Craft Beer Mehr als Gerstensaft

Aromatischer neuer Geschmack
Foto (Ausschnitt): © Brent Hofacker - Fotolia.com

Seit mehr als 500 Jahren bestimmt eine der ersten überlieferten Lebensmittelverordnungen der Welt die Bierkultur in Deutschland. Doch das ändert sich gerade.

2016 feierte eine urdeutsche Institution ihren 500. Geburtstag: das Reinheitsgebot. Am 23. April 1516 legte diese Verordnung fest, was alles in ein deutsches Bier darf – und was nicht. Erlaubt waren lediglich Wasser, Gerste und Hopfen, nicht aber andere Pflanzen und Kräuter, die mittelalterliche Brauer oft zusetzten – außerhalb Bayerns und Baden-Württembergs sogar bis 1906.

An das alte Reinheitsgebot angelehnt, gibt heute das ähnlich strenge „Vorläufige Biergesetz“ vor, was in deutschem Bier erlaubt ist. Dass noch immer viele Brauer mit dem Reinheitsgebot werben, liegt am Nimbus der historischen Verordnung: Die Begriffe Reinheit und Gebot beschwören das deutsche Bier als über jeden Zweifel erhaben und Quelle nationalen Stolzes. Während die heimischen Brauer es sich über die Jahrhunderte selbstgewiss auf den Grundzutaten gemütlich machten, war man anderswo experimentierfreudiger: So entstand etwa in den USA ab den späten 1970er-Jahren eine Bewegung, die sich die Neuentdeckung des Getränks auf die Fahnen schrieb. Enthusiasten, die genug hatten von Nullachtfünfzehn-Bieren, setzten die ersten Sude im eigenen Keller an und gründeten später die ersten Microbreweries, Mikrobrauereien. Ihr handgemachtes Craft Beer zeichnet sich vor allem durch seine geschmackliche Vielfalt und die Experimentierfreudigkeit der Brauer aus, die auch auf ausgefallene Kreationen mit Zusatz von Kürbis, Orangenschalen oder Schokolade setzen.

Die Lust auf neue und alte Geschmacksrichtungen

Craft Beer – die neuen Bierbrauer (Youtube.com)

In einem Land, in dem das Reinheitsgebot zur Folklore gehört, können sich nicht alle für Craft Beer begeistern. Aber die jahrhundertealte Tradition lässt leicht vergessen, dass es in Deutschland eine immer stärkere Konzentration des Biermarkts gab, und das Brauereisterben dafür gesorgt hat, dass viele Biersorten verschwunden sind.

Jungbrauer Sebastian Sauer ist einer der Pioniere, die sich in Deutschland für eine neue Bierkultur einsetzen. Aufgewachsen ist er im Aachener Raum, in der Nähe von Belgien und Holland. Sauer war fasziniert von der geschmacklichen Vielfalt auf der anderen Seite der Grenze, der Biercafékultur in Belgien mit ihrer Auswahl an Gläsern und Bieren zu unterschiedlichen Gerichten. Sauer, dem es passend zum Nachnamen insbesondere saure Biere angetan haben, fing an, tiefer in die Materie einzutauchen. Er gründete zunächst eine Firma zum Vertrieb von Bierspezialitäten und begann schließlich mit Freunden, selbst zu brauen. Das Interesse seines Projekts Freigeist Bierkultur gilt dabei vor allem Bier-Geschmäckern, die im Aussterben begriffen sind: „Einer der Gründe, warum ich angefangen habe zu brauen, war, dass 2009 die vorletzte traditionell hergestellte Berliner Weisse eingestellt wurde. Da habe ich mir gesagt: Wenn alle anderen aufhören, fange ich an!“

Eine Graswurzelbewegung wächst

Reportage: Craft Beer in Südwestdeutschland (Youtube.com)

Der Jungbrauer steht exemplarisch für die deutsche Craft-Beer-Bewegung, die seit einigen Jahren die ganze Geschmackspalette von Bier erkunden möchte. Man probiert aus, mietet sich als „Wanderbrauer“ temporär bei bestehenden Betrieben ein, um dort die eigenen Ideen umzusetzen oder wagt sich an die Gründung eigener Braustätten, angetrieben vom Gedanken, etwas geschmacklich Neues zu schaffen oder alte Biersorten wiederzubeleben. So gab es in Deutschland früher etwa das Sauerbier Gose, das Salz und Koriander enthielt und erst durch neugierige Craft-Brauer wieder auf den Markt gebracht wurde.

Für die neuen Bier-Enthusiasten steht das Selbermachen im Kreis von Gleichgesinnten im Vordergrund, auf Konventionen wird wenig Wert gelegt. Craft Beer in Deutschland ist eine Graswurzelbewegung, die sich darüber definiert, nicht Teil der schon existierenden Bier-Infrastruktur zu sein: „Es geht darum, auszuprobieren und sich für Geschmack einzusetzen, egal wie viel es kostet, und genau das herzustellen, was die großen Brauereien nicht herstellen“, erklärt Sauer.

Neue deutsche Bierkultur

Dabei sieht Sauer auch die Verbraucher in der Pflicht: „In Deutschland geht es immer noch zu sehr darum, einen teuren Wagen zu fahren und dafür dann im Discounter einzukaufen.“ Und doch hat hier in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden, bei dem die Menschen beim Essen auf die Qualität der Rohstoffe, regionale Produktion und Vertrauen in die Hersteller verstärkt Wert legen. Diese Genusskultur kommt langsam auch beim Bier an. In regelmäßigem Abstand finden in den großen Städten Deutschlands Craft-Beer-Festivals statt, und jährlich bringen neue Brauer ungewöhnliche Biersorten auf den Markt.

Wenngleich die deutschen Craft-Beer-Macher den Markt bislang nicht so stark umkrempeln konnten wie anderorts, so haben sie abseits der Szenebars bereits Spuren hinterlassen. Das gestiegene Interesse der Verbraucher an geschmacklicher Vielfalt hat nicht zuletzt die großen Brauereien aufhorchen lassen und dazu bewegt, ausgefallenere Sorten in ihr Programm aufzunehmen. In gut sortierten Supermärkten finden sich neue Kühlregale mit erlesenen Bierspezialitäten. Doch noch ist Craft Beer ein Nischenprodukt und Sebastian Sauers Bier ist in New York leichter erhältlich als in Deutschland. Aber der Jungbrauer ist überzeugt, dass Bierspezialitäten in Deutschland eine goldene Zukunft bevorsteht. Denn Craft Beer setzt auf Klasse statt Masse, weckt den Entdeckergeist, schärft den Geschmack und schafft so Bewusstsein für ein jahrhundertealtes Kulturgut – Reinheitsgebot hin oder her.
 

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