Liedermacher Eine Frage der Aussage

Bernadette La Hengst
Bernadette La Hengst | Foto (Ausschnitt): Christiane Stephan

Hannes Wader wurde im März 2013 mit einem Echo Award für sein Lebenswerk bedacht, Reinhard Mey stürmt kurz darauf die Hitparaden und junge Kollegen wie Peter Licht und Hans Unstern setzen neue inhaltliche, ästhetische Akzente. Die zwischenzeitlich ein wenig aus der Mode gekommene Zunft der Liedermacher ist wieder im Rennen und präsentiert sich ebenso selbstbewusst wie künstlerisch eigenständig.

Ein Blick in die Geschichte: Liedermacher als eigener Typus Musiker, die nicht nur politische, gesellschaftskritische und manchmal skurrile, poetische Texte selbst verfassten, sondern meist auch persönlich vortrugen, betraten in den frühen Sechzigerjahren die Szene. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen brachten Tourneen wie das „American Folk Blues“-Festival von 1962 an Künstler nach Europa, die das Ideal des Originalen verkörperten. Sie gaben – wie auch der junge Bob Dylan – der keimenden Folk-Szene, zu der im weiteren Sinne auch die Liedermacher gehörten, wichtige Impulse für ihr gestalterisches Selbstverständnis. Auf der anderen Seite regte sich nach der ersten Phase des Wirtschaftswunders ein leises Unbehagen an der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, das bei Festivals wie „Chansons Folklore International – Junge Europäer singen“ auf Burg Waldeck musikalisch (1964–1969) formuliert wurde.

Waldeck und die Folgen

Zu den jungen Liedermachern, die auf Burg Waldeck ihre Stimme erhoben, gehörten Künstler wie Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp oder Hannes Wader, die in den folgenden Jahren oft mit klaren politischen Stellungnahmen die Ära der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition begleiteten. Überhaupt gingen rund zwei Jahrzehnte lang Liedermacher und Bürgerbewegungen wie etwa die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraft-Bewegung Hand in Hand. Die Szene organisierte sich, es entstanden Zeitschriften wie das Folk-Magazin, Sing In oder Song. Verlage wie Pläne widmeten sich dem politischen Lied, 1973 wurde ein eigener Liedermacherverband, die Arbeitsgemeinschaft Song, gegründet. Neue, ins Private weisende Strömungen vermischten sich gegen Ende des Jahrzehnts mit den großen gesellschaftlichen Zielen, die erste Platte des bis heute für die Liedermacherszene wichtigen Alternativ-Labels Trikont hieß dementsprechend Wir befreien uns selbst.

Stimmen des Ostens

Die Szene in der Deutschen Demokratischen Republik ging in dieser Zeit einen eigenen Weg. In einer ersten Phase des politischen Tauwetters 1963–1965 meldete sich eine junge kritische Dichtung mit der Lyrikwelle und neuen Stimmen wie Wolf Biermann, Manfred Krug oder Gisela May zu Wort. Daran anschließend wurde die Zensur allerdings wieder verschärft und bald wurden die Liedermacher mit der Singebewegung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Teil der offiziellen, kontrollierten Kulturpolitik. Das 1970 ins Leben gerufene Festival des politischen Liedes oder auch die Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 demonstrierten nach außen eine gewisse Offenheit. Die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976, der bald darauf Nina Hagen, Klaus Jentzsch, Gerulf Pannach und Bettina Wegner folgten, sprachen eine andere Sprache. Als sich 1989 die DDR schrittweise auflöste, gehörten Liedermacher und Rockmusiker wie Tamara Danz, Gerhard Schöne, Hans-Eckardt Wenzel oder Frank Schöbel zu den Initiatoren eines Aufrufs, der die Demokratisierung und den Dialog im Lande einforderte. Der Weg in eine neue Zeit war eingeschlagen worden.

