Sportvereine Eine deutsche Erfolgsgeschichte

Turner des TSV Friedland 1814, Deutschlands ältestem Sportverein
Turner des TSV Friedland 1814, Deutschlands ältestem Sportverein | Foto (Ausschnitt): © TSV Friedland 1814

Sportvereine blicken in Deutschland auf eine lange Tradition zurück. Dabei haben sich die Vereine auch an neue gesellschaftliche Gegebenheiten angepasst.

Ob Friedrich Ludwig Jahn ahnte, was aus seiner Idee werden sollte, als er 1811 im Berliner Volkspark Hasenheide den ersten deutschen Turnplatz eröffnete? Wahrscheinlich nicht. Für „Turnvater Jahn“, wie er noch heute genannt wird, waren Sport und Bewegung vor allem ein Mittel, um preußische Soldaten zu ertüchtigen. Doch drei Jahre später, als mit dem Turn- und Sportverein im mecklenburgischen Friedland der erste deutsche Sportverein gegründet wurde, löste das eine Lawine aus, die sich nicht mehr aufhalten ließ.

Heute ist der in Vereinen organisierte Sport für die Gesellschaft unverzichtbar – das sagt jedenfalls Walter Schneeloch, Vize-Präsident für Breitensport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem deutschen Dachverband der Sportvereine. „Der Sport hat sich als eine Querschnittsaufgabe positioniert, die sich unter anderem auf Bildung, Jugendhilfe, Stadtentwicklung, Integration und Gesundheit erstreckt. Sport ist nicht mehr nur die schönste Nebensache der Welt, sondern ein wichtiges Politikfeld“, erklärt er. „Die Sportvereine produzieren den gesellschaftlichen Kitt.“

Jeder dritte Bundesbürger ist Mitglied

  • „Man gehört einfach dazu“ – Jennifer Montag, 17, Leichtathletin, TSV Bayer 04 Leverkusen © Hans-Jörg Thomaskamp
    „Man gehört einfach dazu“ – Jennifer Montag, 17, Leichtathletin, TSV Bayer 04 Leverkusen

    Im Jahr 2014 schloss sich die Sprinterin und Weitspringerin Bayer Leverkusen an, einem der größten und erfolgreichsten deutschen Sportvereine. Nun trainiert Jennifer Montag an der Seite prominenter Athleten, besucht in Leverkusen die Eliteschule des Sports und liebäugelt inzwischen sogar mit Olympia 2020 in Tokio. Im Verein Sport zu treiben, ist für die 17-Jährige seit jeher auch etwas Emotionales: „Man gehört einfach dazu. Es ist ein schönes Gefühl, auf die Anlage zu kommen und alle sagen ‚Hallo!‘. Man kennt sich gut.“
  • „Das ist Entspannung für mich“ – Katharina Baumgärtel, 43, Langläuferin, Ski-Club Carlsfeld © privat
    „Das ist Entspannung für mich“ – Katharina Baumgärtel, 43, Langläuferin, Ski-Club Carlsfeld

    Im Erzgebirge lernt jedes Kind Skilaufen – das galt auch für Katharina Baumgärtel. „Nach der Schule haben wir die Skier geholt und sind auf den Hang“, berichtet die 43-Jährige. Noch heute ist Baumgärtel oft in der Loipe unterwegs und schon seit Jahren Mitglied im Ski-Club Carlsfeld. Mit ihren Vereinskameraden geht es über Strecken bis zu 50 Kilometern, zuletzt bei einem Volkslauf im sibirischen Murmansk. „Was vor allem zählt, ist das gemeinsame Erlebnis“, sagt sie. „Der Skisport ist Entspannung für mich. Es gibt nichts Schöneres.“
  • „Das Gefühl zu haben, dass alles stimmt“ – Jacob Niemann, 23, Kletterer, Deutscher Alpenverein © Hannes Kutzka
    „Das Gefühl zu haben, dass alles stimmt“ – Jacob Niemann, 23, Kletterer, Deutscher Alpenverein

