Berliner Start-up-Szene Nischen statt Massenmärkte

Die erste Lange Nacht der Startups 2013
Die erste Lange Nacht der Startups 2013 | Foto (Ausschnitt): © startupnight.de

Verglichen mit den größten Startup-Standorten weltweit belegt Berlin nur Platz 15. Trotzdem ist ein regelrechter Hype um die deutsche Hauptstadt entstanden. Doch was macht sie für Gründer so attraktiv?

Auf den ersten Blick beeindruckt die Zahl: Mit 545 gemeldeten Start-ups hebt sich Berlin deutlich von anderen deutschen Großstädten ab. Weit dahinter kommen laut der Datenbank des Online-Magazins Gründerszene München mit 163 und Hamburg mit 149 Jungunternehmen. Gründerszene-Redakteur Niklas Wirminghaus nennt die Berliner Start-up-Szene ein Ökosystem, das nicht nur Hoffnungen, sondern auch Erfolgsgeschichten zu bieten habe: „Hinzu kommt dank der hohen Dichte an Kulturangeboten eine unglaubliche Lebensqualität.“

Ausschlaggebend für die Standortwahl scheint jedoch ein anderer Faktor zu sein. „Berlin ist immer noch wahnsinnig billig. Ein Start-up zu gründen kostet Geld, viele Gründer gehen dafür ins Minus. Da hilft es natürlich, wenn die Miete nicht jeden Monat ein riesiges Loch ins Budget frisst“, sagt Wirminghaus.

Gut, aber nicht gut genug

Eines der erfolgreichsten Berliner Start-ups ist Zalando. In nur fünf Jahren hat sich das Unternehmen zu Europas größtem Modeversand entwickelt. 2012 gehörte Zalando.de zu den 100 umsatzstärksten deutschen Online-Shops. 2013 erwirtschaftete Zalando 1,8 Milliarden Euro. Trotzdem nannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Internet-Versandhändler Anfang des Jahres einen kleinen Fisch – zumindest im Vergleich zum schwedischen Modekonzern H&M, der 2012 alleine in Deutschland 3,5 Milliarden Euro Umsatz gemacht hat.

Laut dem 2013 veröffentlichten Startup Ecosystem Report 2012 ist das Hauptproblem der meisten Berliner Start-ups ihr geringes Kapital. In Berlin müssen junge Unternehmen mit rund 80 Prozent weniger Geld auskommen als im kalifornischen Silicon Valley, das für den Bericht als vorbildlichster Start-up-Standort im Vergleich zu anderen Metropolen herangezogen wurde. Für das Scheitern vieler Neugründungen macht Niklas Wirminghaus vor allem ein strukturelles Problem verantwortlich. „Das Geld für die ersten Monate kriegt man leicht zusammen. Wenn man aber das Geschäftsmodell in anderen Ländern ausrollen will, Marketing- und Vertriebsstrukturen aufbauen muss, dann fehlt es an Geldgebern mit entsprechendem Risikokapital.“

Überschaubare Marktplätze

Folglich besetzen Berliner Start-ups häufig eher Nischen, als sich an Massenmärkte heranzuwagen. Wie aussichtsreich diese Strategie ist, zeigt das 2012 gegründete Start-up Blinkist. Mit einer App, die in 15 Minuten die wesentlichsten Informationen aus Sachbüchern liefert, wollen Holger Seim und sein 14-köpfiges Team Wartezeiten sinnvoller gestalten. „Indem wir nur Sachbücher in den Fokus nehmen“, sagt Seim, „haben wir in dem riesigen Markt der Buchzusammenfassungen eine gute Chance, nicht einfach so unterzugehen.“ Offenbar hat das auch Hubraum, das Gründungszentrum der Deutschen Telekom, so gesehen und in das Projekt investiert.

Auch das Start-up Etagen-Erika konzentriert sich auf überschaubare Marktplätze. Gemeinsam mit ihrer Partnerin stellt die Berlinerin Susanne Feldbauer individuelle Balkonpflanzen-Sets zusammen und liefert diese an Großstädter. Damit gehören die beiden Frauen zu den wenigen weiblichen Gründerinnen, deren Anteil in Berlin nur drei Prozent ausmacht. Dabei könnte das kreative Potenzial in Berlin kaum größer sein, findet Susanne Feldbauer. „Die Start-up-Szene hier ist sehr lebendig und vielfältig. Berlin bestärkt einen darin, Dinge einfach zu machen.“

Erfolg durch Kooperation

Die Politik spielt bei der Gründungsfinanzierung insbesondere im Rahmen internationaler Zusammenarbeit eine aktive Rolle. So konnte laut dem Deutschen Start-up Monitor 2013 die Hälfte der Berliner Start-ups, die Risikokapital zur Finanzierung ihrer Unternehmen einsetzten, ihren Kapitalbedarf durch ausländische Investoren decken.Wie wichtig dafür Netzwerke sind, hat die Szene mittlerweile erkannt und eine Lange Nacht der Berliner Start-ups auf die Beine gestellt. Erstmalig organisiert im September 2013, bot das Event 73 jungen Unternehmen die Chance, sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Für Jungunternehmer Holger Seim hat sich die Aktion bereits gelohnt: „Durch den offenen Austausch mit anderen Gründern sind uns einige Fehltritte erspart geblieben.“