Deutsche Pünktlichkeit Die Vertaktung des Lebens

Pünktlichkeit ist erlernt.
Pünktlichkeit ist erlernt. | Foto (Ausschnitt): © janonkas - Fotolia.com

Ohne Pünktlichkeit wäre das Leben in Mitteleuropa nach wie vor nur schwer vorstellbar. Dabei ist das Diktat der Uhr ein Überbleibsel aus der Industrialisierung und für die moderne Zeitforschung eigentlich ein Auslaufmodell.

Zwei Menschen wollen sich treffen. Sie verabreden sich zu einer bestimmten Uhrzeit, sagen wir, um 14 Uhr. Person A trifft fünf Minuten vor der verabredeten Zeit ein, bestellt sich einen Kaffee und blättert ein wenig in einem Magazin. Person B kommt, leicht außer Atem, um 14.15 Uhr an den Tisch, an dem es sich Person A schon bequem gemacht hat. B entschuldigt sich für die Verspätung. Ein wichtiger Anruf sei dazwischengekommen, kurz bevor er gehen wollte. Beide lächeln, alles ist gut.

Wenn Sie Mitteleuropäer oder Deutscher sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Ihnen diese Szene wie eine Art Naturgesetz vorkommt. Man verabredet sich zu einer bestimmten Uhrzeit, bemüht sich, pünktlich zu erscheinen und entschuldigt sich, wenn man sich verspätet.

Die Erfindung der Pünktlichkeit

In Wahrheit ist so ziemlich alles an diesem Setting ein hochkomplexes kulturelles Konstrukt. Fast nichts an der Art und Weise, wie verabredete Menschen sich treffen, ist selbstverständlich. Fast alles ist erlernt. Und dazu gehört vor allem die Pünktlichkeit.

„Das Verhalten der Pünktlichkeit ist gegen die menschliche Zeitnatur“, sagt Karlheinz Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik und einer der am meisten zitierten deutschen Experten für die Kulturgeschichte der Zeitwahrnehmung. „Der Mensch wird nicht pünktlich geboren, stirbt nicht pünktlich, sondern er muss pünktlich gemacht werden.“ Die Pünktlichkeit, so Geißler, sei im Grunde eine Erfindung des 19. Jahrhunderts: Erst im Zeitalter der Industrialisierung wurde es wegen der Massenproduktion mechanischer Uhren möglich, bestimmte Zeitpunkte allgemeingültig festzulegen. So erhielt die Beachtung der Uhrzeit immer mehr gesellschaftliche Relevanz.

Das Leben nach der Uhrzeit wurde zur Tugend, die Pünktlichkeit eines der wichtigsten Merkmale des sogenannten neuen, modernen Menschen. „Der neue Mensch sollte objektiviert, quantifiziert und, in Uhrwerk- und Maschinensprache, neu definiert werden. Vor allem sollte sein Leben und seine Zeit mit der Uhr gleichgeschaltet werden, mit den Erfordernissen des Zeitplans und der Effizienz“, schreibt der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin in seinem Klassiker Uhrwerk Universum. Die Zeit als Grundkonflikt des Menschen. Vor der Erfindung der Uhr war es nahezu unmöglich, die Aktivitäten der Menschen zeitlich genau zu koordinieren. Das machte die Industrialisierung aber unbedingt notwendig. Pünktlichkeit wurde zum groß angelegten Erziehungsauftrag für die sich formierende Industriegesellschaft.

Die Entprogrammierung der Gesellschaft

Dass dies in Mitteleuropa, speziell in Deutschland, offenbar besonders gut funktioniert hat, gilt immer noch als Fakt. Wie hochartifiziell die so oft zitierte deutsche Pünktlichkeit aber eigentlich ist, zeigt sich in den gewaltigen Unterschieden, wie andere Kulturen Uhrzeit und Leben koordinieren. Wer sich in einer ihm fremden Kultur verabredet, muss den Umgang mit Pünktlichkeit oftmals neu erlernen: Wann kann man mit seiner Verabredung rechnen, wenn überhaupt? Wie viel Bedeutung sollte dem zu spät Kommenden zugemessen werden? Welche Art von Entschuldigungen ist zu erwarten und gilt als akzeptabel? Ist es eventuell sogar unhöflich, pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit zu erscheinen?

Und selbst in unserem scheinbar so konsistenten mitteleuropäischen Verständnis von Pünktlichkeit gibt es Brüche. Während es im mitteleuropäischen Kulturraum lange Zeit nur schwer vorstellbar war, verbindlich zu sein, ohne Verabredungen pünktlich einzuhalten, ist genau dies mittlerweile der Fall. „Wir können verbindlich sein und trotzdem unpünktlich – indem wir anrufen“, so Geißler. Auch in anderen Bereichen richten immer weniger Menschen ihr Leben nach der Uhr aus. Fernsehen on demand wird sich durchsetzen, Zeitungsartikel können jederzeit im Internet gelesen, Radiosendungen als Podcast nachgehört werden. „Wir entprogrammieren unsere Gesellschaft“, prognostiziert der Zeitforscher Geißler.

Rhythmus statt Takt

Fast wirkt es ein wenig so, als erfülle sich etwas, was uns zahlreiche Ratgeberbücher schon seit Jahren nahelegen: Wir müssen uns entschleunigen, uns gegen das Diktat der Uhr stellen, die unser Leben künstlich vertaktet. Der Takt, per definitionem Wiederholung ohne Abweichung, müsse wieder ersetzt werden durch den Rhythmus, die Wiederholung mit Abweichung.

Tatsächlich sind es nämlich Rhythmen, die alle Lebewesen zeitlich strukturieren. Biologen haben herausgefunden, dass in jeder Zelle eine Uhr tickt: die Körperzeit des sogenannten circadianen Rhythmus, die unser ganzes Dasein steuert. Sie bestimmt, wann wir wach werden, wann wir müde werden, nach welchem Zyklus unsere Organe arbeiten. „Diese Körperuhren steuern die Physiologie, das Verhalten und Erleben. Dabei werden alle diese inneren Uhren über das Sonnenlicht synchronisiert, so dass sie im Gleichtakt schwingend uns durch den Tag und die Nacht bringen“, erklärt der Freiburger Zeitforscher und Psychologe Marc Wittmann. Direkt wahrnehmen können wir die Körperzeit zwar nicht. Doch wir können und sollten die Signale unseres Körpers ernster nehmen: Wann ist mein Leistungshoch? Wann wäre es besser, eine Pause zu machen?

„Wir haben heute die große Chance, wieder mehr nach unserer natürlichen Eigenzeit zu leben als nach der Uhr“, sagt Zeitforscher Geißler. Ganz abgesehen davon, dass selbst die deutsche Pünktlichkeit immer mehr zum Klischee wird, das, wenn überhaupt, nur an der Oberfläche der Tatsachen kratzt. „Wenn wir es genau betrachten, ist die Pünktlichkeit der Deutschen eigentlich nur ein Effekt der Kleinteiligkeit der Zeitorganisation“, so Geißler. „Das heißt aber eigentlich nicht, dass wir es deswegen auch immer schaffen, pünktlich zu sein.“