönheitsideale sind Eigenwerte der Gesellschaft, sie sind Ergebnis und Ausdruck ihrer jeweiligen Epoche und unterliegen insofern einem kulturellen und historischen Wandel“, erklärt Professor Dr. Swen Körner, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Körner ergänzt: „Schönheit ist, mit anderen Worten, ein Artefakt der Beobachtung.“ „Ästhetik“ bedeutet im Wortsinn nichts anderes als „wahrnehmen“. Der Mensch nimmt Schönheit mit seinen Sinnen wahr: Man sieht sie, man hört sie.

Der perfekte Körper als Ausdruck von Disziplin

Diese Wahrnehmung unterliegt einem steten Wandel: So galten in früheren Jahrhunderten füllige, blasse und untrainierte Körper als schön. Ausreichend Nahrung und wenig körperliche Aktivität waren Ausdruck für ein Leben in besser situierten Gesellschaftsschichten: Immerhin schuftete die Mehrheit der Bevölkerung hart auf Feldern und hatte nur wenig zu essen, während der privilegierte Teil im Überfluss lebte und sich körperlich nicht betätigen musste.

In der heutigen Überflussgesellschaft hingegen ist ein trainierter Körper Ausdruck von Disziplin, Verzicht und der Arbeit am eigenen Körper. „Gegenwärtig ist der schlanke und fitte Körper der klare Terrorist der Szene“, stellt Körner fest. „Er zieht die eindeutige Linie zwischen dem, was sozial erwünscht ist und was nicht erwünscht ist.“

Die Konsequenz: Ideale von Schönheit erzeugen auch ihr Gegenteil, das Nicht-Schöne, das Hässliche. „Der Code schön oder hässlich ist erbarmungslos, er produziert Gewinner und Verlierer im Wettbewerb um Anerkennung“, so Körner.

„Übergewicht ist heute ein Stigma“

Schön oder hässlich: Die Werbung in den Medien trägt nicht unerheblich dazu bei, die vermittelten Ideale stets vor Augen zu haben. Nüchtern betrachtet, lasse sich der Grad an Perfektion, der vorgegaukelt wird, nicht erreichen, so Körner. „Der schöne Körper ist der Tyrann der Gegenwart, er verbreitet sich und seine Botschaft nahezu überall hin.“ Der Körper, der in den Medien idealisiert wird, präge unsere Vorstellung von Normalität.

Dass es damit jede Menge Verlierer gibt, liegt auf der Hand. Das zeigt sich vor allem am Thema Übergewicht. In der barocken Kunst galt eine üppige Körperform als Ideal weiblicher Schönheit. Im Bereich der politischen Herrschaft war es ein Zeichen von Macht und Durchsetzungsfähigkeit.

„Hingegen haben dicke Menschen heutzutage ein Problem“, stellt der Experte fest und erklärt: „Übergewicht ist heute ein Stigma, in hohem Maße rechtfertigungspflichtig und zieht mitunter beachtliche Konsequenzen für die Zuordnung von Person, Leistung und Anerkennung nach sich.“ Während schlanke Menschen mit Disziplin, Erfolg, und Gesundheit assoziiert werden und soziale Anerkennung erfahren, gelten Dicke als faul, träge und ungesund.

Der Körper als Sinnstifter in unruhigen Zeiten

Das Dilemma: In der Arbeitswelt und im Alltag wird der Körper oftmals nicht mehr beansprucht. „Wir bewegen uns mit Auto, Bus, Bahn und Flugzeug, kommunizieren mobil, sehen digital, begreifen Tasten und betasten Displays“, fasst es Körner zusammen. Der Körper als Hilfsmittel für Bewegung habe insgesamt massiv an Bedeutung verloren.

Doch genau in dieser Entwicklung erkennt Körner die gesteigerte Aufmerksamkeit für den eigenen Körper. Anti-Aging, Diäten, Wellness, Sport und die boomende Fitnessindustrie nehmen nach seiner Ansicht genau aus diesem Grund mitunter „quasi-religiöse Züge“ an.

Körner erkennt noch eine weitere Bedeutung des Fitnesskults: „Der Körper stiftet Sinn, wenn nichts mehr Sinn macht.“ So habe zum Beispiel Religion an Bedeutung verloren, politische Entscheidungen könnten von vielen kaum noch nachvollzogen werden, Krisen und Konflikte schürten Verunsicherung: „In einer immer komplexer werdenden Welt sorgt die hingebungsvolle Arbeit am eigenen Körper für wohltuende Eindeutigkeits- und Selbstwirksamkeitserfahrungen“, weiß Körner.

Darüber hinaus stellen Wissenschaftler fest, dass die Arbeit am Körper durchaus als Investition in die eigene Attraktivität betrachtet wird. Ein sportlicher Körper vermittelt Gesundheit, Jugendlichkeit, Leistungsfähigkeit und Attraktivität. Wer schlank und fit ist, gilt als leistungsfähig, erfolgreich – und nicht zuletzt als erotisch.