Punk-Fotoarchiv „Punkfoto.de ist ein Dokument der Zeitgeschichte“

Hannover, 1983 – vorne: Karl Nagel
Hannover, 1983 – vorne: Karl Nagel | Foto (Ausschnitt): © punkfoto.de

Auf Punkfoto.de lebt die Jugendbewegung von ihren Anfängen Ende der 1970er-Jahre bis ins Jahr 2000 weiter. Ein Interview mit dem Betreiber Karl Nagel über ein Portal, das mit über 13.000 Fotos eine rebellische Jugendkultur porträtiert.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Punkfoto.de zu machen?

Ich habe in den 1980er-Jahren Punk-Fanzines herausgegeben, deswegen besaß ich schon einen ganz guten Fundus an Bildern. In den 1990er-Jahren begann ich dann, ein Buch über Punk zu schreiben und scannte dafür die Fotoalben meiner alten Freunde ein. 2007 habe ich die Bilder auf meiner Website Karlnagel.de veröffentlicht. Die Resonanz darauf war ziemlich gut. 2010 folgte Punkfoto.de, weil mir immer mehr Leute anboten, ihre Bilder zu verwenden. Mir war das zu viel Arbeit, deshalb musste die Website automatisiert werden. Die Leute können ihre Fotos jetzt selbst hochladen.

Das Archiv ist recht umfangreich: Über 13.000 Bilder wurden von etwa 1.700 Mitgliedern eingestellt. Wie wird die Website gepflegt?

Ich arbeite als Entwickler und habe die Site selbst erstellt, die Funktionalitäten gebaut und ich verwalte sie selbst.

„Ich finde es spannend, selbst Bestandteil von Geschichte zu sein“

Es hat sich eher zufällig ergeben, dass Sie Punkfoto.de gegründet haben. Was bedeutet Ihnen das Portal mittlerweile?

Karl Nagel, Betreiber von punkfoto.de, 2014 Karl Nagel, Betreiber von punkfoto.de, 2014 | © Karl Nagel Wenn man sich die Bilder anschaut, sieht man, dass ich ja selbst ziemlich lange mit bunten, abstehenden Haaren herumgelaufen bin. Und ich kenne eben sehr viele Leute von damals. Außerdem bin ich seit meiner Kindheit an historischen Zusammenhängen interessiert. Bis heute verschlinge ich Geschichtsbücher. Also finde ich es auch spannend, selbst Bestandteil von Geschichte zu sein und das, was man in den 1980er- und 1990er-Jahren gemacht hat, so aufzubereiten, dass die Leute, die dabei gewesen sind, über die Website in Kontakt treten können. Punkfoto.de ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Es geht nicht darum, die Vergangenheit kritiklos zu verherrlichen, ich will sie aber auch nicht kommentarlos streichen.

Wie entscheiden Sie, welche Bilder veröffentlicht werden und welche nicht?

Eine Grenze ziehe ich mit dem Jahr 2000. Die Bilder müssen bis dahin entstanden sein. Außerdem geht es um die deutsche Punkbewegung, Ost wie West. Die Leute sollen sich in diesem historischen Kontext wiederfinden. Deshalb gibt es nur wenige internationale Bilder. Punkfoto.de würde zu unübersichtlich werden, wenn ich mehr davon zuließe.

Wie wird die Website denn von den Zeitzeugen aufgenommen? Nicht jeder wird heute noch dazu stehen, einmal Punk gewesen zu sein.

Die meisten finden sie toll. Nur eine kleine Minderheit kommt damit nicht klar. Seit es die Website gibt, wollten nur etwa ein Dutzend Leute, dass ihre Bilder wieder heruntergenommen werden. Und das wird dann sofort gemacht, ganz unkompliziert.

