Carsharing-Boom Rollenwandel des Automobils

Neue urbane Mobilität
Neue urbane Mobilität | Foto (Ausschnitt): © mario_vender – Fotolia.com

Jahrzehntelang war das Auto Status- und Kultsymbol der Deutschen. Doch vor allem in Städten ändert sich das Verkehrsverhalten: Vom Fahrrad über den öffentlichen Nahverkehr bis zum Carsharing stellen sich viele ihren Verkehrsmix individuell zusammen.

Seit mehr als hundert Jahren gehören Autos zum Alltag. Sie prägten unser Mobilitätsverhalten und sind kaum noch wegzudenken aus dem modernen Leben. Gerade in Deutschland läutet die zunehmende Beliebtheit von Carsharing daher eine Kehrtwende ein: Das Automobil erlebt einen Imagewandel, weil neue Nutzungsgewohnheiten entstehen.

Siegeszug des Automobils

In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Motorisierungsrate in Deutschland rasant: Im Jahr 1970 gab es 27 Mal so viele Pkws wie noch im Jahre 1950. Zwischen 1970 und 2000 verdreifachte sich der Pkw-Bestand immerhin noch. Heute gehört ein Auto zur Standardausstattung privater Haushalte: 77 Prozent verfügen über ein oder mehrere Autos. Durch diese Massenmotorisierung haben statistisch gesehen seit Mitte der 1990er-Jahre Autorückbänke ausgedient: Mit Leichtigkeit fänden heute sämtliche Bundesbürger auf den Vordersitzen Platz.

Solche Zahlen belegen, dass man kaum kolossaler irren kann als der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II., der Anfang des 20. Jahrhunderts prophezeite: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Der beispiellose Siegeszug des Automobils in Deutschland drückt sich aber nicht nur in den immensen Motorisierungsraten aus, sondern auch in der symbolischen Bedeutung des Autos als Kultobjekt und Statussymbol. Bald schon galt das Auto als Inbegriff für gesellschaftliche Teilhabe, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. In den westdeutschen Wirtschaftswunderjahren wurde es zum Symbol des Wohlstands und des Aufbruchs in die Massenkonsumgesellschaft. Gleichzeitig kam der Automobilität uneingeschränkte Priorität in der Stadtentwicklung zu, die autogerechte Stadt war jahrzehntelang Leitbild der Stadtplanung.

Massenmotorisierung bremst Vorteile aus

Weil eine individualisierte Gesellschaft zunehmend individuelle Verkehrsarten nutzt, werden heute vier Fünftel aller Wege mit dem Auto zurückgelegt. Besonders in den Ballungsräumen verschärfen sich die mit dem steigenden Verkehrsaufkommen verbundenen Probleme. Sie führen geradewegs in ein Paradox: Es ist ausgerechnet die immense Anziehungskraft des Autos, die heute die automobile Euphorie trübt und einen Umschwung einläutet. Denn nicht nur machen Lärm und Luftverschmutzung der Stadtbevölkerung das Leben schwer. Auch immer schnellere Autos mit immer mehr Motorleistung in der Stadt werden zum Schleichen verdammt. In vielen Metropolen kommen Autofahrer kaum schneller voran als Fahrradfahrer. Stop-and-Go-Verkehr führt das Auto als Fortbewegungsmittel ad absurdum. Die Straßen werden immer voller, der Trend hin zu überdimensionierten sogenannten Sport Utility Vehicles tut sein Übriges. Unzählige unnötig gefahrene Kilometer auf der Suche nach passenden Parkplätzen verschlimmern die Situation zusätzlich. Denn auch Abstellmöglichkeiten werden immer knapper.

Neue Symbole der Unabhängigkeit

Daher gilt in Städten das Auto immer weniger als Schlüssel zu Freiheit und Unabhängigkeit. Dagegen gewinnen öffentliche Verkehrsmittel, aber vor allem das Fahrrad an Bedeutung. Insbesondere unter jüngeren Deutschen hat das Automobil viel von seiner Strahlkraft verloren. Sie machen ihren Führerschein später, fahren weniger mit dem Auto und gehen der Autoindustrie als Kunden verloren: Mit durchschnittlich 53 Jahren sind Neuwagenkäufer heute so alt wie nie zuvor. Das Kaufverhalten junger Menschen hingegen zeigt eine deutliche Verschiebung hin zu neuen Symbolen der Unabhängigkeit. So geht etwa aus Umfrageergebnissen der Markenberatung Prophet hervor, dass 69 Prozent junger Deutscher sich lieber einen gebrauchten Wagen kaufen und ihr Geld für Elektronik, Reisen oder Freizeit ausgeben. Für rund die Hälfte der befragten Deutschen im Alter von 18 bis 34 Jahren nimmt das neueste Smartphone einen höheren Stellenwert ein als das aktuellste Automodell. Die emotionale Bindung an das Auto nimmt ab, es gilt als ein Verkehrsmittel unter vielen. Entscheidend ist heute die Möglichkeit, im richtigen Augenblick auf den richtigen Verkehrsträger zurückgreifen zu können. Allerdings zeigen die Umfrageergebnisse auch, dass die sinkende Bedeutung des Autos nicht gleichermaßen von jungen Leuten geteilt wird: Je höher die Bildung, desto unwichtiger ist das eigene Auto.

Umrisse einer neuen urbanen Mobilität

In dieser neuen Präferenz- und Werteordnung hat Carsharing an Bedeutung gewonnen. Mehr als eine Million Nutzer waren Anfang 2015 bei den rund 150 deutschen Carsharing-Anbietern angemeldet – das sind 37,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei entfällt der Löwenanteil des Wachstums auf große stationsunabhängige Anbieter. In etwa 490 deutschen Städten und Gemeinden war Carsharing 2015 präsent – im Jahr 2014 waren es noch 110 weniger. Zudem zeigt sich ein Trend hin zu vernetzten Verkehrsangeboten. Moderne Mobilität beruht auf der Verknüpfung der verschiedenen Verkehrsträger zu individuellen Mobilitätslösungen. Carsharing ist hierbei ein wichtiger Baustein, weil es die Schwächen des öffentlichen Verkehrs beseitigt und die „letzte Meile“ überbrückt. Praxistauglich werden solche Verkehrslösungen aber erst durch die weite Verbreitung des Smartphones, das sämtliche Mobilitätsoptionen im Hosentaschenformat bietet: Über Echtzeitinformationen und Buchungsanwendungen können Carsharing, Bus- und Bahnfahrten, Leihräder oder Mitfahrgelegenheiten zu einer Gesamtlösung verbunden werden. So werden Smartphone-bestückte junge Städter zu Vorboten einer neuen Mobilität und das Auto – einst der Deutschen „liebstes Kind“ – erlebt einen drastischen Rollenwandel: Das individualisierte private Gefährt wird zum vernetzten öffentlichen Mobilitätsangebot.