Kontakte zwischen Alt und Jung Die „Tante Inge“-Initiative

Tante Inge-Initiative: Jutta Volgmann (links) und Nadine Fredow (rechts)
Tante Inge-Initiative: Jutta Volgmann (links) und Nadine Fredow (rechts) | Foto (Ausschnitt): © Steffi Zobl

Vielen Deutschen droht im Alter Einsamkeit, vor allem wenn sie Pflegefälle werden. Die Berliner Initiative „Tante Inge“ hält dagegen: Bei den von ihr organisierten Veranstaltungen in Seniorenheimen kommen alte und jüngere Menschen in Kontakt und können gemeinsam etwas unternehmen.

Zur Begrüßung bringt Nadine einen Strauß rosa Röschen mit. Sie hat Jutta seit einiger Zeit nicht gesehen. Die freut sich darüber, wie gut die Blumen farblich zu ihrem Pullover passen. Nadine stellt die kleinen Rosen in eine Vase und platziert sie an Juttas Bett, hier im Pflegeheim in Berlin Schöneberg. Ihr kleines, lichtdurchflutetes Zimmer wirkt wie eine Oase – auf dem Flur riecht es nach Medikamenten.

Nadine Fredow, Jahrgang 1975, und Jutta Volgmann, Jahrgang 1935, sind beide gleich lebhaft. Jutta ist vor einigen Monaten 80 Jahre alt geworden – sie habe immer noch Schwierigkeiten, das auszusprechen, sagt sie. Seit einem Schlaganfall vor vier Jahren ist sie auf Pflege und einen Rollstuhl angewiesen. Nadine, von Beruf Fitnesstrainerin, kommt sie regelmäßig besuchen. Dafür nimmt sie eine lange Anfahrt aus einem der Außenbezirke Berlins in Kauf. Kennengelernt haben sie sich auf einer Tante-Inge-Veranstaltung im Juli 2015. Nadine erzählte Jutta, dass sie keine Großmutter mehr habe, und Jutta antwortete: „Ab heute hast du wieder eine.“

Kleine Wünsche erfüllen

Ihre Wahlverwandtschaft ist ein Glücksfall für beide – und genau das, was sich die Macherinnen von Tante Inge wünschen. Die Idee, alte und jüngere Menschen zusammenbringen, um die Senioren aus der Isolation zu holen, stammt von Kerstin Müller. Durch Gespräche mit ihrer betagten Großtante Inge – daher der Name der Initiative – wurde ihr bewusst, dass sich viele Seniorinnen und Senioren einfache Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllen können, weil sie zu gebrechlich oder einsam sind: Ausflüge machen, ins Kino gehen, sich austauschen. Dies gilt insbesondere für jene, die in Senioreneinrichtungen leben und kaum Kontakt zu Familie oder Freunden haben. Mit einem Anfang 2014 geposteten Aufruf auf Facebook konnte Kerstin Müller auf Anhieb eine Handvoll Mitstreiterinnen für die Tante-Inge-Initiative gewinnen.

Anne Brauer gehört zu den Gründungsmitgliedern. Am Anfang stand die Frage, wie Alt und Jung überhaupt zusammengebracht werden könnten, erzählt sie. Die Tante-Inge-Macherinnen entwickelten Veranstaltungsformate, zu denen generationenübergreifend in Seniorenheimen eingeladen wurde. Bei Tante Inge strickt treffen sich die Teilnehmenden zu Handarbeiten, bei Tante Inge backt hantiert man gemeinsam mit Nudelholz und Teigzutaten. Im Idealfall entstehen bei den Veranstaltungen Alt-Jung-Tandems, die sich anschließend weiter treffen.

