Deutscher Musikinstrumentenfonds Eine Schatzkammer für die Streicher-Elite

Nicolas Altstaedt sucht nach einem passenden Cello für den Fundus des DMIF;
Nicolas Altstaedt sucht nach einem passenden Cello für den Fundus des DMIF; | Foto (Ausschnitt): DSM

Die Deutsche Stiftung Musikleben fördert seit mehr als einem halben Jahrhundert den hochbegabten Nachwuchs. Besonders begehrt sind die Schätze aus dem angegliederten Deutschen Musikinstrumentenfonds: Raritäten etwa von Stradivari, Guarneri oder Guadagnini locken als Wettbewerbsgewinn.

Wer ein Streichinstrument spielt und das Zeug zum Profi hat, braucht früh eine Geige, eine Bratsche, ein Cello oder einen Kontrabass der Spitzenklasse. Solch ein Instrument wird zum Mentor, schult die Klangvorstellungen und ermöglicht auch Auftritte in großen Konzertsälen. Der Deutsche Musikinstrumentenfonds (DMIF), der von der Deutschen Stiftung Musikleben verwaltet wird, bietet das häufig so dringend Benötigte und ist deshalb zur ersten Adresse für die junge deutsche Streicherelite geworden: Jedes Jahr pilgern die ausgewählten Talente nach Hamburg, um sich im Rahmen eines Wettbewerbs ein neues Instrument zu erspielen oder um die Leihfrist für ihr bereits gewonnenes Instrument durch einen überzeugenden Auftritt zu verlängern. Das geht bis zum 30. Geburtstag. Der Andrang ist so groß, dass die Latte für die Wettbewerbsteilnahme sich immer weiter nach oben bewegt. Preise bei anderen großen Wettbewerben und Top-Referenzen werden mittlerweile vorausgesetzt.

Talente brauchen Instrumente

Auch Julia Fischer, heute weltweit renommierte Geigerin, profitierte von den Instrumenten des DMIF. Auf dem Foto ist sie mit Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben, beim 6. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds 1998 zu sehen. Auch Julia Fischer, heute weltweit renommierte Geigerin, profitierte von den Instrumenten des DMIF. Auf dem Foto ist sie mit Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben, beim 6. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds 1998 zu sehen. | Foto: DMIF / Kurt Will Zu den ehemaligen Wettbewerbsgewinnern gehören heutige Klassik-Stars wie die Geigerinnen Tanja Becker-Bender, Isabelle Faust, Julia Fischer und Baiba Skride, wie der Geiger Frank Peter Zimmermann oder die Cellisten Julian Steckel und Nicolas Altstaedt. Wer mit diesen Musikern über ihre Erfahrungen spricht, blickt in leuchtende Augen. Die Instrumente aus dem Fonds eröffnen nicht selten neue Welten. Zehn Jahre hat beispielsweise Altstaedt ein Cello von Lupot, dem französischen Stradivari, gespielt. „Ich hab damit meine ersten Orchesterkonzerte und CD-Aufnahmen absolviert“, erzählt er. „Das Instrument hat mir alle Wünsche erfüllt. Es ist robust, zuverlässig, meckert nicht und projiziert unheimlich. So kann man auch mit großem Orchester flüstern, und es kommt überall durch. Ein Traum.“

Aktuell umfasst der Fonds 184 Instrumente, darunter überwiegend historische Arbeiten aus italienischen Meisterwerkstätten wie der von Stradivari. In Deutschland gibt es keinen vergleichbar großen Fonds dieser Art – die Versicherungssumme bewegt sich in zweistelliger Millionenhöhe. Rund die Hälfte der Instrumente stammen von Privatleuten und werden von der Deutschen Stiftung Musikleben treuhänderisch verwaltet – was vor allem bedeutet, die passenden Musiker für die Instrumente zu finden.
Sichtbare Momente des Glücks, wenn die Leihgaben für junge Musiker verlängert werden. Sichtbare Momente des Glücks, wenn die Leihgaben für junge Musiker verlängert werden. | Foto: DMIF / Tobias Gloger Wer sich erst einmal entschlossen hat, sein Instrument – etwa die Geige des Großvaters – zum Verleih freizugeben, lässt das gute Stück oft lange im Fonds, berichtet Irene Schulte-Hillen, die Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben. „Es ist erstaunlich, wie selten jemand kommt und sagt: ‚Jetzt will ich sie wiederhaben!‘ Die meisten finden es sehr schön, denn es hat ganz praktische Vorteile: Das Instrument wird gepflegt, ist versichert. Und man lernt einen begabten jungen Menschen kennen, den man so nie getroffen hätte.“ Die Stipendiaten gäben ab und an auch ein Privatkonzert zu Hause. „Das macht viele Instrumentenbesitzer stolz“, weiß Schulte-Hillen. „Das größte innere Hindernis ist für viele, dass man nicht bestimmen kann, wer’s bekommt. Auch wir von der Stiftung können das nicht. Die Jury des Wettbewerbs hat da das Sagen. Wir verbieten uns Intervention und sind damit gut gefahren.“

Schritte nach vorn

Seit 1992 lenkt Irene Schulte-Hillen ehrenamtlich die Geschicke der Deutschen Stiftung Musikleben und hat maßgeblich dafür gesorgt, dass die Arbeit sich nicht im Geldgeben erschöpft. Seit 1962 fördert die Stiftung hochbegabte Musiker zwischen 12 und 30 Jahren auf allen Instrumenten und im Gesang. Die Unterstützung soll dabei möglichst maßgeschneidert sein und stützt sich auf drei Säulen: Auftrittserfahrung können die Stipendiaten im Rahmen der Konzertreihe „Foyer Junger Künstler“ sammeln, durch Stipendien und Patenschaften werden sie individuell auf ihrem Weg unterstützt – beispielsweise durch die Übernahme von Reisekosten oder Teilnahmegebühren. Und durch ein Instrument des Musikinstrumentenfonds öffnen sich für junge Streicher neue Klangwelten.

So saß die Präsidentin auch mit am Tisch, als am 1. Juli 1993 im Bundesinnenministerium in Bonn die Gründungsurkunde für den Deutschen Musikinstrumentenfonds unterzeichnet wurde. Die engagierte Stiftungs-Chefin hatte zuvor dort angeklopft, als sie gehört hatte, was der damalige Regierungschef Helmut Kohl plante – nämlich einen Fonds öffentlichen Rechts zu gründen, um unter anderem guten Instrumenten, die noch aus Reichsbesitz stammten, eine Heimat zu geben. „Das Vorhaben scheiterte, doch die Idee war geboren“, erinnert sie sich heute. „Da haben wir hier in der Stiftung beschlossen: ‚Wir machen das!‘ Ich bin einfach nach Bonn gefahren, habe das vorgeschlagen und gesagt, dass wir schon länger Instrumente verleihen. Auch wenn das ein bisschen hochgestapelt war – wir haben uns geeinigt. Mir wurde gesagt: ‚Sie bleiben ehrenamtlich dabei und verpflichten sich, für jedes Instrument aus Bundesbesitz mindestens ein gleichwertiges aus Privatbesitz zu besorgen.‘“ Diese Vorgabe haben Schulte-Hillen und ihr Team mehr als erfüllt: Mittlerweile stehen 37 Instrumenten vom Bund 147 aus Privatbesitz gegenüber.

Und der Fonds entwickelt sich weiter: Seit einigen Jahren vergibt die Deutsche Stiftung Musikleben mit Sitz in Hamburg auch regelmäßig Aufträge an namhafte Instrumentenbauer der Gegenwart. Eine Frischzellenkur für das Herz der Stiftungsarbeit.