AOK-Familienstudie 2014 „Sich Auszeiten nehmen“

Familie
Familie | Foto (Ausschnitt): © AOK-Bundesverband

In Deutschland gibt es rund acht Millionen Familien mit minderjährigen Kindern, 1.500 von ihnen wurden für die dritte AOK-Familienstudie befragt. Im Interview erklärt Ulrike Ravens-Sieberer, Professorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, vor welchen Herausforderungen das heutige Familienglück steht.

Den meisten Eltern in Deutschland geht es offenbar gut: So führen laut Ihrer Studie 93 Prozent ein zufriedenes Familienleben, 43 Prozent sind sogar sehr zufrieden. Nur 7 Prozent äußern sich unzufrieden mit dem eigenen Familienleben. Macht Familie glücklich?

So pauschal kann man das natürlich nicht sagen. Familie kann glücklich machen, aber auch unglücklich. Das hängt immer davon ab, wie das Familienleben gestaltet wird. Ich halte es für ganz wichtig, dass Eltern es schaffen, ihren Kindern und natürlich auch sich selbst eine Art innere Heimat zu schaffen – so nenne ich es immer. Also den Kindern immer wieder ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, mit ihnen zu reden und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Glück, Liebe und Geborgenheit innerhalb der Familie kann sich äußern in gemeinsamen Unternehmungen, aber auch einfach in einem regelmäßigen gemeinsamen Abendessen.

Im Vergleich mit den Müttern sind die Väter mit ihrem Familienleben in der Tendenz etwas zufriedener. Wie erklären Sie sich das?

Ich fürchte, das liegt am noch immer vorherrschenden Rollenbild, wonach die Mütter für die Organisation des Familienalltags zuständig sind. Für alle berufstätigen Frauen bedeutet das die klassische Doppelbelastung: Sie stehen im Beruf und kümmern sich gleichzeitig um den Haushalt. Weil die Zeit knapp ist, fühlen sie sich dann sehr gehetzt und angestrengt. Natürlich sind auch die Väter zunehmend in das Familienleben involviert, aber bei der Organisation des Familienalltags – also beim Kochen und Putzen – spielen sie dann doch noch immer eine untergeordnete Rolle.

Der Zeitstress wird immer größer

Wie schon bei der Vorgängerstudie 2010 haben Sie Eltern gefragt, was sie im Familienalltag besonders stark belastet. Welches war die auffälligste Veränderung im Vergleich zu 2010?

Ulrike Ravens-Sieberer Ulrike Ravens-Sieberer | © Ulrike Ravens-Sieberer Es hat uns erstaunt, so deutlich zu sehen, dass ganz viele Eltern in Deutschland sich gehetzt fühlen. So haben wir die Studienteilnehmer gefragt, wie stark sie sich in zeitlicher, finanzieller, psychischer, körperlicher und partnerschaftlicher Hinsicht belastet fühlen. Von diesen Faktoren wurde die zeitliche Belastung am häufigsten genannt. So klagt fast die Hälfte der befragten Eltern über starken oder sehr starken Zeitstress. Und dies ist auch der einzige Faktor, der seit 2010 zugenommen hat, obwohl die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nicht angestiegen ist.

Und warum nimmt der Zeitstress dann zu, muten Eltern sich und ihren Kindern zu viel zu?

Die Wochenarbeitszeit ist zwar nicht gestiegen, aber der Anteil der Familien, in denen beide Partner arbeiten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird hier ganz klar noch immer als tägliche Herausforderung erlebt, und sicherlich spielt es auch eine Rolle, dass die Ansprüche zugenommen haben: Die Kinder sollen möglichst früh gefördert werden, dann sollen sie auch noch Sport treiben und ein Instrument spielen. Das alles zu koordinieren und es dann noch zu schaffen, genügend Freizeit miteinander zu verbringen, das ist nicht ganz einfach – gerade wenn beide Partner arbeiten.

Abendessen als Familienzeit

In vielen Familien wollen oder müssen aber beide Eltern arbeiten. Damit wird die Zeit fast automatisch knapp, denn Teilzeitstellen sind rar. Können Eltern den Druck, der dadurch auf ihrer Familie lastet,  überhaupt abfangen?

