Hamburg-Krimis Die Reeperbahn zwischen Rotlicht und Blaulicht

Reeperbahn bei Nacht

Prostitution, Glücksspiel, Verbrechen: Seit jeher ist Hamburgs berühmteste Straße, die Reeperbahn, von diesen zwielichtigen Merkmalen geprägt. Das zieht nicht nur Touristen an, sondern auch Krimiautoren – ein kriminalliterarischer Streifzug vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. 

Von der nahen Elbe dringt das Tuten einer Schiffssirene herauf, Bässe wummern aus den offenen Türen von Bars, Bistros und Bordellen: Die Reeperbahn in Hamburg-Sankt Pauli ist eine der bekanntesten Amüsiermeilen der Welt, eine Touristenattraktion und heutzutage kein wirklich gefährliches Pflaster mehr. Tagsüber schlendern Familien mit Kindern die „sündige Meile“ entlang, abends und am Wochenende drängt sich das Partyvolk auf den Gehwegen, dazwischen Junggesellinnenabschiede, Schulklassen auf Studienfahrt. Immer wieder begegnen einem Reisegruppen, die ins Musical Rocky wollen, das am östlichen Ende der Reeperbahn im Operettenhaus am Spielbudenplatz gegeben wird. Es ist ein gezähmtes Rotlichtmilieu, solange man die dunkelsten Seitengassen und die zwielichtigsten Etablissements meidet.

Rund um die Davidwache

Das war nicht immer so. Neben dem Operettenhaus gab es bis 1942 das beliebte Lokal „Zum Trichter“, benannt nach seiner charakteristischen Form. Heute ragen an dieser Stelle die „Tanzenden Türme“ auf, zwei 2012 fertiggestellte Hochhäuser. Im Trichter, einem verhältnismäßig harmlosen Tanzlokal muss Heinrich Hansen beobachten, wie seine Jugendliebe endgültig auf die schiefe Bahn, gerät. Hansen ist die Hauptfigur von Virginia Doyles Sankt-Pauli-Trilogie, und Virginia Doyle ist das Pseudonym des Krimiautors Robert Brack. Sein Kriminalkommissar Hansen ist auf Sankt Pauli geboren und mit dem Viertel verwachsen. Er kennt die Menschen hier: die Sonderlinge und Halbseidenen, die Huren, die Varietékünstler, all jene, die nicht ins bürgerliche Raster passen. Hansen ist mit ihnen aufgewachsen. Das macht es ihm als Polizist auf der berühmtesten Polizeidienststelle Deutschlands, der Davidwache, nicht immer einfach, denn mitunter muss er gegen frühere Freunde und Schulkameraden ermitteln.

40 Jahre umfasst die Sankt-Pauli-Trilogie: Der erste Band, Die rote Katze, spielt 1903; Band zwei, Der gestreifte Affe, ist zu Beginn der wilden Zwanzigerjahre angesiedelt; Die schwarze Schlange bildet den Abschluss im Jahr 1943. Sorgfältig recherchiert lässt Brack in seinen historischen Kriminalromanen das Amüsierviertel zu Beginn des 20. Jahrhunderts auferstehen. Die Morde, die es aufzuklären gilt, sind fiktiv. Doch die damalige Atmosphäre, das tatsächliche Zeitgeschehen, die Veränderungen in Stadt und Gesellschaft – das fangen die Krimis lebendig und spannend ein.

