Mehrgenerationenhäuser Unter einem Dach

Begegnungscafé des Mehrgenerationenhauses in Lemgo
Begegnungscafé des Mehrgenerationenhauses in Lemgo | © Thorsten Krienke via flickr.com, Lizenz: CC BY-ND 2.0

Wohnen im Mehrgenerationenhaus – dahinter steht die Idee, dass sich Alt und Jung gegenseitig unterstützen. In Deutschland wird diese Wohnform immer beliebter, auch bei Senioren. Doch gibt sie auch Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Fragen?

Unter Menschen, am besten mit Kindern, mitten in der Stadt und mit Grün vor dem Haus – so schwebte Ingrid Vetter ihr Leben im Alter vor. Im „Leuchtturm“, einem Mehrgenerationenhaus mitten im belebten Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg, fand sie vor drei Jahren ihr Traumhaus. Auch Rainer Gebauer machte sich irgendwann Gedanken, „wie man das Alter verbringen will“. Weil er und seine Frau sich ein Leben im Altersheim nicht ausmalen wollten, machten sie sich auf die Suche nach einer Wohnalternative für ihren Lebensabend und stießen ebenfalls auf den „Leuchtturm“. Seit 2009 lebt das Ehepaar mit einer buntgemischten Hausgemeinschaft aus Alt und Jung unter einem Dach.

Wohnmodell mit Zukunft

In gemeinschaftlichen Wohnprojekten wie dem Berliner „Leuchtturm“ steckt Potenzial. Das legt allein schon die demografische Entwicklung nahe: Während in Deutschland immer mehr Ältere leben, schrumpft der Anteil der Jungen. Aber auch Anforderungen der Arbeitswelt an Flexibilität und Mobilität, zunehmende Individualisierung und Auflösung traditioneller Familienstrukturen zwingen zum Nachdenken über neue Formen des Zusammenlebens. Weil immer weniger Menschen Kinder und Enkelkinder haben oder diese in anderen Städten leben, fallen verwandtschaftlicher Kontakt und Beistand immer häufiger weg.

Während das Zusammenleben aller Generationen unter einem Dach einst selbstverständlich war, ist es heute die absolute Ausnahme. Mehrgenerationenhäuser sind somit in gewisser Weise ein Schritt zurück in die Vergangenheit, in der gewöhnlich drei Generationen unter einem Dach lebten. Austausch und Unterstützung sind allein schon dadurch gesichert, dass die Organisation des Zusammenlebens kein Nebeneinander, sondern nur ein echtes Miteinander zulässt: Die Bewohner entscheiden selbst darüber, wer einzieht, sie organisieren das Wohnen selbst, ebenso wie sie Regeln des Zusammenlebens entwickeln und dieses aktiv gestalten.

Die neue Wohnform spricht Alt und Jung gleichermaßen an: So halten laut Vorwerk Familienstudie 2012 denn auch 79 Prozent der über 60-Jährigen Mehrgenerationenhäuser für eine „gute Sache“ und 55 Prozent könnten sich vorstellen, selbst in einem solchen Haus zu leben. Bei den Jüngeren stößt das Modell auf fast ebenso große Resonanz. Wobei Personen mit höherer Bildung und höherem Einkommen den neuen Formen des Zusammenlebens aufgeschlossener gegenüber stehen.
 
  • Zuhause im „Leuchtturm“ © Nora S. Stampfl
    Zuhause im „Leuchtturm“

    Mitten in Berlin baute sich eine Gruppe Menschen ihr gemeinsames Traumhaus. Ideen wurden gewälzt, es wurde geplant, nach einem passenden Grundstück und einer Finanzierung gesucht und schließlich gebaut. 2009 erfolgte der Einzug. 29 Erwachsene von 26 bis 70 Jahren und 14 Kinder zwischen zwei und dreizehn sowie zwei Katzen und zwei Kaninchen bilden 2015 die Hausgemeinschaft des „Leuchtturms“. Noch bevor die Grundmauer gelegt war, hatte dieser bereits einen mächtigen ideellen Überbau: Generationenübergreifend, gemeinschaftlich und ökologisch wollte man in dem selbstverwalteten Haus leben.
  • Rechtsformwahl mit Weitblick © Nora S. Stampfl
    Rechtsformwahl mit Weitblick

    Die Bewohner sind in der Genossenschaft „Leuchtturm eG“ organisiert, die Eigentümerin des Hauses ist. Sie haben lediglich ein Wohnrecht und bezahlen Miete. Der Boden gehört der Stiftung trias, die das Grundstück der Gruppe zur Nutzung überlässt. So soll nicht nur der Spekulation von Grund und Boden entgegengewirkt werden, diese Rechtsform ist „auch ein Grund für den hohen Bindungsfaktor“, ist eine Bewohnerin überzeugt. „Es gibt kaum Fluktuation im Haus, die Anfangsbesatzung ist mehr oder weniger noch an Bord.“ Aber auch das gemeinsame Hochziehen von Wänden zu Beginn des Projekts – Eigenarbeit war Kreditbedingung – schweißte zusammen.
  • Auch ökologisch ein Vorzeigeprojekt © Nora S. Stampfl
    Auch ökologisch ein Vorzeigeprojekt

