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Dinner for One
Deutschlands beliebtestes Silvesteressen kommt aus England

Tradition am Silvesterabend in Deutschland: Dinner for One
Tradition am Silvesterabend in Deutschland: Dinner for One | Foto (Ausschnitt): Siegfried Pilz © dpa

Zum Jahreswechsel dreht sich im deutschen Fernsehen alles um ein ganz besonderes Abendessen: ein schickes Vier-Gänge-Menü in altmodischer Schwarz-Weiß-Optik, das „Dinner for One“. Man versammelt sich in der Regel am frühen Silvesterabend mit Freunden und Familie vor dem Fernseher, um gemeinsam über Butler James zu lachen.

Im Vergleich zu Sherry, Weißwein, Champagner und Portwein, die bei Dinner for One jeweils wichtige Nebenrollen einnehmen, fristen die Speisen auf Miss Sophies Teller eher ein Schattendasein. Selbst eingefleischte Fans der Sendung haben vermutlich Schwierigkeiten, alle vier Gänge des Geburtstagsmenüs fehlerfrei aufzuzählen.

Wir haben uns das Geburtstagsmenü von Miss Sophie mal genauer angeschaut um herauszufinden, was genau James wahlweise serviert, abräumt oder mit Schwung in die Ecke wirft, wenn er zum x-ten Mal über den Tigerkopf stolpert.

Erster Gang: Suppe

Den Anfang macht eine Mulligatawny-Suppe, die Miss Sophie nach eigener Aussage ganz besonders gern isst. Mulligatawny stammt aus dem Tamilischen und bedeutet übersetzt Pfefferwasser. Englische Kolonialherren brachten das feurige Rezept Ende des 18. Jahrhunderts aus Südindien mit, wo die Suppe traditionell vegetarisch zubereitet wurde. Mittlerweile bezeichnet man im englischen Sprachraum mit dem Namen Mulligatawny aber jegliche Variante von scharfer Suppe auf Curry-Basis, die mit Hühnchen oder Lamm angereichert wird. Die Suppe enthält dabei eine Vielzahl von klassischen „europäischen“ Zutaten wie Lauch, Möhren, Sahne und Schalotten, aber auch etwas exotische Bestandteile wie Mango, Ingwer, Ananas, Kokosmilch und Curry-Gewürzmischungen. Zum Abschmecken kann Weißwein ebenso wie Zitronensaft verwendet werden, um der cremigen Suppe etwas mehr Schwung zu verleihen. Noch kann James aufrecht gehen, und der feine Sherry zur Suppe wird formvollendet fünf Mal eingeschenkt und ebenso oft ausgetrunken.

Zweiter Gang: Fisch

Gang Nummer Zwei ist haddock, Schellfisch aus der Nordsee. Der beliebte Speisefisch wird in Großbritannien meistens in frittierter Form als fish and chips serviert, kann aber auch in Fischfond gegart werden. Der Fisch in Dinner for One ist gemäß britischer (Dinner-)Gepflogenheiten des frühen 20. Jahrhunderts eine Art milder Zwischengang, der nach der feurigen Suppe eine willkommene Abwechslung für die Geschmacksnerven ist. Miss Sophie wird ihren Schellfisch vermutlich mit einer leichten Soße genießen wollen, die die feinen Nuancen des Fischfilets unterstreicht. Eine Mischung aus zerlassener Butter und Zitronensaft oder mildem Senf ist die perfekte Ergänzung für eine Soße auf Fischfond-Basis. Garniert wird das Ganze je nach Geschmack mit frischer Petersilie oder Dill. Miss Sophie ordert Weißwein zum Fisch, den James ohne größere Zwischenfälle von der Flasche in die Gläser und anschließend in seine Kehle befördert.