    Schon als Kind wusste der heute 23-Jährige, dass er einmal klettern will. Mit acht kam er zum Deutschen Alpenverein, Sektion Berlin. Schnell war er im Jugendkader und bestritt ab 2007 auch nationale Wettkämpfe. Niemann ist mit dem Verein gewachsen und gibt seine Erfahrungen mittlerweile als Jugendtrainer weiter, denn: „In der Gruppe machen Erfolge noch mehr Spaß.“ Im Kletterzentrum verantwortet er außerdem alle Routen. Nach wie vor geht es aber auch um Medaillen, zum Beispiel bei den Berliner Landesmeisterschaften.
  • „Ich würde es wieder machen“ – Heinz Stöcklin, 72, Vereinsvorsitzender, SG Frankfurt © Andreas Müller
    „Ich würde es wieder machen“ – Heinz Stöcklin, 72, Vereinsvorsitzender, SG Frankfurt

    „Diese Idylle ist einmalig“, schwärmt Heinz Stöcklin von der Anlage des Vereins Wassersport Westend. Das Bad ist ein Schmuckstück. Über ein halbes Jahrhundert, davon 35 Jahre als Vorsitzender, hat der 72-Jährige den Verein geprägt. „Ich bin eben ein Machertyp. Zum Glück gab es hier immer gute Leute, die mitgezogen haben“, betont Stöcklin den Wert von Teamwork. Seit drei Jahren nun steht er an der Spitze der Frankfurter Schwimm-Gemeinschaft, eines Zusammenschlusses von sieben Vereinen. Sein Fazit im Ehrenamt: „Ich würde es wieder machen.“
  • „Wir sind eine Leidensgemeinschaft“ – Peter Munkert, 69, Herzsportler, TSV Höchstadt © privat
    „Wir sind eine Leidensgemeinschaft“ – Peter Munkert, 69, Herzsportler, TSV Höchstadt

    „Zuvor war ich weder Sportler noch in einem Sportverein“, gesteht Peter Munkert. Das änderte sich nach seinem Herzinfarkt vor gut vier Jahren, als ihm Herzsport verordnet wurde. Seither gehört der 69-Jährige dem TSV Höchstadt an und absolviert pro Woche zwei Kraft-Einheiten im Fitness-Studio seines Arztes. Die Wochenstunde unter ärztlicher Aufsicht im Verein sei wertvoll – nicht nur wegen der Übungen, sondern auch wegen der Gruppendynamik und des gegenseitigen Zuspruchs: „Wir sind ja praktisch eine Leidensgemeinschaft, das schweißt zusammen.“
  • „Tanzen macht glücklich“ – Elke Scholz, 39, Tänzerin, Swingin’ Pool Cologne © Lutz Winter
    „Tanzen macht glücklich“ – Elke Scholz, 39, Tänzerin, Swingin’ Pool Cologne

    In London wurde Elke Scholz süchtig nach Swing. 2012 gründete sie zusammen mit anderen den Verein Swingin’ Pool Cologne. Die 39-Jährige unterrichtet, organisiert Tanztees und macht die Verwaltung – alles neben ihrem Beruf als Gewandmeisterin. „Tierisch viel Arbeit, aber wenn man die glücklichen Gesichter der Tänzer sieht, das ist schon toll!“ Besonders gut an der Vereinsarbeit gefällt ihr das Miteinander. Und natürlich das Tanzen: „Tanzen macht glücklich. Besonders beim Swing ist es nie bitterernst. Hier gibt’s keine Fehler – nur Variationen.“
  • „Der Verein hat einen hohen Stellenwert“ – Jan-Philip Glania, 26, Schwimmer, SG Frankfurt © Alibek Käsler Sports & More ArtPhotography
    „Der Verein hat einen hohen Stellenwert“ – Jan-Philip Glania, 26, Schwimmer, SG Frankfurt

    Dass er Talent hatte, sah man früh. Dass er sich auch für Olympia qualifizieren würde, hat er seinem Trainer Matthias Kage von den Wasserfreunden Fulda zu verdanken. „Alle Ziele, die wir seit 2003 formuliert haben, sind genauso eingetreten“, schwärmt der 26-Jährige, der 2012 in London über 100 Meter Rücken Elfter wurde. An seinem heutigen Verein, der SG Frankfurt, schätzt Glania das Miteinander: „Dort habe ich meine Freunde, die ich jeden Tag beim Training sehe“, sagt der Zahnmedizin-Student, der auch 2016 bei der Olympiade in Rio wieder dabei sein will.
Völlig zu recht darf der Sport von sich behaupten, die größte Massenbewegung in Deutschland zu sein. Laut Statistik sind fast 28 Millionen Menschen Mitglied in einem Sportverein. Das entspricht 34,4 Prozent der Gesamtbevölkerung, wobei das Verhältnis von Männern und Frauen zwei zu eins beträgt. Im DOSB, dem größten Sportverband der Welt, haben sich 34 olympische und 28 nicht-olympische Verbände mit ihren Disziplinen zusammengeschlossen. Dazu kommen 20 Verbände mit besonderen Aufgaben, wie zum Beispiel die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft oder der Deutsche Verband für Freikörperkultur.

