Saarländer und Französisch Liebe auf Sparflamme

Liebe auf Sparflamme

Das Saarland präsentiert sich gern als das französischste aller deutschen Bundesländer. Doch obwohl die Einflüsse des Französischen merklich sind, spielt die Sprache des Nachbarn bloß eine Nebenrolle.

Reist der Saarländer, was er gern tut – allerdings bloß, um umso lieber in seine überschaubare Heimat zurückzukehren – ,wird er in Berlin oder München oft nach Sekunden schon erkannt. Spätestens, wenn er das französische Wort Engagement sagt. Denn er sagt es nicht so wie der Rest der Deutschen, bei denen Plosivlaute tatsächlich wie Explosionen klingen, sondern so, wie es sich gehört: mit zu „sch“ glatt geschliffenem „g“ und näselndem „a“. Und dann heißt es meist: „Ja, ihr Saarländer, ihr könnt doch alle perfekt Französisch“. Eben das können die meisten Saarländer nicht. Trotzdem halten viele Deutsche die knappe Million Menschen, die in und um Saarlouis, Saarbrücken und St. Wendel leben, für halbe Franzosen, obwohl das Saarland seit 1957 Teil der Bundesrepublik Deutschland ist und man jeden Abend auf der Fernsehwetterkarte genau sehen kann: Saarbrücken, Hauptstadt des kleinsten deutschen Flächenlandes, ist eine deutsche Stadt.

Zweisprachige Hinweisschilder

Ist es also nicht weit her mit der Redewendung vom „französischsten aller Bundesländer“? Es steckt schon Wahrheit drin. Doch nehmen wir mal den anderen Weg: von Berlin oder München Richtung Saarbrücken. Da staunt der Fremde nicht schlecht: Samstagvormittags wird in Saarbrücker Geschäften französisch parliert, wenn halb Lothringen zum Einkaufen kommt. Zweisprachige Schilder führen ins Musée und Théatre. Der Saarländer geht auch, ob er nun Hochdeutsch (die Ausnahme) oder Dialekt (die Regel) spricht, auf dem Trottoir und nicht auf dem Bürgersteig. Der Brief kommt ins Kuvert (von frz. couvrir=umhüllen). Was insofern originell ist, da im Französischen der Briefumschlag enveloppe heißt. Und läuft mal was gründlich schief, steckt der Saarländer in der Bredouille, nicht aber in der Klemme.

Vertieft man sich in die beiden Hauptmundarten, das Mosel- und das Rheinfränkische, die im Saarland gesprochen werden, entdeckt man noch mehr gallisches Sprachgut. Leicht nachvollziehbar sind die Forschett (frz. fourchette=Gabel), der Karnevalsruf „Alleh hopp!“ (von frz. aller=gehen) und das Fissäl, (von frz. ficelle=Schnur), mit dem man Pakete verschnürt. Manche Wortgeschenke fordern aber auch den etymologischen Detektiv. „Mach kee Fisimatente!“, heißt es, wenn jemand keinen Unfug machen soll. Wo die Fisimatenten herstammen, ist nicht wirklich geklärt. Mittlerweile hat man Belege für dieses Wort in mittelalterlichen Quellen entdeckt. Im Saarland vertraut man aber auf eine pikantere Erklärung: Napoleons Männer, die auf ihren Eroberungszügen auch in die Saarregion kamen, sollen Mädchen mit dem Satz „Visite ma tente!“ (Besuche mein Zelt!) gelockt haben, worauf Väter ihre Töchter mahnten, eben das nicht zu tun: „Mach kee Fisimatente!“ Über Umwege kommt man auch dem Bettseischer auf die Spur, Löwenzahnsalat, der im Saarland mit Speck und Ei serviert wird. Pissenlit (ins Bett machen/seichen) heißt die Pflanze nämlich in Frankreich ob ihrer treibenden Wirkung.

Letztlich aber sind es nur ein paar Dutzend Begriffe und Redewendungen aus dem Französischen, die es ins Saarländische geschafft haben. Recht wenig – bei immerhin 157 Kilometer gemeinsamer Grenze mit Frankreich. Umgekehrt blieb der Austausch noch spärlicher. Denn das Lothringer Platt, das heute noch bis maximal 30 Kilometer nach Frankreich hinein gesprochen wird, ist im Grunde eine deutsche Mundart, die man problemlos im Saarland und auch in Teilen von Rheinland-Pfalz versteht.

Frankreich, das Land des Feindes

Woher rührt aber diese Reserviertheit dem Französischen gegenüber? Für die Menschen an der Saar war Frankreich über Jahrhunderte vor allem das Land des Feindes, auch der Besatzer. Lange hat es gedauert, bis daraus Partner und Freunde wurden. Dementsprechend distanziert blieb man auch sprachlich. Was die übrigen Deutschen nicht davon abhielt, die Saarländer als Rucksackfranzosen oder Saarfranzosen zu beschimpfen. Auch das beflügelte die Liebe zu den Franzosen und ihrer Sprache nicht gerade.

Die Kunst des „Saarvoirevivre“

Wirklich geändert hat sich das erst, als Saarbrücken Mitte der 1970er-Jahre einen Oberbürgermeister mit französisch klingendem Namen bekam, der 1985 auch Ministerpräsident wurde. Mit dem damaligen Sozialdemokraten Oskar Lafontaine an der Spitze verkehrten Politiker, Künstler und Gastronomen das Schimpfwort vom Saarfranzosen ins Gegenteil. Man propagierte nun das sogenannte saarvoirevivre – die französische Lebensart auf saarländische Weise – was nicht nur exquisites Essen meint. Man begann sich auch für französische Kultur zu interessieren: 1977 bekam Saarbrücken die Perspectives – ein Festival für frankophone Bühnenkunst, das bis heute existiert. Und keiner hat das saarländische Lebensgefühl schöner in Worte gefasst als der Schriftsteller Ludwig Harig. Sein Band Die saarländische Freude. Ein Lesebuch über die gute Art zu leben und zu denken von 1977 wurde zum Credo der Menschen an der Saar.

Mittlerweile geht die Liebe zu Frankreich nicht mehr nur durch den Magen. Sie hat die Köpfe erreicht. So hat die Landesregierung aus Christ- und Sozialdemokraten 2014 eine Frankreichstrategie verabschiedet. Bis 2030, so das Ziel, soll Französisch im Saarland zweite Verkehrssprache werden.Dann kann man, wenn es in Berlin, Hamburg oder München mal wieder heißt, „Ihr sprecht doch alle Französisch“, antworten: „Mais oui!“.