Alle wollten sich als harte Punks zeigen

  • Wuppertal, 1982 – Punk-Treffen im Juli © punkfoto.de, Foto: Archivar/Axel Dehler
    Wuppertal, 1982 – Punk-Treffen im Juli
  • Hannover, 1983 © punkfoto.de, Foto: Michael Zielke
    Hannover, 1983
  • Berlin (Ost), 1983: Bandauftritt Internationale Müllabfuhr © punkfoto.de, Foto: Bambino
    Berlin (Ost), 1983: Bandauftritt Internationale Müllabfuhr
  • Düsseldorf, 1983: Die Toten Hosen im Konzert © punkfoto.de, Foto: Richard Gleim
    Düsseldorf, 1983: Die Toten Hosen im Konzert
  • Düsseldorf, 1983 - Pogo beim Konzert der Toten Hosen © punkfoto.de, Foto: Richard Gleim
    Düsseldorf, 1983 - Pogo beim Konzert der Toten Hosen
  • Hannover, 1983 – vorne: Karl Nagel © punkfoto.de
    Hannover, 1983 – vorne: Karl Nagel
  • Hannover, 1984 – Parteitag © punkfoto.de, Foto: Archivar/Axel Dehler
    Hannover, 1984 – Parteitag
  • Cover des „Falschmelder“-Fanzines Nr.3/1983 © punkfoto.de, Foto: Günter Gruse
    Cover des „Falschmelder“-Fanzines Nr.3/1983
  • Leipzig, 1987 © punkfoto.de, Foto: Bambino
    Leipzig, 1987
  • Berlin (Ost), 1987 – Konzert in der Erlöserkirche © punkfoto.de, Foto: Bambino
    Berlin (Ost), 1987 – Konzert in der Erlöserkirche
  • Hannover, 2006 © punkfoto.de, Foto: Paul M. Berger
    Hannover, 2006
Welche Themenbereiche sind auf Punkfoto.de repräsentiert?

Viel Alkohol und Party, gemeinsames Rumhängen, Ausschreitungen mit Polizei oder Skinheads, viel Musik machen, Konzerte. Ganz wichtig sind Kinderzimmer. Manche Fotos wurden tatsächlich dort gemacht, einige sogar mit den Eltern zusammen. Die Fotos, die von Profis geschossen wurden, sind sehr stark vom Posing gekennzeichnet, alle wollten sich darauf als harte Punks zeigen. Was die Leute in ihren Kinderzimmern aufgenommen haben, hat einen ganz anderen Charakter. Die Bilder sind viel naiver und freundlicher, aber auch authentischer.

Welche Unterschiede gab es damals zwischen Punk in der DDR und der BRD?

Das Punksein im Osten war mit einer viel größeren Opferbereitschaft verbunden. Von jemandem aus der damaligen Leipziger Szene weiß ich etwa, dass fast alle Punks aus der ersten Generation irgendwann im Gefängnis gelandet sind. Der Staat hat einen enormen Druck auf sie ausgeübt.

Zur Situation in Westdeutschland: In Ihrem Blog „karl nagel … brain regain“ fragen Sie in einem Beitrag, ob die Jugendzeitschrift „Bravo“ ein Geburtshelfer des deutschen Streetpunk war. Was hat es damit auf sich?

Die Leute, die auf der kulturellen Ebene mit Punk zu tun hatten, als Künstler oder Musiker, sind auf anderen Wegen mit der Bewegung in Berührung gekommen – über Besuche in England oder Musikzeitschriften beispielsweise. Aber die härtere Schule, die Punks, die auf der Straße rumgehockt und sich mit Leuten geprügelt haben, haben von Punk tatsächlich häufig das erste Mal aus der Bravo erfahren. Es ist halt einfach so, dass Medien häufig Tatsachen produzieren, indem sie darüber berichten.

Wie sehen Sie selbst mit ein paar Jahrzehnten Abstand die Punkbewegung?

Mir persönlich hat Punk damals das Leben gerettet, bei anderen war es umgekehrt. Vor Punk war ich passiv und fremdgesteuert, habe die Handelsschule und eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert, um irgendwas zu machen, das besser war als zu arbeiten. Punk zu werden, war für mich ein Befreiungsakt und die perfekte Gelegenheit endlich herauszufinden, was ich wirklich mit meinem Leben anstellen will. Das ging nicht ohne Verluste, aber ich bereue nicht im geringsten, dass ich das gemacht habe. Durch Punk habe ich mich total verändert.
 

Karl Nagel, 1960 als Peter Altenburg geboren, bezeichnet sich selbst als „Meister des Chaos“, Schundliterat und Archäologe bei Punkfoto.de. Ab den frühen 1980er-Jahren initiierte und organisierte er Punk-Treffen und Konzerte in seiner Heimatstadt Wuppertal sowie die Chaostage in Hannover. Er sang in verschiedenen Bands, aktuell bei Kein Hass da. Bei der Bundestagswahl 1998 war Nagel „Kanzlerkandidat“ der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschland (APPD). Comics spielten eine wesentliche Rolle in seinem Leben: Er gab verschiedene Magazine heraus und betrieb von 2005 bis 2010 das Studio Alligator Farm.