Die Generation der Söhne und Töchter

Heute gehören die Recken der frühen Jahre wie Wolf Biermann, Hannes Wader oder Reinhard Mey zu den Autoritäten des Geschäfts. Ihnen gegenüber steht eine junge und sehr weit gefächerte Szene, die sich im Anschluss an die Phase der Neuorientierung in den späten Achtzigerjahren mit neuem Selbstbewusstsein der Erkundung individueller und gesellschaftlicher Verfasstheiten widmet. Die sogenannte Hamburger Schule etwa erwies sich seit den Neunzigern als Pool von Künstlern, die einerseits wie Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic, die lyrische Lakonik im Pop etablierten, darüber hinaus aber mit Bernadette la Hengst, Bernd Begemann, Tom Liwa und Niels Frevert auch einen neuen Typ popgeprägten Liedermachens hervorbrachten, den das Politische vor allem als Reflex im Persönlichen interessierte. Wichtiger Einfluss in diesem Umfeld war außerdem die Band Element of Crime um den Bremer Autor und Sänger Sven Regener, der mit Herr Lehmann nicht nur einen erfolgreichen Mauerfall-Roman geschrieben hatte, sondern die Kunst der getexteten Beiläufigkeit musikalisch populär machte.
 
Hans Unstern: Ein Coversong, Quelle: H. Unstern / Youtube

Kryptiker und Humoristen

Seitdem hat sich die Szene nach vielen Seiten geöffnet. Eine schillernde Gestalt des neuen poetischen Liedermachens mit Hang zu politischen Randbemerkungen ist zum Beispiel der Kölner Peter Licht. Seine assoziativen Texte verhalfen ihm während des vergangenen Jahrzehnts nicht nur zu Kooperationen mit dem Hamburger Schauspielhaus oder den Münchner Kammerspielen, sondern etablierten einen Typus des literarisch engagierten Komponisten, dessen Werke gattungsübergreifend wirken. Der Niederländer und Grafikdesigner Funny van Dannen hingegen wurde noch im Umkreis von Punk und Subversion groß. Seit den späten Achtzigerjahren tritt er mit zum Teil humoristischen, manchmal auch herb gesellschaftskritischen Texten zur Gitarre auf und ist auf diese Weise eine Figur des Übergangs von der alten Garde zu den jungen Dichtern. Der Wiesbadener Liedermacher Gisbert zu Knyphausen wiederum gehört zu den literarisch versierten Sängern, der mit oft kauzigen, poetischen, an historische Diktion anknüpfenden Texten dem Trend zur maskulinen Melancholie folgt und sich damit bereits in der Tradition von Element of Crime, Rio Reiser und den frühen Deutsch-Rockern Ton Steine Scherben sieht. Und sein Berliner Kollege Hans Unstern geht mit einer Mischung aus Klangcollagen, Avantgarde-Pop und assoziativen, zuweilen ans Dadaistische grenzenden Texten noch einen Schritt weiter in Richtung stilistische Eigenwilligkeit.

Electronics, Poetry Slam, Literatur-Crossover

Musik und Sprachwitz treffen Poetry Slam und Literatur: die Sängerin und Lyrikerin Lydia Daher. Musik und Sprachwitz treffen Poetry Slam und Literatur: die Sängerin und Lyrikerin Lydia Daher. | Foto: Gerald von Foris / Trikont Für die in Berlin lebende Sängerin, Komponistin und Elektronikproduzentin Barbara Morgenstern ist die deutsche Sprache hingegen nur ein Teil des musikalischen Kosmos. Englisch gehört ebenso dazu; so wie ihre Texte eine persönliche Sicht auf die Welt entwerfen, ihre Musik von der Hauptstadtszene zehrt und damit international erfolgreich ist. Lydia Daher entstammt der Poetry Slam-Szene, deren Kunst der spontanen Wortjonglage sich in ihren Liedern niederschlägt. Musik ist für sie nur ein Medium, Gedichte sind ein weiteres, das die Literaturstipendiatin inzwischen mit einem eigenen Lyrikband präsentiert. Die Berlinerin Christiane Rösinger, die mit Funny van Dannen zu den Gründungsmitgliedern der subkulturell legendären Lassie Singers zählte, ist als Buchautorin, Journalistin und Sängerin bereits seit den späten Achtzigern präsent, aber erst seit kurzem auch als Solo-Künstlerin aktiv. Mit Künstlerinnen wie ihr zeigt sich auch, wohin die neue Lust am Liedermachen weist: Heute wird im Gegensatz zu den frühen Jahren weniger unmittelbarer politischer oder gesellschaftlicher Bezug thematisiert, als vielmehr das Individuelle im Kontext des größeren Zusammenhangs reflektiert, philosophisch, humoristisch und nicht selten mit einer Prise Selbstironie gewürzt.