Zehn Jahre Popakademie Spiel mir das Lied vom Strukturwandel

Action gehört zum Geschäft – eine Gesangsstudent auf der Bühne.
Action gehört zum Geschäft – eine Gesangsstudent auf der Bühne. | Foto (Ausschnitt): Popakademie

Ein Experiment feiert Jubiläum: 2003 öffnete die Popakademie Baden-Württemberg ihre Pforten, um den Musikernachwuchs fortan umfassend und berufsorientiert auszubilden. Sie versteht sich weniger als Hochschul-Ersatz, sondern eher als Alternative mit hohem Realitätsbezug und Netzwerkknoten für den Karrierestart.

Das lang gestreckte Gebäude im Mannheimer Industriehafen ist ein Denkmal des Strukturwandels. Kein Rohstoffhändler oder Spediteur nutzt den Kubus mit der bunten Farbflächen-Fassade. An der Dachkante stand bis zur Aufstockung des Komplexes weithin sichtbar „Pop-Akademie“ und etwas kleiner darunter: „Baden-Württemberg“. Ein weiß-oranges Leuchtzeichen für eine der schillerndsten Hochschul-Neugründungen der vergangenen Jahre. Schließlich galt der Start der Akademie im Sommer 2003 durchaus als Experiment: Lässt sich eine Straßenkultur, die sowohl für Charts-Kommerz als auch für Rebellion und künstlerische Experimente stand, in einen geregelten Ausbildungsbetrieb überführen? Schließlich wird ihre Qualität in nur schwer zu evaluierenden Kriterien wie Credibility oder Coolness gemessen. Vertragen sich „Pop“ und „Akademie“ überhaupt?

Pop trifft Akademie

Doch das Gründungsteam um den künstlerischen Direktor Udo Dahmen ließ sich nicht beirren. Man entwarf ein zweizügiges Curriculum. Einen Schwerpunkt bildete die musikalische Aus- und Weiterbildung, die hier „Popmusic Design“ heißt. Dazu kam ein eher kaufmännisches Angebot, das sich an künftige Labelmacher, Agenturbetreiber und sonstige Dienstleister richtete. In einer gemeinsamen Projektwerkstatt realisieren Musiker und Musikvermarkter dazu konkrete Projekte unter Existenzgründer-Bedingungen. Flexible Lehrstoffe berücksichtigen die Bewegungen eines sich rasch wandelnden Marktes. In den Anfangsjahren unterstützte etwa das Berliner Majorlabel Universal Music die Akademie finanziell und ließ seine Nachwuchskräfte in Mannheim ausbilden.

Die Dozenten wiederum kamen fast ausschließlich aus der Branche. Praxis stand im Vordergrund. Den akademischen Diskurs überließ man anderen. Gleichzeitig sollte die Strahlkraft der Popmusik nicht nur dem angrenzenden Mannheimer Stadtviertel Jungbusch neue Perspektiven geben, sondern gleich das Erscheinungsbild der industriell geprägten Region neu definieren. Seitdem machen Trendbegriffe wie „Kreativindustrie“ oder „Verwertungskette“ auch an der Neckarmündung die Runde. Die Stadt setzte auf eine Revolution von oben. Unvergessen die landesweite Anzeigenkampage, als 2004 das berühmte Abbey-Road-Cover der Beatles mit Protagonisten der Mannheimer Akademie nachempfunden wurde.

Die Kontinuität des Wandels

So war es kein Wunder, dass die Verantwortlichen zur Feier des 10-jährigen Bestehens der Popakademie im Juli 2013 durchaus zufrieden mit dem Erreichten waren. Aus dem Provisorium in der quadratisch angelegten Innenstadt mit gerade einmal 54 Studenten im ersten Jahr ist eine funktionierende Lehranstalt geworden für rund 300 Studenten mit Bachelor- und seit 2011 auch mit Master-Studiengängen. Rund 500 Absolventen haben die Pop-Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Darunter die Songwriterin Maike Rose Vogel oder Konstantin Gropper, der mit den komplexen Arrangements seiner Band Get Well Soon auch international unterwegs ist. Aus dem Segment Musikwirtschaft kommen Konrad Sondermeyer, der mit seiner Berliner Managementfirma Guerilla Entertainment den Charts-Liedermacher Tim Bendzko entdeckt hat. Oder Sebastian Schweizer, Chef des Stuttgarter Chimperator-Labels, der den Masken-Rapper Cro vermarktet. Zum pragmatischen Mannheimer Ansatz gehört die Vermittlung von funktionierenden Geschäftsmodellen. Im Industriehafen hat man weniger das abgehobene Starsystem, sondern mehr den unspektakulären Mittelbau im Visier, in dem Absolventen auch als Tour- oder Studiomusiker landen können.
Pause mit Networking Pause mit Networking | Foto: Popakademie

Regionaler vs. nationaler Fokus

Damit ist Mannheim sicher nicht „das neue Jerusalem“ geworden, dass Xavier Naidoo in einem seiner gewohnt salbungsvollen Songs bereits kurz nach der Jahrtausendwende postuliert hatte. Die Akademie stärkt bislang die regionale Szene, die auch Naidoo und das vielschichtige Band-Kollektiv Söhne Mannheims nach Kräften fördern. Erst jüngst hat es der 22-jährige Jules Kalmbacher von einem Akademie-Praktikum zum Co-Produzenten des aktuellsten Naidoo-Albums Bei meiner Seele gebracht. Man habe sich, so Kalmbacher, einfach die Ideen zugespielt. Es sind Geschichten wie diese, aus denen sich der Rhein-Neckar-Mythos bislang speist. Die Stadt stärkt derweilen die Infrastruktur. In unmittelbarer Nähe zur Popakadamie entstand in zwei Gebäuden der Hafenzone der Mannheimer Musikpark. Ein Existenzgründerzentrum als Public-Private-Gesellschaft, die günstige Mieten für Kreativunternehmen anbieten kann. Rund 60 kleinere Firmen vom Merchandising-Anbieter bis zur Kanzlei für Urheberrecht nutzen den Park als Startrampe. Der Südwestrundfunk und der Jugendsender Dasding haben hier ihre lokalen Redaktionen.

Auf diese Weise wird eine kreative Wohlfühlzone ausgebaut, mit der das raue Mannheim den Anschluss an die Metropolen sucht. Die Popakademie selbst strebt nach zehn Jahren den Übergang zur vollwertigen Hochschule an. Im Rahmen eines Umbaus der Musikausbildung im Südwesten Deutschlands soll sie mit der Mannheimer Musikhochschule fusionieren, die ihrerseits die künstlerische und pädagogische Ausbildung im Bereich der klassischen Musik komplett abgeben und sich dann ausschließlich auf die Bereiche Jazz, Popmusik und Tanz konzentrieren soll. Eine Aufwertung für Popakademie-Leiter Dahmen, der ohnehin die wissenschaftliche Ausrichtung seines Institutes stärken wollte. Mit Plänen zur Internationalisierung, einem Archiv zur Dokumentation von Popmusik in Deutschland sowie einem Lehrstuhl für Popmusik, der auch Doktoranden betreuen könnte. Die klassische Musikhochschule dagegen will sich vehement gegen den Abbau von bis zu 300 Studienplätzen wehren. Zeitenwende in Mannheim.