Zuhälter-Kriege und Polizeiskandal

Etwas weiter westlich die Reeperbahn hinauf auf der anderen Straßenseite, neben der legendären Kneipe „Ritze“, lag bis zum Frühjahr 2015 das Eros Center. Es war das erste Großbordell Deutschlands, gebaut 1967, zu einer Zeit, als das Geschäft mit käuflichem Sex boomte und einen Massenmarkt erreichte. Das Eros Center war Symbol und Gradmesser des Rotlichtmilieus zugleich. Lange Zeit hieß es: Wer diesen Laden beherrscht, beherrscht die Reeperbahn. Und das waren in den Siebzigerjahren die Zuhältergangs „GMBH“ und  „Nutella-Bande“. Sie lieferten sich einen Krieg um die Vorherrschaft, der immer brutaler wurde. Galt zunächst noch das Faustrecht, kam es in den Achtzigerjahren sogar zu Schießereien. Bekannt wurde der Auftragsmörder Werner „Mucki“ Pinzner, der für eine Hamburger Kiezgröße acht Menschen umgebracht hatte. Verurteilt wurde er nie, weil er bei seinem letzte Verhör den Untersuchungsrichter, seine eigene Frau und sich selbst erschoss – ein besonders dunkles Kapitel der Reeperbahn und der Stadt Hamburg.

Frank Göhre, der mehrfach preisgekrönte Drehbuchautor und Meister des deutschsprachigen Roman Noir, hat diese Ereignisse seiner Kiez-Trilogie zugrunde gelegt. In den Romanen Der Schrei des Schmetterlings, Der Tod des Samurai und Der Tanz des Skorpions rollt er das Geschehen auf. Gekonnt verzahnt er dabei Fiktion und Fakten. Präzise und mit sensibler Klarheit schildert Göhre die Zuhälterkriege, den Hamburger Polizeiskandal der Achtzigerjahre und die Anfänge der organisierten Kriminalität. Düster, hochspannend und mitreißend erschafft er ein scharfsichtiges Soziogramm des Rotlichtmilieus, der Stadt und der damaligen Gesellschaft.

Andere Zeiten, andere Verbrechen, andere Krimis

Seit Ende März 2015 ist das Eros Center geschlossen. Der Handel mit dem käuflichen Sex läuft schlecht. Was früher eine Goldgrube war, ist heute ein Zuschussgeschäft, denn auch auf der „geilen Meile“ – so der Titel einer Sammlung von kurzen Romanen und Geschichten von Frank Göhre – setzt sich eine „Geiz ist geil“-Mentalität durch: Gleich neben dem Billig-Bordell „Geizclub“ befindet sich die Filiale eines Schnellrestaurants, daneben folgen ein Hostel und eine Spielhalle. Das große Geld ist hier nicht mehr zu machen.

Diese Veränderungen spiegeln sich in den Kriminalromanen von Simone Buchholz wider. Schräg gegenüber vom ehemaligen Eros Center, ein wenig zurück in östlicher Richtung, liegt der Hans-Albers-Platz. Hier irgendwo, nicht weit von der berühmt-berüchtigten Herbertstraße und nahe der Davidwache, liegt die fiktive Lieblingskneipe von Simone Buchholz’ Hauptfigur. Staatsanwältin Chastity Riley ist eine Frau mit ungewöhnlichem Namen und wundgescheuertem Herzen, die sich in vielem sehr angenehm abhebt von den üblichen Frauenfiguren in Kriminalromanen. Buchholz, die selbst auf Sankt Pauli wohnt, schildert das Kiez-Leben mit Herz und Hirn – ein buntes und ungewöhnliches Viertel, nicht ungefährlich, doch die wirklichen Verbrechen haben hier keinen Platz mehr. Sie finden sich in der Hafencity, Hamburgs neuem Wahrzeichen – so zumindest im Krimi Bullenpeitsche von Simone Buchholz. Statt um Drogenhandel und Prostitution geht es heute um Immobilienschacherei und Korruption. Die Zeiten ändern sich – ebenso wie die Stadt, ihre Kriminalität und ihre Kriminalromane.

 
Erwähnte Krimis:

Virginia Doyle (Robert Brack):
Die rote Katze. Ein historischer Kriminalroman, München 2005
Der gestreifte Affe. Ein historischer Kriminalroman München 2006
Die schwarze Schlange. Ein historischer Kriminalroman, München 2007

Frank Göhre:
Die Kiez-Trilogie (Der Schrei des Schmetterlings, Der Tod des Samurai, Der Tanz des Skorpions), Bielefeld 2011
Geile Meile, Bielefeld 2013

Simone Buchholz:
Bullenpeitsche, München 2013