Was die Mitgliederzahlen betrifft, ist der Deutsche Fußball-Bund mit über 6,8 Millionen Mitgliedern die Nummer eins vor dem Deutschen Turner-Bund (5 Millionen), dem Deutschen Tennis-Bund (1,5 Millionen) und dem Deutschen Schützen-Bund (1,4 Millionen). Regional betrachtet, liegt Nordrhein-Westfalen mit 4,9 Millionen Vereinssportlern an der Spitze der 16 deutschen Bundesländer.

Zwei Sportsysteme wachsen zusammen

Dass sich der Sport auch in einem wiedervereinten Deutschland so harmonisch entwickeln würde, damit war beim Mauerfall nicht unbedingt zu rechnen, denn es mussten zwei ganz unterschiedliche Sportsysteme zusammengeführt werden. So war der Breitensport in der DDR vornehmlich in den Sportgemeinschaften der Betriebe und Hochschulen organisiert. Eine Art Parallelwelt war das Spitzensport-System mit seinen 27 Sportclubs (SC) und deren Trainingszentren – wobei internationale Erfolge oft mit staatlich verordnetem Doping erkauft wurden.

Mit der Wiedervereinigung setzte sich auch in der früheren DDR das im Westen übliche Vereinswesen durch, wobei manche Anregung aus dem Osten Deutschlands aufgegriffen wurde. So dienten die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) der DDR in mancher Hinsicht als Vorbild für die heutigen Eliteschulen des Sports, in denen junge Talente Sport und Schulabschluss auf einen Nenner bringen können.

Nur durch ehrenamtliche Helfer möglich

Seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 sind mehr als 20.000 Vereine neu entstanden, so dass es heute rund 91.000 Sportvereine gibt. Dies wäre nicht möglich ohne die 1,7 Millionen Männer und Frauen, die ehrenamtlich als Vorstände, Übungsleiter, Betreuer oder Kampfrichter tätig sind. Dass ihre Arbeit nicht nur einen großen gesellschaftspolitischen, sondern auch wirtschaftlichen Stellenwert hat, zeigt der Sportentwicklungsbericht des DOSB vom Mai 2014. Demnach kommen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer bundesweit jeden Monat auf insgesamt über 24 Millionen Arbeitsstunden.

Neue Strukturen und Angebote

Wissenschaftliche Studien belegen, was die besondere Stärke der Vereine ausmacht. So ist Sport unter dem Dach eines gemeinnützigen Vereins vergleichsweise preiswert. Motivierend wirkt auch, dass Sport im Verein der Geselligkeit verpflichtet ist und sich zu Werten wie Fair Play und Toleranz bekennt. Außerdem lösen sich im Verein die Unterschiede in Hinblick auf Alter, Herkunft, Beruf und soziale Stellung schnell auf: Aus Unbekannten werden Vereinskameraden. Dabei hat sich der klassische Sportverein längst an neue gesellschaftliche Gegebenheiten angepasst – etwa, indem Sportvereine mit Kindergärten, Schulen und Jugendämtern kooperieren. Der Sport steht somit für einen weiter gefassten Bildungsbegriff und leistet zudem einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zur Integration.

Längst hat sich der Sportverein auch beim Thema Gesundheit einen Namen gemacht: Über ein Drittel der Vereine bietet Kurse zu Gesundheitsförderung, Prävention oder Rehabilitation an. Dabei orientieren sich die Vereine an den speziellen Bedürfnissen verschiedener Zielgruppen, wie zum Beispiel Senioren oder Menschen mit Herzkrankheiten. Ein weiterer Trend: Vor allem Großvereine, die über eigene Sportanlagen verfügen (anstatt Hallen und Plätze von den Kommunen mieten zu müssen), bereichern das klassische Spartensystem. Anstelle fester Trainingszeiten bieten sie beinahe rund um die Uhr verschiedene Kurse an, die von den Mitgliedern flexibel genutzt werden können – eine Neuerung, die einer zunehmend schnelllebigen Gesellschaft Rechnung trägt.