    Der „Leuchtturm“ möchte einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und lebt Selbstverwaltung und Gemeinschaft statt Entfremdung und Isolierung. Ebenso hat die „Leuchtturm“-Genossenschaft hohe ökologische Ansprüche: Errichtet wurde das Haus in Passivbauweise. Eine Erdwärmeinstallation und Solarkollektoren machen das Haus weitgehend unabhängig von externen Energiequellen und schonen damit den Geldbeutel der Bewohner.
  • Flexibles Wohnen © Nora S. Stampfl
    Flexibles Wohnen

    Der „Leuchtturm“ ist auf zwanzig Säulen errichtet. Durch dieses Konstruktionsprinzip können „flexible Grundrisse“ umgesetzt werden: Nicht nur hatten sämtliche Bewohner so die Möglichkeit, ihren individuellen Wohnungsschnitt zu wählen, auch kann stets flexibel auf sich wandelnde Bedarfe reagiert werden, weil Wände verschiebbar sind. So können „Leuchttürmler“ auch dann in ihrem Traumhaus wohnen bleiben, wenn sich der individuelle Platzbedarf eines Haushalts ändert.
  • Mix aus Jung und Alt © Nora S. Stampfl
    Mix aus Jung und Alt

    Die junggebliebene Rentnerin Ingrid Vetter genießt vor allem den Mix aus Alt und Jung im Haus: „Man bekommt so mehr mit von den Jungen.“ Den Umzug aus Bayern ins Mehrgenerationenhaus nach Berlin hat sie keine Minute bereut. Ingrid Vetter fühlt sich mit der gelungenen Mischung aus sozialem Anschluss und Rückzugsmöglichkeiten wohl: „Auch wenn ich mal die Tür schließe, ist das in Ordnung.“ Aber zumeist bleibt diese ohnehin offen, denn von Beginn an empfand sie den „sorgfältigen Umgang miteinander“ als sehr angenehm. Zweiwöchentlich kommen alle im Plenum zusammen und fällen Entscheidungen im Konsensprinzip.
  • Raus ins Grüne! © Nora S. Stampfl
    Raus ins Grüne!

    Vor allem im Sommer spielt sich das Leben der Hausbewohner zu einem Großteil im Gemeinschaftsgarten ab. Mit der gemeinsamen Grünfläche verfolgt die Hausgemeinschaft keine hochtrabenden Ziele, wie etwa eine Subsistenzwirtschaft aufzubauen. „Unser ‚Kraut- und Rübengarten‘ bietet ganz einfach viele Gelegenheiten zusammenzukommen und gemeinsam die Freizeit zu verbringen“, meint eine Hausbewohnerin. Zusammen mit der benachbarten Kita wurden auch schon Kinderfeste im Garten gefeiert.
  • Baumhaus mitten in Berlin © Nora S. Stampfl
    Baumhaus mitten in Berlin

    Welches Stadtkind wächst schon mit einem Baumhaus auf? Gemeinschaftliches, selbstverwaltetes Wohnen macht dies möglich. Den „Leuchtturm“-Gründern war es wichtig, ein Leben in zentraler urbaner Lage mit dem Zugang zum eigenen Grün zu verbinden. Auch sonst haben Kinder im Mehrgenerationenhaus jede Menge Spielräume – herumgetobt wird eigentlich im gesamten Haus.
  • Leben mit Wahlfamilie © Nora S. Stampfl
    Leben mit Wahlfamilie

    „Eine gesunde Mischung aus Sozialismus und Egoismus“ sei das Erfolgsrezept, meint Rainer Gebauer, damit Dutzende von Menschen so harmonisch unter einem Dach leben können wie im „Leuchtturm“. Das Ehepaar Gebauer fühlt sich pudelwohl mit seiner Wahlfamilie: Auch wenn die beiden selbst Enkel haben, finden sie es toll, ständig eine Riesenschar an „Ersatzenkeln“ um sich zu haben. „Und dass es nicht die eigenen Enkel sind, macht die Sache oft einfacher“, glaubt Rainer Gebauer.
  • Architektur schafft Begegnungsmöglichkeiten © Nora S. Stampfl
    Architektur schafft Begegnungsmöglichkeiten

