Musikerkrankheiten Schattenseiten eines Traumberufes

Badi Assad, Gitarrenstar mit Dystonie
Badi Assad, Gitarrenstar mit Dystonie | Foto (Ausschnitt): Ralf Dombrowski

Musiker sind Stars, leuchtende Gestalten am Firmament der gesellschaftlichen Bewunderung. Krankheiten, die sich aus der oft einseitigen Extrembelastung des Körpers ergeben, gehörten daher lange nicht zur Wahrnehmung des Berufsbildes. Doch die Sensibilisierung in deutschen Orchestern, an Universitäten und darüber hinaus nimmt zu. Ein Überblick über ein noch junges Forschungsfeld.

Der begeisterte Musikhörer ist oft erstaunt, dass eine so „schöne“ Tätigkeit wie das Musizieren auch Schattenseiten aufweist, die sich in chronischen Schmerzen, Verlust der feinmotorischen Kontrolle, Hörstörungen und Angsterkrankungen manifestieren. Musiker arbeiten – vergleichbar mit Hochleistungssportlern – an ihrer physiologischen und psychologischen Leistungsgrenze, da sie in der Regel eine optimale Leistung erbringen müssen und wollen. Selbst minimale Funktionseinbußen physiologischer Systeme manifestieren sich häufig zuerst beim Instrumentalspiel, emotionale Anspannung kann beim Spiel zur Verarmung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten führen.

Dazu kommt, dass zahlreiche Musikinstrumente ergonomisch ungünstig gestaltet sind und starke Belastungen des Halte- und Bewegungsapparats bedingen. Die Geigen beispielsweise wurden in ihrer heutigen Form im ausgehenden 16. Jahrhundert entwickelt – zu einer Zeit, als noch überwiegend in den unteren Lagen in bequemer Haltung über kurze Zeit musiziert wurde und niemand an stundenlanges Üben der technischen Schwierigkeiten von Paganini-Capricen dachte.
Die Geige ist ergonomisch sehr ungünstig gebaut, was häufig zu Verkrampfungen führt. Die Geige ist ergonomisch sehr ungünstig gebaut, was häufig zu Verkrampfungen führt. | Foto: HMTM / Eckart Altenmüller

Belastungen jenseits der Kunst

Die oft sehr komplexen und schnellen Bewegungsabläufe sind bis in das kleinste Detail sowohl hinsichtlich ihrer zeitlichen wie auch räumlichen Koordinaten vorgegeben. Und es gibt wohl kaum einen anderen Beruf, bei dem die Qualität der Leistung ständig überprüfbar ist. Kollegen, Dirigenten und das Publikum sind strenge Richter in einem zunehmend verschärften Wettbewerb. Gesundheitlich bedingte Leistungseinbußen gefährden auch den beruflichen Status und das Fortkommen. Erkrankte Musiker entwickeln daher starken Leidensdruck: Sie beginnen ihre Berufsausbildung meist in der Kindheit, definieren sich weitgehend über ihre musikalischen Fertigkeiten und musizieren auch im höheren Alter in den allermeisten Fällen gern. Erkrankungen, die das Instrumentalspiel betreffen, gehen infolgedessen häufig mit einem eingeschränkten Selbstwertgefühl einher und lösen große Ängste aus.

Welche Krankheiten sieht der Musikerarzt?

Schmerzsyndrome sind mit Abstand die häufigsten Musiker-medizinischen Erkrankungen. Circa 45 Prozent der Musiker leiden oder litten über eine Periode von mehr als sechs Wochen unter Schmerzerkrankungen. Typischerweise treten die Beschwerden in den Körperregionen auf, die durch Haltearbeit in Zwangsposition oder durch lang dauernde repetitive Bewegungen belastet werden. So sind für hohe Streichinstrumentalisten linksseitige Schulterschmerzen und Nackenschmerzen typisch, für Pianisten und Organisten Schmerzen in den Unterarmen („Sehnenscheidenentzündung“) oder im Bereich der Lendenwirbelsäule. Bei Klarinettisten und Oboisten kann es zu Schmerzbeschwerden im Bereich der rechten Daumenregion aufgrund der Haltearbeit an der Daumenstütze kommen. Meist treten die Schmerzen nach einer Überlastung auf und beschränken sich auf das Instrumentalspiel. Alltagsaktivitäten sind häufig nicht betroffen. Typische Auslöser sind verlängerte Spielzeiten in der Vorbereitung auf wichtige Konzerte, Probespiele oder Wettbewerbe. Auch das Einstudieren neuer Bewegungsabläufe, der Wechsel des Instruments oder neu aufgenommene außermusikalische körperliche Aktivitäten (zum Beispiel zusätzliche Tätigkeit am Computer) sind als Auslösefaktoren bekannt.