Mit Flyern, Plakaten und Postkarten macht Tante Inge auf die Aktivitäten aufmerksam. Die Macherinnen arbeiten ehrenamtlich für die Initiative und finanzieren die Ausgaben aus eigener Tasche. Doch sie bekämen auch viel zurück für ihren Einsatz, sagt Anne Brauer. Von Anfang an hätte das Konzept große Zustimmung und Unterstützung geerntet. Oftmals übernähmen die Senioreneinrichtungen anfallende Kosten, etwa die für Getränke und Snacks bei Tante Inge trinkt Cocktails.

Aus dem Alltagstrott herauslocken

Bei einem solchen Cocktail-Abend begegneten sich Jutta und Nadine zum ersten Mal. Zehn Senioren und rund 20 junge Menschen kamen zur Party auf der Dachterrasse des Pflegeheims. Anfangs seien die „Jungen“ noch etwas befangen gewesen, erinnert sich Jutta. Bei Nadine und ihr sei das Eis aber sofort gebrochen.

Das Leben im Pflegeheim ist für die vitale und kommunikative Jutta oftmals schwierig. Ihr Sohn besucht sie nur sporadisch, ihre nächste Bezugsperson ist ihre Physiotherapeutin. Bis zu ihrem Schlaganfall habe sie selbstständig gelebt, erzählt die ehemalige Fotolaborantin. Sie sei viel gereist und nehme auch heute noch gerne an den Ausflügen teil, die im Pflegeheim angeboten werden. Es sei aber nicht einfach, mit den anderen Senioren in Kontakt zu kommen. Viele hätten kein Interesse an gemeinsamen Unternehmungen – man müsse sie durch Initiativen wie Tante Inge aus ihrem Alltagstrott „herauslocken“.

Funktionale Gesundheitseinschränkungen führen bei alten Menschen häufig dazu, dass soziale Netzwerke schrumpfen und gesellschaftliche Aktivitäten beendet werden, bestätigt die Sozialwissenschaftlerin Dorothea Petrich, die sich ebenfalls gegen Vereinsamung im Alter engagiert. Je stärker die Mobilität abnimmt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mensch zurückzieht. Doch die gefühlte Isolation ist ein Risiko für Wohlbefinden, Selbstwertempfinden und Gesundheit. Bundesweit gründen sich immer mehr Initiativen, die alte Menschen aus der Einsamkeit holen wollen, angefangen von Treffen mit Altersgenossen bis hin zu altersgerechten Ausflügen. Im Projekt NAHbarn in Jena, das Dorothea Petrich ins Leben gerufen hat, besuchen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alte Menschen in deren Zuhause. Oftmals kämen die Anfragen an ihren Verein aus dem Umfeld der Senioren, etwa von entfernt lebenden Angehörigen.

Lebenslust am Lebensabend

Auch Tante Inge vermittelt direkte Kontakte bei Anfrage. Um genügend Ansprechpartner zu haben, baut die Initiative ihr Netzwerk mit Kooperationspartnern wie Pflegeeinrichtungen oder Pflegestützpunkten immer weiter aus. Interessenten aus anderen Städten macht sie konkrete Vorschläge, wie das Tante-Inge-Konzept an die individuelle Situation angepasst werden könnte. Es sollte eine Selbstverständlichkeit werden, dass Jüngere auf die Alten in ihrer unmittelbaren Umgebung zugehen und sie in ihre Aktivitäten einbinden, wünscht sich Anne Brauer. Die meisten der sechs Tante-Inge-Macherinnen sind Teil eines Tandems. Anne Brauer hat sich mit ihrer Nachbarin angefreundet. Jahrelang hat diese ihre Pakete angenommen, jetzt trinken sie manchmal ein Gläschen zusammen oder besuchen einen Weihnachtsmarkt. Solche kleinen Wünsche zu erfüllen, erhöht die Lebensqualität der Senioren deutlich.
Auch Jutta hat einen Wunsch: Sie will im Sommer wieder laufen können, und sei es mit dem Rollator. Nadine soll sie dabei begleiten, wenn sie sich ohne Rollstuhl auf die Straße wagt. Gemeinsam Eis zu essen – darauf freuen sich beide Frauen ganz besonders.