Dritter Gang: Hähnchen

Nun ist es Zeit für den Hauptgang des Abends. Das Hähnchen aus dem Ofen ist nicht nur von der Brust bis zur Keule auf den Punkt gegart, sondern dank einer raffinierten Prozedur auch mit einer feinen Panade aus Mehl überzogen, die sich mit der Haut des Vogels zu einer goldbraunen, knusprigen Kruste verbunden hat. Um dieses appetitliche Ergebnis zu erzielen, ist es notwendig, das Hähnchen nach etwa zwei Dritteln der Backzeit aus dem Ofen zu holen, Brust und Keulen mit Bratensud zu übergießen, um sie anschließend mit einer Schicht aus fein gesiebtem Mehl zu bestäuben. Dieser Vorgang wird alle zehn Minuten wiederholt, bis das Hähnchen den gewünschten Bräunungsgrad erreicht hat. Als Beilage eignen sich gebackene junge Kartoffeln, zusammen mit einer einfachen Soße aus dem Bratensud. Abgerundet wird der feine Vogel durch ein bis vier Glas prickelnden Champagner, den Butler James nun mit deutlicher Schlagseite schwungvoll en passant eingießt und ebenso zackig leert.

Vierter Gang: Obstsalat

Mittlerweile dürfte sich ein gewisser Sättigungsgrad bei den Dinnergästen eingestellt haben. Um die Gaumen und Mägen der illustren Runde nicht zu strapazieren, wird ein gemischter Obstteller gereicht. Ob als ganze Früchte oder als Obstsalat mit einer Spur Honig für extra Aroma und Süße, es darf hinein was gefällt. Miss Sophie wünscht sich ein Glas Portwein zum Abschluss des Abends, eine Bitte der ihr Butler eifrig, aber wenig zielgenau nachkommt. Bei der Auswahl des Portweins ist daher unbedingt auf gute Qualität und Flaschenreife zu achten, damit der rubinrote Tropfen auch dann noch schmeckt, wenn er versehentlich vom Glas aufs Tischtuch und wieder zurück befördert wird. Bald darauf sind die Teller abgeräumt, die Flaschen geleert und die Gastgeberin beendet ihr großes Geburtstagsdinner höflich aber bestimmt, um sich mit dem tapferen James an ihrer Seite in ihre Gemächer zurück zu ziehen.

Und draußen vor der Mattscheibe in den deutschen Wohnzimmern? Da steht inzwischen der Sekt bereit und man starrt gebannt auf bizarr geformte Bleiklümpchen, um vor Mitternacht noch schnell zu erfahren, was das neue Jahr für einen bereithält. Dabei steht zumindest das Fernsehprogramm für den Silvesterabend doch längst fest: same procedure as last year!

   

Dinner for One

Die knapp 18 Minuten lange Fernsehproduktion aus dem Jahr 1963 ist ein echter Dauerbrenner und eine der weltweit am häufigsten ausgestrahlten Sendungen. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nahm die Aufzeichnung 1972 erneut ins Programm und strahlt sie seitdem jedes Jahr zu Silvester aus. Auch in den anderen öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehanstalten ist Dinner for One ein fester Bestandteil des Silvester-Programms.

Unter der Regie von Heinz Dunkhase spielt der englische Komiker Freddie Frinton den tollpatschigen Butler James und seine Partnerin May Warden dessen spröde Arbeitgeberin Miss Sophie. Letztere lässt anlässlich ihres 90. Geburtstags die Tafel für ihre inzwischen verstorbenen Freunde decken. Während die Speisen lediglich dem betagten Geburtstagskind serviert werden, müssen die Drinks, die jeden Gang begleiten, auch den abwesenden Gästen eingeschenkt und ausgetrunken werden. Diese Aufgabe übernimmt James und imitiert sehr zur Freude seiner Arbeitgeberin Runde um Runde die Aussprache und Ausdrucksweise ihrer verstorbenen Kameraden.

Die an Slapstick erinnernde Komik des Sketches beruht im Wesentlichen auf den Bemühungen des immer betrunkener werdenden Butlers, auch noch bei der vierten Wiederholung, die jeweiligen Trinksprüche korrekt wiederzugeben, und auf der Tatsache, dass er wieder und wieder über den Kopf eines Tigerfells stolpert.

Alle Dialoge im Sketch sind Englisch, lediglich die Einleitung gesprochen von Heinz Piper ist auf Deutsch. Die Sendung ist damit eine der wenigen, die nicht synchronisiert im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden. Mittlerweile erfreut sich der Sketch auch international großer Beliebtheit und wird sowohl in Skandinavien als auch im deutschsprachigen Ausland und sogar in Australien regelmäßig zu Silvester gesendet.

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