Frankfurt an der Oder „In jeder Hinsicht eine Nahtstelle“

Frankfurt (Oder) und Słubice (rechts), verbunden durch die Stadtbrücke (A)
Frankfurt (Oder) und Słubice (re), verbunden durch die Stadtbrücke | © Willy Walroth via Wikimedia, Lizenz CC0

Der Aktionskünstler Michael Kurzwelly denkt das brandenburgische Frankfurt an der Oder und das benachbarte polnische Słubice als eine Stadt zusammen. Im Gespräch verrät er, was für ihn den Reiz von „Słubfurt“ ausmacht.

Herr Kurzwelly, Sie leben seit 1998 in Frankfurt an der Oder?

Na ja, genau gesagt lebe ich in „Słubfurt“ – und zwar ziemlich gern. Ich komme ursprünglich aus Bonn im Rheinland und habe dann acht Jahre in Poznań in Polen verbracht. Ich fühle mich im „Dazwischen“ zuhause. Frankfurt/Słubice ist der ideale Ort, um in zwei Kulturen gleichzeitig leben zu können.

Die Profiboxer Henry Maske und Axel Schulz kommen aus Frankfurt an der Oder. Was sind für Sie die schlagenden Argumente für einen Besuch der Stadt?

Michael Kurzwelly (A) Michael Kurzwelly | Foto (Ausschnitt): © Henry-Martin Klemt Wer ein schönes Fachwerkstädtchen oder andere alte Baudenkmäler sucht, wird hier sicherlich nicht auf seine Kosten kommen. Dafür haben wir hier zwei Kulturen auf engstem Raum. Sie gehen fünf Minuten über die Stadtbrücke und sind in Polen. Seit dem Zweiten Weltkrieg lebt Frankfurt von seinen Brüchen. Als Besucher kann man diese Risse regelrecht sehen, was natürlich sehr spannend ist. Außerdem ist die Stadt von herrlicher Natur umgeben. Die Oder ist wirklich ein wunderschöner Fluss – und nicht so begradigt wie zum Beispiel der Rhein. Und im nahegelegenen Oderbruch kann man sehr schön wandern.

Weil Sie gerade den Rhein ansprechen: Sind Ihnen als Rheinländer, die ja als unerbittliche Frohnaturen gelten, Unterschiede in der Mentalität aufgefallen?

Als Rheinländer kann einem der Brandenburger – zumindest auf den ersten Blick – schon etwas eckig und muffelig erscheinen.

Was darf ein Besucher der Stadt denn auf keinen Fall verpassen?

Die Marienkirche. Als ich sie kurz nach der Wende zum ersten Mal gesehen habe, hatte sie kein Dach, es wuchsen Bäume in ihr und Turmfalken flogen herum. Mittlerweile wurde das imposante Gebäude renoviert und dient als soziokulturelles Zentrum. Ein Highlight sind die Bleiglasfenster, die von der Eremitage in Sankt Petersburg wieder zurückgegeben wurden. Viele Besucher kommen vor allem wegen dieser mittelalterlichen Kirchenfenster hierher. Aber die ganze Atmosphäre der Kirche ist einfach fabelhaft. Übrigens hatte sie ursprünglich zwei Türme, doch einer ist eingestürzt, weil sich der berühmte Baumeister Schinkel verrechnet hatte.

Da ist damals wohl etwas schiefgegangen. In welchen Bereichen ist die Stadt aus ihrer Sicht heute erfolgreich?

Die Stadt ist erfolgreich als Nahtstelle zwischen Deutschland und Polen. Als ich 1998 angefangen habe, Frankfurt und Słubice zusammenzudenken, haben mich alle für einen Spinner gehalten. Heute gibt es eine Buslinie, die die beiden Teile von „Słubfurt“ miteinander verbindet. Außerdem gibt es ein Kooperationszentrum, geleitet von einem Mitarbeiterteam aus beiden Stadtverwaltungen, sowie ein gemeinsames Stadtmarketing.

Natürlich spielt auch die Europa-Universität Viadrina eine sehr wichtige Rolle. Sie hat schon vor der Mitgliedschaft Polens in der EU die Brücke geschlagen. Zurzeit arbeitet man zusammen mit der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań an der Gründung einer gemeinsamen Fakultät im Collegium Polonicum.

Wo ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Im Moment ist es der Brückenplatz. Das ist eine innerstädtische Brache direkt an der Brücke zwischen Frankfurt und Słubice. Seit 2013 betreiben wir ihn als einen Platz, den Bürgerinnen und Bürger, Asylbewerber, Menschen verschiedener Kulturen zusammen gestalten. Allerdings plant hier nun ein Schweizer Investor den Bau einer riesigen Shoppingmall.

Gibt es eine Jahreszeit, in der sich der Besuch der Stadt besonders lohnt?

Wenn die Sonne scheint, ist es immer am schönsten. Es kann aber auch im Winter sehr reizvoll sein, wenn die Oder zugefroren ist und sich die Eisschollen türmen.

Der Dichter Heinrich von Kleist wurde in Frankfurt an der Oder geboren. Wie erinnert die Stadt an ihren berühmten Sohn?

Zum Beispiel im Kleist-Museum, das in einer ehemaligen Garnisonsschule untergebracht ist. Dort findet sich eine sehr moderne Ausstellung. Und einmal im Jahr gibt es die Kleist-Festtage mit zahlreichen Veranstaltungen. Nun ist natürlich Kleist ein etwas kantiger Künstler. Es pilgern also – anders als bei Goethe und Schiller in Weimar – nicht die Massen hierhin, um Kleist zu huldigen. Ich bin persönlich ohnehin ein Gegner davon, einen Künstler für das Stadtmarketing zu instrumentalisieren. Für die Vermarktung sollte die geopolitische Lage viel entscheidender sein.

Von wo hat man denn einen guten Blick auf dieses große Ganze?

Es gibt ein sehr schönes Restaurant im 24. Stock des Oderturms. Ansonsten kann man – und das ist kostenlos – auf das Dach des Collegium Polonicum steigen. Dort ist man nicht ganz so weit oben, aber auch von hier ist der Blick über die Landschaft sehr beeindruckend. 
 

Der deutsche Aktionskünstler Michael Kurzwelly wurde am 27. April 1963 in Darmstadt geboren, wuchs in Bonn auf und studierte an der Alanus Hochschule bei Bonn Malerei. Seit 1998 lebt er in Frankfurt (Oder). Künstlerisch entwickelt er die Strategie, Räume neu zu interpretieren. Ein Beispiel für diese Wirklichkeitskonstruktion ist das Projekt „Słubfurt“, das internationale Beachtung fand.