Glücksatlas Geld allein macht nicht glücklich

Steigende Zufriedenheit
Steigende Zufriedenheit | © Marco2811 – Fotolia.com

Was der Volksmund immer wusste, bestätigt auch die Wissenschaft. Doch was macht das Glück der Deutschen aus? Ein Gespräch mit Bernd Raffelhüschen, Koautor des „Glücksatlas 2014“.

Herr Raffelhüschen, wie misst man eigentlich Glück?

Glück kann man nicht messen. Wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen und dabei nicht überfahren werden, dann ist das Glück. Was wir als Wissenschaftler messen, ist die subjektiv empfundene Zufriedenheit der Menschen, die umgangssprachlich mit dem Glück gleichgesetzt wird.

Der Glücksatlas 2014 besagt, dass die Deutschen im Durchschnitt heute zufriedener sind als vor zehn Jahren. Seit 2010 wächst die Zufriedenheit allerdings nur noch geringfügig. Die Deutschen verharren auf einem hohen „Zufriedenheitsplateau“. Sind wir am Glückslimit angekommen?

Nein, aber Zufriedenheit ist auch keine stetig wachsende Größe. Sie schwankt aufgrund verschiedener Faktoren. Aber es stimmt: In den letzten zehn Jahren ist die Zufriedenheit in Deutschland am stärksten gestiegen. Wir sind in Deutschland so reich wie nie zuvor. Wenn die Menschen vor 100 Jahren geahnt hätten, wie es heute in Deutschland aussieht, hätten sie wahrscheinlich von einem Paradies gesprochen. Doch subjektiv sind wir heute wahrscheinlich ähnlich zufrieden, wie unsere Vorfahren vor 100 Jahren.
 

Deutsche Post Glücksatlas 2014 Deutsche Post Glücksatlas 2014 | © Knaus Verlag Der Deutsche Post Glücksatlas erhebt seit 2011 entscheidende Zahlen und Daten zur Zufriedenheit der Deutschen. In einer großangelegten Untersuchung werden Bereiche wie Wohnen, Arbeit, Freizeit, Gesundheit oder Einkommen erfasst, welche die Lebenszufriedenheit in Deutschland bedingen. Der vierte Glücksatlas 2014 beschäftigt sich zudem erstmals mit der Zufriedenheit von Menschen mit Behinderung.

Die vier großen „G“ des Glücks

Was macht die Deutschen denn am glücklichsten?

Geld spielt natürlich eine Rolle. Welches Vermögen habe ich? Welche Ausstattung hat mein Zuhause? Aber das ist nur ein Faktor. Wir sprechen von den vier großen Gs des Glücks: Geld, Gesundheit, Gemeinschaft und genetische Disposition, also der Charakter einer Person. Diese Faktoren bestimmen den Grad der Zufriedenheit oder eben Unzufriedenheit. Wenn wir Deutschland mit seinem steigenden Wohlstand und der guten Gesundheitsversorgung betrachten, dann ist es nachvollziehbar, dass die Menschen hier zufrieden sein und gut leben können.

Verweisen die Statistiken auch darauf, welcher dieser Faktoren für die subjektive Zufriedenheit am wichtigsten ist?

Wir können nur mutmaßen. Aber die Zahlen geben uns Aufschluss über bestimmte Regelmäßigkeiten. So sind gesunde Menschen immer zufriedener als kranke. Jemand der Sport treibt, ist zufriedener als jemand, der das nicht tut. Auch Eigenheimbesitzer sind in der Regel zufriedener als Mieter. Die Gesundheit oder die Wohnlage haben gleichzeitig Einfluss auf das Sozialleben. Das bedeutet, je nachdem wo ich wohne und wie oft ich aus dem Haus komme, habe ich die Chance, soziale Kontakte zu pflegen, die mich glücklicher machen. Lebe ich hingegen in einem sozialen Brennpunkt, sind meine Möglichkeiten eingeschränkter.

Ein Schwerpunkt des aktuellen Glücksatlas ist die Inklusion. Wie zufrieden sind Menschen mit Behinderung in Deutschland?

Sie sind deutlich unzufriedener als die Gesamtbevölkerung. Man muss aber unterscheiden zwischen altersbedingt behinderten Menschen, für die eher die richtige Pflege eine Rolle spielt, und jüngeren Menschen mit einer Behinderung. Die Jungen wollen am Leben teilnehmen und profitieren von besseren Bedingungen in der Schule, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Leben. Aber auch bei ihnen spielt die Mentalität eine große Rolle: Der Behinderte, der sein Leben eigeninitiativ und selbstbestimmt angeht, ist zufriedener als der durchschnittliche Deutsche.

Im Norden lebt es sich am glücklichsten

Die Glückshochburgen liegen Ihrer Statistik nach in Norddeutschland. Seit 2011 wird der Glücksatlas erhoben und immer rangieren Schleswig-Holstein und Hamburg ganz vorn. Die unglücklichsten Deutschen leben hingegen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Wie erklären Sie dieses Nord-Ost-Gefälle?

Die regionalen Unterschiede sind zwar mit Vorsicht zu genießen, aber zwischen den norddeutschen und den ostdeutschen Bundesländern sind sie wirklich signifikant und auch messbar. Seit Jahren nimmt der Norden mit Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen immer die ersten Plätze ein. Bei Hamburg können wir das verstehen: Es ist ein funktionierender Stadtstaat mit bester Gesundheitsversorgung, in dem viele wohlhabende Menschen leben. In Schleswig-Holstein hingegen gibt es relativ viele Arbeitslose und die Einkommen fallen für ein westdeutsches Bundesland eher gering aus ...

... und trotzdem landet das Bundesland auf Platz Eins im Glücksatlas.

Genau. Objektiv müsste Schleswig-Holstein zusammen mit den ostdeutschen Ländern weiter unten stehen. Wir erklären uns das mit der norddeutschen Mentalität. Offenbar machen es sich die Menschen dort auch mit weniger materiellen Gütern gemütlich und sind dadurch zufriedener. Vielleicht ist dieses genügsame Gemüt aber auch eine „Infektionskrankheit“ aus dem nördlichen Europa: Denn laut internationaler Studien leben in Dänemark seit Jahren die zufriedensten Menschen der Welt.

Sie kommen selbst aus Schleswig-Holstein, leben aber jetzt in Freiburg im Bundesland Baden-Württemberg. Wie ist es um Ihre Zufriedenheit bestellt?

(lacht) Ich bin absolut zufrieden in Süddeutschland. Aber es stimmt natürlich, ich bin auch sehr glücklich, wenn ich mal wieder in den Norden zu meinem Wattenmeer und meinen Deichen fahre. Die Frage ist aber wissenschaftlich interessant. Jüngst wollte eine Studie in Dänemark herausfinden, ob die Dänen zu Hause zufriedener leben als im Ausland. Die Ergebnisse zeigten aber, dass die im Ausland lebenden Dänen ähnlich zufrieden sind und ihre Mentalität tatsächlich einfach mitnehmen.
 

Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen © Bernd Raffelhüschen Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen ist Koautor des „Glücksatlas 2014“ im Auftrag der Deutschen Post AG. Als Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg forscht er zu finanz- und sozialpolitischen Aspekten des demografischen Wandels.