Tatsächlich können Eltern selbst etwas tun, indem sie versuchen, bewusst Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. In unseren Familienstudien haben wir zum Beispiel gesehen, wie hilfreich es ist, mindestens eine Mahlzeit pro Tag mit den Kindern einzunehmen. Das ist gemeinsame  Zeit, bei der alle an einem Tisch sitzen, ohne dass ein Handy klingelt oder der Fernseher nebenher läuft. Außerdem sollten sich die Eltern selbst Auszeiten gönnen, um wieder aufzutanken – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Gleichzeitig gibt es natürlich eine ganze Reihe struktureller Maßnahmen, die wir als Gesellschaft leisten müssen. Dazu gehören ausreichend Plätze in Kindertagesstätten, aber auch flexible Arbeitszeiten. So haben wir in unserer Studie gesehen, dass es der Gesundheit der ganzen Familie zuträglich ist, wenn die Arbeitszeiten mindestens eines Elternteils flexibel sind.

Heutzutage dreht sich ja sehr viel ums Kind, während Eltern sich häufig zurücknehmen. Ist das gut oder eher kontraproduktiv?

Es ist wichtig, dass die Eltern nicht das Gefühl haben, sie müssen alles auf das Kind ausrichten und sich dabei selbst vergessen. Stattdessen sollten sie auch mal ohne ihre Kinder abends ins Restaurant oder ins Kino gehen. Unsere Familienstudie hat belegt, dass es den Kindern gut tut, wenn auch die Eltern auf ihre Gesundheit achten. Deswegen ist der Appell an die Eltern, sich Auszeiten zu nehmen und auch auf ihre Partnerschaften zu achten.

Der Stress der Eltern wirkt sich auf die Kinder aus

Ihre Studie hat auch ergeben: Wenn Eltern unzufrieden mit ihrem Familienleben sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder gesundheitlich belastet sind, doppelt so hoch wie bei zufriedenen Eltern. Machen unzufriedene Eltern ihre Kinder krank?

Wir wissen aus vielen Studien, dass das gesundheitliche Wohlbefinden von Kindern leidet, wenn die Eltern sich belastet fühlen. Ein Kind spürt natürlich die Belastung seiner Mutter oder seines Vaters, muss diese auffangen oder macht sich Sorgen. Deswegen ist es ja auch so wichtig, nicht nur auf die Gesundheit der Kinder zu achten, sondern auch auf sich selbst.

In den früheren Großfamilien war Kindererziehung ein Gemeinschaftsprojekt, das auf viele Schultern verteilt war. Sind diese Zeiten endgültig vorbei und müssen sich die Eltern in Zukunft allein durchschlagen?

Wir leben nicht mehr in Großfamilien, und ich fürchte, da wird im Rückblick auch vieles romantisiert. Aber natürlich ist es so gewesen, dass in einer Großfamilie andere Ressourcen zur Verfügung standen, wenn die Eltern sich mal nicht um die Kinder kümmern konnten. Heutzutage sind oft nicht einmal mehr die Großeltern vor Ort, weil viele Familien aus beruflichen Gründen immer wieder umziehen müssen. Dann ist es wichtig, dass man sich im nahen Umfeld soziale Netzwerke schafft. Das können Nachbarn sein, die im Haus wohnen, das können Freunde oder andere Eltern aus dem Kindergarten oder der Schule sein. Wichtig ist, dass man das Gefühl hat, wenn ich unter Zeitdruck oder in Eile bin, dann kann ich jemanden anrufen, der nach meinem Kind schaut. Das müssen nicht immer die Großfamilie oder Oma und Opa sein.
 

Für die dritte AOK-Familienstudie hat das Sinus-Institut in einer repräsentativen Telefon-Befragung mehr als 1.500 Mütter und Väter interviewt. Einer der Schwerpunkte der aktuellen Studie war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die beiden Vorgängerstudien stammen aus den Jahren 2007 und 2010. Wissenschaftlich begleitet wurde die Erhebung von Ulrike Ravens-Sieberer, Professorin für Gesundheitswissenschaften, Gesundheitspsychologie und Versorgung von Kindern und Jugendlichen am Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.