Existenzgründung in der Elternzeit
Unternehmerische Mütter

Meike Fehr | © Ute Zauft
Meike Fehr | Foto (Ausschnitt): © Ute Zauft

Mit dem Kind kommt die Babypause – und damit für viele Frauen der Karriereknick. Manche machen sich deswegen selbstständig. Tatsächlich steigt die Zahl der Unternehmerinnen stetig, viele Frauen gründen während der Elternzeit ein Unternehmen.

Wenn Meike Fehr von ihrem Arbeitsplatz aufschaut, fällt ihr Blick auf eine Spielecke mit Plüschteppich, einem Holzherd und einem kleinen Tisch voller Malutensilien. Hier spielt ihr einjähriger Sohn Matti immer dann, wenn sie ihn schon von der Kita abgeholt hat, aber noch schnell etwas für die Buchhaltung erledigen muss. Ihr älterer Sohn Juri treibt sich dann lieber in der Werkstatt nebenan herum und bastelt mit Begeisterung kleine Flugzeuge oder Schiffe aus Holzresten. Der Sechsjährige wird praktisch mit Holz groß, denn seine Mutter hat sich mit einem Laden für skandinavische Möbel aus den 1950er- bis 1970er-Jahren selbstständig gemacht, als er gerade in die Kita kam. Inzwischen hat der Laden Stilraum Berlin zwei großräumige Verkaufsflächen – inklusive Büro, Lager und Werkstatt eine Fläche von rund 280 Quadratmetern.

Laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums von 2013 sind in Deutschland inzwischen ein Viertel der Unternehmer mit Mitarbeitern weiblich, unter den Selbstständigen ohne Beschäftigte sind es sogar 38 Prozent. Damit ist der Anteil der Frauen an den sogenannten Soloselbstständigen in den vergangenen zehn Jahren um 51 Prozent angestiegen. Auch Meike Fehr, zweifache Mutter, gehört zu den Frauen, die Lust aufs Gründen hatten – allerdings hat sie ihre Geschäftsidee gemeinsam mit ihrem Mann Genja in die Tat umgesetzt.

Im Notfall abends an den Schreibtisch

Die Unterstützung des Partners sei enorm wichtig, sagt Unternehmensberaterin Jutta Overmann. Sie hat schon viele Frauen in die Selbstständigkeit begleitet und sagt: „Wenn der schärfste Kritiker im nahen Umfeld sitzt, dann wird es sehr schwer.“ Möbelliebhaberin Fehr weiß ihre Konstellation auch aus ganz praktischen Gründen zu schätzen: „Wenn eines der Kinder krank wird, können wir beide uns absprechen, wer zum Arzt geht und wer sich um die Bestellungen kümmert.“ Im Zweifel dann auch abends, wenn die Kinder im Bett sind, denn die Arbeit werde dadurch natürlich nicht weniger. Für die beiden Jungunternehmer entpuppte sich die Selbstständigkeit als ideal für ihre kleine Familie.

Auch Beraterin Overmann beobachtet, dass immer mehr Mütter während der Elternzeit mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen, „vor allem dann, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Job – zumindest in Vollzeit – eigentlich nicht mit Familie zu vereinbaren ist“. Diesen Frauen empfiehlt sie, die Elternzeit als gut geplante Testphase zu nutzen oder zur Erstellung eines genauen Businessplans. „Denn der Schritt in die Selbstständigkeit will gut überlegt sein“, so Overmann. Eine entscheidende Frage sei immer, ob die Familie von den Einnahmen aus der Selbstständigkeit leben müsse. „Gründung ist immer auch mit Risiko verbunden, und die Anlaufzeiten werden oft unterschätzt – gerade in der Elternzeit.“

Ziele eines Markttestes genau festlegen

Um zum Beispiel die Chancen einer Produktidee zu testen, so die Existenzgründungsberaterin, könne durchaus auch ein Onlineportal wie Dawanda genutzt werden, auf dem selbst hergestellte Produkte angeboten werden. Laut aktueller Firmenstatistik stellen bei der Plattform derzeit 250.000 Hersteller ihre Waren ein, rund 60 Prozent davon sind Mütter. Im Angebot ist auffallend viel Handgenähtes, wie Taschen, Kinderkleidung oder auch Spielzeug. „Doch auch für einen solchen Markttest sollten klare Ziele abgesteckt werden“, betont die Beraterin. „Was will ich in sechs Monaten erreichen, um zu entscheiden, ob ich weitermache oder eben nicht?“ Sonst bestehe die Gefahr, dass die Selbstständigkeit in eine prekäre Sackgasse führe. So verdienen nach einer Erhebung von 2010 immerhin 22 Prozent der soloselbstständigen Frauen weniger als 500 Euro im Monat. Das ist ein Zuverdienst, aber nichts, wovon eine Familie leben könnte.

Angst vor dem Karriereknick nach der Babypause

Bevor Jacqueline Schwope Mutter wurde, hatte die gebürtige Schweizerin eine Führungsposition bei der Bildagentur Getty Images. Ihr Job als Marketingmanagerin beinhaltete viele Dienstreisen und Wochenendtermine, und ziemlich schnell war ihr klar, dass dieser Posten nicht mit ihrer Vorstellung von einem Leben mit Familie vereinbar war. „Ich wollte Zeit für meine Kinder haben, aber in Teilzeit wäre dieser Job nicht möglich gewesen“, so Schwope. „Da werde ich lieber selbst Chefin“, sagte sie sich und gründete sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter Motherworld, eine Agentur für Kinderbetreuung.Heute vergleicht Schwope die Selbstständigkeit mit einem „Marathonlauf mit Suchtfaktor“. Wichtig seien Mut, Stärke und Durchhaltewillen. Als ihr zweites Kind geboren wurde, zog sie Bilanz und musste sich eingestehen: „Was unterm Strich dabei herauskam, stand nicht im Verhältnis zur Zeit und Energie, die ich in das Projekt gesteckt hatte.“ Doch statt aufzugeben, entschied sie noch einmal durchzustarten, steckte Geld in ihre Website und weitete ihr Angebot auf weitere Städte aus. Die entscheidende Wende kam, als sie einen Kooperationspartner fand. Mit ihm bietet sie ihre Dienste unter dem Stichwort Familienservice inzwischen auch für finanzkräftige Unternehmen an. Mindestens genauso wichtig ist es ihr aber, weiterhin Kinderbetreuung für Privatkunden – meist eben Mütter, die wieder in den Beruf einsteigen wollen – zu vermitteln. Denn aus eigener Erfahrung weiß sie: „Wenn die Betreuung nicht funktioniert, kann man nicht arbeiten.“