Literatur als Brettspiel Vom Buch auf den Spieltisch

Brettspiel “Der Hobbit”
Brettspiel “Der Hobbit” | Foto (Ausschnitt): © Kosmos Verlag

Brettspiele finden sich immer häufiger in Regalen des Buchhandels. Denn Spieleverlage stützen sich auf literarische Vorlagen und machen Spiele für Bücherfans. Spieler werden so zu Autoren ihrer eigenen Geschichten.

Zwischen Literatur und Spiel sind Austausch und Zusammenarbeit bislang eher selten. Dabei weisen sie allerhand Parallelen auf: Beide sind den jenseits der Arbeit liegenden Freiräumen vorbehalten, können in imaginäre Welten führen und auf Lust und Spannung zielen.

Spieleverlage fassen seit einigen Jahren Literatur als Spiel auf und bringen literarische Werke als Brettspiele heraus. Mit Literatur als Impulsgeber werden Phileas Fogg (In 80 Tagen um die Welt), Pater William (Der Name der Rose) oder Graf Dracula zu Figuren auf dem Spielbrett. In der Umsetzung des Fantasy-Klassikers Der Herr der Ringe schlüpfen die Spieler in die Rolle von Hobbits, um gegen Sauron um die Zerstörung des Ringes zu kämpfen. Die in J. R. R. Tolkiens Buch alles beherrschende Frage – Siegt am Ende die Gemeinschaft oder die böse Macht? – wird geschickt umgesetzt, indem die Spieler als Hobbit-Gemeinschaft gegen den spielgesteuerten Sauron antreten.

„Der Geist der Trilogie von Freundschaft, Gemeinschaft und Zusammenhalt spiegelt sich im Brettspiel wider, denn die Spieler gewinnen entweder gemeinsam oder sie verlieren gemeinsam. Dieses kooperative Spielprinzip in Kombination mit der Literaturidee kommt sehr gut an – auch in Familien“, erklärt Barbara Schmidts, Spieleredakteurin beim Stuttgarter Traditions-Verlag Kosmos. Auch das an Ken Folletts gleichnamigen Roman angelehnte Spiel Die Säulen der Erde setzt das Thema das Buchs spielerisch um: den Bau einer Kathedrale in der fiktiven Stadt Kingsbridge. Die Spieler begegnen den aus dem Roman bekannten Personen und Ereignissen. „Sie erleben auf dem Spielplan ein Stück Mittelalter“, sagt Barbara Schmidts.

Marketingargumente treffen auf Spielvergnügen

Sowohl Der Herr der Ringe – von der Jury „Spiel des Jahres“ mit dem Sonderpreis „Literatur im Spiel“ ausgezeichnet – als auch Die Säulen der Erde – ausgezeichnet mit dem Deutschen Spielepreis – sind im Kosmos-Verlag, der neben Büchern auch Spiele im Programm hat, erschienen. Aus Verlagssicht sind solche Adaptionen sinnvoll, gewinnt man mit Literaturspielen doch größere Aufmerksamkeit, wenn der Käufer die literarische Vorlage bereits kennt und sich ein Bild vom Spiel machen kann. „Wenn diese Erwartungshaltung erfüllt wird, hat der Kunde ein tolles Spiel zu seinem geliebten Buch und kann das am Spieltisch mit anderen teilen“, erklärt Barbara Schmidts den Vorteil von Literaturspielen. Denn: „Sich mit den Charakteren eines beliebten Buchs zu beschäftigen, macht einfach Spaß.“ Literaturspiele erschließen den Buchhandel außerdem als Vertriebsmöglichkeit, wenn die Spiele zusammen mit den Büchern präsentiert werden. So können neue Zielgruppen angesprochen werden, die nicht zu den typischen Kunden von Spielwarenläden gehören.

Bei der inhaltlichen Umsetzung sind die unterschiedlichen Charakteristika der Medien Buch und Spiel genauso zu berücksichtigen wie die Erwartungen der Nutzer. Je nach Spiel ist die Handlung mehr oder weniger eng an das Buch angelehnt. Die Dramaturgie unterscheidet sich insofern, als das Buch ein offenes oder mehrdeutiges Ende zulässt, während das Spiel immer mit Sieg und Niederlage endet. Erfolgreiche Spiele fangen die Atmosphäre der Literaturvorlage ein und geben den Spielern die Möglichkeit, die Erzählung innerhalb des Spielreglements neu zu interpretieren und weiterzuspinnen. So entstehen spielergenerierte Inhalte, wobei die Buchvorlage eine Art Meta-Regelsystem vorgibt, also einen für alle Spieler geltenden Rahmen.

Vom Spieltisch in den Cyberspace

Weil digitale Spiele ein großes Potenzial haben, Geschichten auf ihre eigene Art zu erzählen und den Spieler zum Akteur zu machen, haben Literaturadaptionen ihren Weg auch in die Welt der Computerspiele gefunden. So kann etwa der dunkle Herrscher Sauron aus Der Herr der Ringe auch auf dem Bildschirm bekämpft werden; das Action-Abenteuer The Last of Us mit seiner postapokalyptischen Szenerie nimmt deutliche Anleihen bei Cormac McCarthys düsterem Endzeitroman Die Straße, und der Third-Person-Shooter Spec Ops: The Line hat Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis als Vorbild. Literaturadaptionen im Computerspielbereich sind naheliegend, arbeiten digitale Spiele doch seit jeher mit narrativen Mitteln. Die Möglichkeiten digitaler Spiele schaffen es, Spieler in fantastische Parallelwelten mitzunehmen, in denen der Kreis der Mitspieler vom Spieltisch auf das Internet ausgeweitet wird.