Dr. Motte im Gespräch „Eierkuchen für eine gerechte Nahrungsverteilung“

Dr. Motte
Dr. Motte | Foto (Ausschnitt): © Daniela Eger

Bei der ersten Loveparade 1989 tanzten ganze 150 Menschen über den Berliner Kurfürstendamm. Ein paar Jahre später zog das Techno-Fest fast 1,5 Millionen Teilnehmer aus der ganzen Welt an. 2010 kam das bittere Ende durch die Tragödie von Duisburg. Ein Gespräch mit Loveparade-Gründer Dr. Motte.

Dr. Motte, wie sind Sie in den 1980er-Jahren in Berührung mit Techno gekommen?

Zuerst war ich Punkrocker, habe aber mit der Band Tote Piloten auch Underground Funk gemacht. Ich habe viel Zeit in Schallplattenläden verbracht und war in ständigem Kontakt mit der aktuellen Musik. Auch der Radio-DJ John Peel hat mich stark beeinflusst. Anfang der 1980er-Jahre hatte er schon viel elektronische Musik im Programm: von Cabaret Voltaire aus Großbritannien oder Pyrolator aus Deutschland beispielsweise. 1986 habe ich angefangen, als Mitinhaber und einer von drei Stamm-DJs in der legendären Turbine Rosenheim in Berlin zu arbeiten. Ab 1988 legten wir dort Acid House auf, daraus entwickelte sich dann Techno.

Tanzen für den Weltfrieden

Im Jahr 1989 haben Sie dann die erste Ausgabe der Loveparade ins Leben gerufen.

Ich hatte über Freunde von illegalen Partys in England gehört, bei denen, weil die Anlagen konfisziert wurden, zum Ghettoblaster auf der Straße weitergetanzt wurde. Diese Art spontane Straßenparty wollte ich nach Berlin holen. Zudem hatte ich durch meine Brüder reichlich Demonstrationserfahrung – 1972 bin ich in Berlin das erste Mal auf die Straße gegangen, damals gegen den Vietnamkrieg. Meine Erkenntnis daraus: Wenn man gegen etwas protestiert, erschafft man selbst nichts. Ich wollte ein Gegengewicht zum Negativen und Bösen auf diesem Planeten etablieren und habe beschlossen, wir müssen für etwas demonstrieren. Daher das Motto der ersten Loveparade: „Friede, Freude, Eierkuchen“. Friede stand für Abrüstung auf allen Ebenen, nicht nur militärisch, sondern auch zwischenmenschlich. Freude für den Spaß am Tanzen – wenn Menschen dafür zusammenkommen, sind sie friedlich gesinnt – und Eierkuchen für eine gerechte Nahrungsmittelverteilung. Alles immer noch wichtige und aktuelle Themen. Wir haben aber keine Transparente hochgehalten und diskutiert, sondern Liebe und Frieden vorgelebt und getanzt, haben den heilenden und verbindenden Effekt der Musik als neue Kommunikationsform genutzt. Wenn man tanzt, anstatt über Probleme zu grübeln, kommt man zu ganz anderen Ergebnissen.

Ist die Techno-Bewegung Ihrer Meinung nach politisch?

Da wir in einer politischen Gesellschaft leben und die Loveparade im öffentlichen Raum stattgefunden hat, würde ich doch sagen, sie war politisch. Das öffentliche Leben auf der Straße ist meiner Meinung nach immer politisch.

Werbung für Berlin

Mitte der 1990er-Jahre hatte sich die Loveparade zum kommerziellen Massenspektakel entwickelt. Wie empfanden Sie das?

Die Loveparade war etwas Gemeinnütziges, um mich ging es dabei gar nicht. Ich habe mich zur Verfügung gestellt und war inspiriert, Energie und Information weiterzugeben. Die Loveparade hat bei der Jugend und musikalisch viel ausgelöst. Auf diesen Zug sind viele gerne aufgesprungen. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH hat die Bilder, die wir erzeugt haben, genutzt, um Berlin international als jugendlich und kreativ zu bewerben.

Warum haben Sie diese so erfolgreiche Marke verkauft?

Ich wollte nicht verkaufen, sondern meine damaligen Mitgesellschafter. Wir hatten aufgrund einer Fehlentscheidung ab 2004 kein Geld und auch keine Einnahmen mehr, weil die Loveparade zu dem Zeitpunkt nicht stattfand. Wir gingen also in Richtung Insolvenz. Leider hatte der neue Geschäftsführer Rainer Schaller nie das Interesse, die Loveparade im Sinne ihres Spirits fortzusetzen, sondern hat sie als reines Marketingevent benutzt. Deshalb habe ich mich 2006 öffentlich von der Loveparade distanziert.

Wie konnte es Ihrer Meinung nach 2010 zu der Katastrophe in Duisburg mit 21 Toten wegen einer Massenpanik kommen?

Den Verantwortlichen mangelte es an Erfahrung mit einer Veranstaltung dieser Größe. Die Sicherheit stand weder beim Veranstalter Lopavent, noch bei den Behörden oder Duisburgs Bürgermeister Adolf Sauerland an erster Stelle. Bis zum Veranstaltungstag am 24. Juli 2010 lag kein ausreichendes Sicherheitskonzept vor. Die zuständigen Behörden hätten die Loveparade kurzfristig absagen müssen. Doch die Massen waren ja schon unterwegs nach Duisburg. Im Herbst 2014 soll gerichtlich geklärt werden, wer Schuld ist an dem Unglück. Mir tut das alles so leid. In den letzten drei Jahren haben wir am 24. Juli eine kleine Mahnwache an der Berliner Siegessäule organisiert. Wann immer ich es zeitlich einrichten konnte, fuhr ich zum Gedenken nach Duisburg.

Verantwortung für Geschichte

Wäre es für Sie denkbar wieder eine Art Loveparade ins Leben zu rufen?

Ich könnte mir schon vorstellen, eine Friedensdemo anzumelden, auch um an die von Deutschland initiierten Weltkriege mit Millionen Toten zu erinnern und allen Politikern auf der Welt ins Gedächtnis zu rufen, dass wir, die Familie der Menschen auf diesem Planeten, so etwas nie wieder haben wollen. Ich würde es auch gutheißen, wenn Deutschland sich militärisch genauso neutral verhielte wie die Schweiz, anstatt der Rüstungsindustrie Geschäfte zu verschaffen. Wir sollten uns ausschließlich humanitär einsetzen.

Wäre das dann wieder eine musikalische Demonstration?

Höchstwahrscheinlich, denn Musik ist eine universelle Sprache und heute etablierter Teil vieler Demonstrationen. Es gibt viele Musiker, die politische Demonstrationen unterstützen und dort auch auftreten. Um etwas in der Größe der Loveparade zu organisieren, würde es sicher mindestens zwei Jahre dauern. Frieden brauchen wir aber sofort!
 

Matthias Roeingh alias Dr. Motte kam am 9. Juli 1960 in Berlin-Spandau zur Welt. Von Kindheit an begeisterte er sich für viele Arten von Musik, auch Klassik und Jazz. Am 1. Juli 1989 veranstaltete er die erste Loveparade in Berlin. Dr. Motte legt auch heute noch als DJ auf und betreibt das Label Praxxiz. Zudem engagiert er sich für die Berliner Subkultur, unter anderem setzte er sich gegen die Verdrängung von Clubs aus dem Spreeraum ein.