Neue Ökos „Nachhaltig lebt man glücklicher“

Roman (23),  Pia (24),  Ulrich (19), © Clara Migsch
Roman (23), Pia (24), Ulrich (19) | Foto (Montage): © Clara Migsch

Sie holen aus Mülltonnen, was Supermärkte wegwerfen, betreiben Gemeinschaftsgärten und tragen Secondhand-Kleidung statt Markenklamotten: Viele Jugendliche legen keinen Wert mehr auf grenzenlosen Konsum, Statussymbole oder das neueste technische Spielzeug. Sie bemühen sich um einen nachhaltigen, ressourcenschonenden Lebensstil, der nicht zwangsläufig Verzicht bedeutet. Drei Vertreter der neuen Öko-Bewegung erzählen aus ihrem Alltag.

Roman (23), Heimhelfer, Mülltaucher und Öko-Pionier

In meinem früheren Leben war ich Berufssoldat und habe jeden Abend Party gemacht. Nach einer Knieverletzung ist mir klar geworden, dass ich meinen Lebensstil ändern muss, wenn ich gesund und glücklich alt werden will. Ich habe eine Ausbildung zum Heimhelfer begonnen und organisiere jetzt Aktionen, bei denen wir Obdachlosen Tee, Kuchen und gedumpsterte Lebensmittel bringen.

Dreimal die Woche gehe ich abends Müll tauchen, also dumpstern. Dabei werden noch essbare Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten und Fabriken geholt. Von dem weggeworfenen Essen kann ich gut leben. In meinem Keller lagern bereits 40 bis 50 Kilo Kartoffeln, die einfach nicht weniger werden. Da ich die Mengen, die ich finde, alleine oft gar nicht bewerkstelligen könnte, nehme ich regelmäßig Leute zum Mülltauchen mit. Bis jetzt waren es etwa 300. Mein Wunsch wäre es, dass jeden Abend so viele Leute losziehen, dass einfach kein Essen mehr im Müll landet.

Um weniger Ressourcen zu verbrauchen, habe ich sämtliche Elektrogeräte, inklusive Waschmaschine und Kühlschrank, aus meinem Haushalt verbannt. Als erstes habe ich meinen Fernseher verschenkt. Zur Organisation meiner Aktionen bin ich auf das Internet angewiesen. Deshalb habe ich mir ein Tablet zugelegt, das ich mit kleinen Solar-Panels auflade. Ein Vorbild ist für mich das Ökodorf Siebenlinden, dessen Bewohner nur mit Naturstoffen bauen, und sich mittlerweile ausschließlich von selbst angebauten Lebensmitteln ernähren. Nachhaltig lebt man glücklicher.

Pia (24), isst vegan und studiert Internationale Entwicklung

Seit 2007 ernähre ich mich hauptsächlich vegan, auch wenn es als Reisende manchmal etwas schwerer ist als im gewohnten Umfeld. Es geht mir um die Art der Tierhaltung, weltweite Lebendtiertransporte und Umwelteinflüsse durch zu viele Nutztiere. Unverständnis kenne ich sehr wohl, mittlerweile habe ich es aber geschafft, dass sich niemand mehr angegriffen fühlt, weil ich Dinge anders mache. In Rumänien, wo ich zurzeit meinen Europäischen Freiwilligendienst bei incubator107, einer Social Arts Organisation mache, rutsche ich meistens in die „sie ist halt anders und wir lieben sie trotzdem“-Schublade.

Ganz toll finde ich Tauschparties und Tauschläden. Es ist schön herauszufinden, welche Geschichten hinter der Kleidung stecken und ich muss mich nicht dem Konsumwahn in Shopping-Malls ausliefern. Allerdings wird es manchmal ein bisschen schwierig, wenn ich tatsächlich etwas dringend brauche.

Es ist anstrengend, immer an alles zu denken. Zum Beispiel beim Einkaufen vor der spanischen Paprika zu stehen und dreimal zu überlegen, ob ich sie tatsächlich brauche. Dumpstern ist schön. Es macht Spaß, gemeinsam in der Mülltone zu stehen, die Verkäuferin vom Bioladen zu begrüßen, wenn sie dazukommt und weiter zu stöbern. Auch verhindert es den Konflikt vor der spanischen Paprika im Biomarktregal. Beim Einkaufen selbst kaufe ich auch gerne nicht mehr ganz frisches Obst und Gemüse: Wer weiß ob es tatsächlich noch jemand retten wird?

Ulrich (19), studiert „Environment and Sustainability“

Ich habe in den letzten zwei Jahren eine große persönliche Veränderung durchlebt. Das fing an, als ich während meines letzten Schuljahres eine vorwissenschaftliche Arbeit zur „Demokratischen Bank“ geschrieben habe. Diese stellt das Wohl aller in den Mittelpunkt anstelle des Kapitals. Während meines Zivildienstes in einer Behinderten-Werkstätte hat dieses Denken dann dazu geführt, dass ich meine Ernährung von vegetarisch auf vegan umgestellt habe.

Später habe ich dann angefangen, auch Kleidung auf Flohmärkten zu kaufen, obwohl ich früher der Auffassung war, dass man dort nur abgetragene Fetzen findet. Seit einem Jahr studiere ich jetzt in England an der Keele University „Environment and Sustainability“. Das Studium ist eine Mischung aus Naturwissenschaften und Politik. Hier lerne ich nicht nur viel über den Klimawandel und politische Nachhaltigkeit, sondern auch Praktisches, wie etwa in unserem Gemeinschaftsgarten.

Ich habe es geschafft, eine Menge in meinem Leben zu verändern, aber es liegt noch viel vor mir: Elektronik, Kosmetik, Reisen, Alkohol – es ist eine stetige Entwicklung. Ich denke, dass es viele dieser kleinen Bewegungen braucht, die zusammen Müll einsparen: Gärten anlegen, Naturgebiete konservieren, Wälder bewirtschaften und Genossenschaften gründen, um den Konsum-Wahnsinn und damit letztendlich die Erderwärmung einzuschränken. Unsere Enkel und Urenkel werden sich bei uns bedanken.