    Wozu braucht man hundert Quadratmeter für sich allein, wenn es auch die Hälfte tut? Im „Leuchtturm“ bewohnt zwar jeder Haushalt seine eigenen Räume, doch bestand von Anbeginn das Ziel, individuell genutzte Flächen zugunsten gemeinschaftlicher Flächen zu reduzieren. So stehen Gästewohnung, Waschküche und Garten zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung. Oder man trifft sich zum Fernsehen, Tischtennis oder Kickern im Gemeinschaftsraum. „Aber zumeist kommen Begegnungen spontan zustande“, sagt Rainer Gebauer, „dann heißt es einfach ‚Hast du Lust auf einen Kaffee?‘“
  • Rückkehr der guten alten Waschküche © Nora S. Stampfl
    Rückkehr der guten alten Waschküche

    Auch Teilen steht im „Leuchtturm“ hoch im Kurs. Mit zunehmendem Wohlstand und erschwinglicheren Haushaltsgeräten verschwand die Waschküche aus Deutschlands Wohnhäusern. Im „Leuchtturm“ erlebt sie ein Revival, denn Waschmaschinen wurden aus den Wohnungen verbannt. Der Waschmaschinenraum entspringt allerdings nicht wie früher einem aus der Not geborenen Teilen, sondern ist dem Streben nach Nachhaltigkeit und Gemeinsamkeit geschuldet. Selbst das Wäschewaschen wird so zur Gelegenheit, auf einen seiner Mitbewohner zu treffen und sich zwischendurch einfach mal kurz zu unterhalten.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Trotzdem ist Mehrgenerationenwohnen noch „ein reines Nischenprodukt“, erklärt Bernhard Heiming, Geschäftsführer des Bauunternehmens BB Hausbau und ehrenamtlicher Arbeitskreisleiter Seniorenimmobilien des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen. Seit einigen Jahren wurden zwar vermehrt Einzelprojekte gegründet, die häufig Privatinitiativen entspringen. Um echte Lösungen auf gesellschaftliche Probleme zu bieten, müsste nach Meinung Heimings die Idee des Mehrgenerationenwohnens jedoch über Insellösungen hinausgehen und auf Quartierskonzepte übertragen werden, die ein Umfeld schaffen, das der demografischen Entwicklung tatsächlich gerecht wird.

Die Politik hat das Potenzial des Ansatzes für Kommunen erkannt und fördert mit ihrem „Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser“ seit 2006 bundesweit rund 450 teilnehmende Häuser. Diese sollen vor Ort als Drehscheiben für Informationen und Dienstleistungen etabliert werden, die Menschen verschiedenen Alters benötigen: Vom Computerkurs über die Leih-Oma bis zu Hausaufgabenhilfe und Mittagstisch für Schulkinder reicht die gegenseitige Unterstützung nach dem Vorbild der Großfamilie.

Mehr Lebensqualität

Doch lösen die neuen altersübergreifenden Wohnformen auch Probleme, die sich durch den demografischen Wandel der Gesellschaft ergeben? Yvonne Kuhnke untersuchte in ihrer Masterarbeit nachbarschaftliche Hilfen in Mehrgenerationenwohnprojekten. Sie konnte keine haltbaren Anzeichen finden, dass sich die von Forschung, Medien, Akteuren des Wohnungsmarktes und der Politik vorgebrachten hohen Erwartungen in den tatsächlich gelebten Unterstützungsbeziehungen widerspiegeln. Zwar greift man sich in solchen Wohnprojekten durchaus gegenseitig unter die Arme, von der Hilfe beim Einkauf über Kinderbetreuung bis zum Bekochen im Krankheitsfall, doch handelt es sich bei den Hilfeleistungen „überwiegend um ‚typische‘ Unterstützungsleistungen unter Nachbarn mit überschaubarem Umfang und geringem Maß an Verbindlichkeit“. Gerade die Verantwortung für die Pflege können oder wollen Nachbarn in der Regel nicht übernehmen. „Derartige Projekte sollten in Zukunft nicht unter dem Fokus einer Entlastung der öffentlichen Hand betrachtet werden“, schlägt Kuhnke daher vor, „sondern in ihrer Bedeutung für die Lebensqualität“.

Mehr Lebensqualität war auch für die „Leuchtturm“-Gemeinschaft der springende Punkt, sich zu einer Hausgemeinschaft zusammenzutun. Die Kinder freuen sich über Gummibärchen von Ersatz-Oma Ingrid Vetter und sie selbst genießt ihre bunte Wahlfamilie. Ein Fallnetz für Ernstfälle sollte das Mehrgenerationenhaus für sie nie sein: „Von meinen Nachbarn erwarte ich Pflegeleistungen ja gar nicht. Pflege würde ich anders organisieren“, erklärt Ingrid Vetter. Allein das Wissen darum, dass ihr im Krankheitsfall mal jemand etwas koche, sei schon viel wert. Aber man habe bisher den Ernstfall auch noch nicht erlebt. „Und wer weiß heute schon, wie man mit einem Pflegefall im Haus umginge“, meint Rainer Gebauer, „wie’s kommt, so kommt’s.“