An zweiter Stelle rangieren die Angsterkrankungen. Man geht davon aus, dass 40 Prozent aller Musiker und 70 Prozent aller Musikstudierenden unter Aufführungsängsten leiden, die nicht selten zum Abbruch der Karriere führen. Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung treten Angstsymptome bei Musikern etwa dreimal so häufig auf wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

An dritter Stelle kommen neurologische Erkrankungen, und dort sind Musiker-Dystonien besonders fatal. Darunter wird ein Verlust der feinmotorischen Kontrolle aufgrund unwillkürlicher muskulärer Verkrampfungen verstanden. Die Bewegungsstörung tritt aufgabenspezifisch während des Instrumentalspiels auf und ist in der Regel schmerzlos. Sie kann als Handdystonie (zum Beispiel unwillkürliches Einrollen der Finger am Klavier) oder bei Bläsern als Ansatz-Dystonie (Verlust der Tonkontrolle beim Blasen) auftreten und betrifft nach Schätzungen etwa zwei Prozent der Berufsmusiker. Schließlich sollen noch die durch Musik ausgelösten Hörstörungen genannt werden, die derzeit Gegenstand intensiver arbeitsmedizinischer Vorsorgebemühungen sind.

Musiker-Medizin als gesellschaftliche Herausforderung

Die weite Verbreitung gesundheitlicher Beschwerden bei Musikern macht deutlich, dass vor allem Prävention dringend erforderlich ist. Das wird auch in Umfragen deutlich, nach denen nur 17 Prozent der Orchestermusiker der Auffassung sind, von ihrer Ausbildungsinstitution ausreichend auf den beruflichen Alltag vorbereitet worden zu sein. Die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGFMM) bemüht sich um eine flächendeckende Etablierung des Faches „Gesundheitslehre für Musiker“. Der Umgang mit beruflichen Stressauslöser und mit dem eigenen Körper sollte an Ausbildungsstätten thematisiert und in Kursen praktisch geübt werden. Viele Hochschulen und Konservatorien haben mittlerweile entsprechende Lehraufträge eingerichtet. Auch die Fortbildung von Medizinern zum „Musikerarzt“ wäre wünschenswert.

Unter dem Dach der DGFMM haben sich deutschlandweit interessierte Ärzte, Psychologen und Therapeuten zusammengeschlossen, die sich um eine evidenzbasierte Musiker-medizinische Praxis bemühen. Darüber hinaus ist die wissenschaftliche Fundierung des Faches Musiker-Medizin wichtig. Dies wäre am Besten durch die Gründung weiterer Institute für Musiker-Medizin zu realisieren. Bislang existieren außer an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover noch an den Musikhochschulen Berlin, Detmold, Dresden, Freiburg, und Köln Einrichtungen, in denen Musiker kompetente ärztliche Beratung und Behandlung erhalten.

Forschungszentren für Musiker-Medizin sind auf neurologischem Fachgebiet Hannover, auf den psychosomatischen und phoniatrischen Fachgebieten Freiburg. Forschungen im Bereich der Stimmpflege und der Bewegungswissenschaften werden an der Musikhochschule in Dresden durchgeführt. Noch existiert keine ärztliche Zusatzbezeichnung „Musiker-Medizin“, aber es gibt eine berufsbegleitende Weiterbildung mit dem Titel „Musikphysiologie im künstlerischen Alltag“, die von den Musikhochschulen in Berlin und in Hannover gestaltet wird. Die oben bereits genannte DGFMM veranstaltet darüber hinaus jährliche Symposien zu musikermedizinischen Themen.
 

Weiterführende Literatur

Altenmüller, E, Wiesendanger M, . Kesselring J.: Music, Motor Control, and the Brain. Oxford University Press, 2006

Altenmüller E, Rode-Breymann S.: Krankheiten großer Musiker und Musikerinnen: Reflexionen am Schnittpunkt von Musikwissenschaft und Medizin. Olms-Verlag Hildesheim, 2009

Spahn, C., Richter B. Altenmüller E.: Musikermedizin. Schattauer-Verlag Stuttgart 2011

Klöppel, R., Altenmüller E.: Die Kunst des Musizierens. Schott-Verlag, Mainz 2013