Internationale Bachakademie „Bewährtes erhalten und Neues gestalten“

Helmuth Rilling
Helmuth Rilling | Foto (Ausschnitt): IBA / Michael Latz

Der Generationswechsel ist eingeleitet: Mehr als dreißig Jahre hat Kirchenmusikspezialist Helmuth Rilling die Internationale Bachakademie Stuttgart geprägt. Nun folgt auf ihn Hans-Christoph Rademann, der sich unter anderem als Gründer und Leiter des Dresdner Kammerchors einen Namen gemacht hat. Ein Übergang mit Perspektive.

Als dem Dirigenten Helmuth Rilling 2001 der Hanns-Martin-Schleyer-Preis verliehen wurde, hielt der Unternehmer Berthold Leibinger die Laudatio. Leibinger, ein einflussreicher Mäzen mit besten Beziehungen zu politischen Kreisen, ist einer der wichtigsten Unterstützer der Internationalen Bachakademie Stuttgart (IBA), und er ist ihr Vorstandsvorsitzender. Einen „Brückenbauer“, einen „Karajan der Barockmusik“ nannte Leibinger den über lange Jahre hinweg mit ihm befreundeten Dirigenten damals in seiner Rede. Pikant: wie bei Karajan, der sich zuletzt mit „seinen“ Berliner Philharmonikern überworfen hatte, kam es zum Jahreswechsel 2011/12 in der IBA zu deutlichen Meinungsverschiedenheiten.

Leibinger, als weitsichtiger Unternehmer, wollte rechtzeitig Rillings Nachfolge regeln. Man vereinbarte eine Übergabe der Leitung zum 80. Geburtstag des Dirigenten im Mai 2013. Dann kam alles anders, denn Rilling gefiel nicht, dass der Vertrag des Intendanten Christian Lorenz an seiner Seite über den Februar 2013 hinaus nicht verlängert wurde: Der Gründer der Bachakademie trat nach 31 Jahren am 9. Februar 2012 „mit sofortiger Wirkung“ als künstlerischer Leiter zurück. Stuttgart war schockiert. Inzwischen haben sich die Gemüter wieder beruhigt, zur alten Freundschaft sind Helmuth Rilling und Berthold Leibinger bisher nicht zurückgekehrt, aber wie bei Karajan will es keiner unversöhnlich enden lassen.

Musikfest Stuttgart 2013

So saßen beide in einem Raum, als der Rilling-Nachfolger Hans-Christoph Rademann und der neue Intendant Gernot Rehrl, zuletzt Intendant der Rundfunkorchester und Chöre GmbH Berlin, Anfang November 2012 in groben Zügen ihr erstes Musikfest Stuttgart 2013 vorstellten, das jährlich von der Internationalen Bachakademie gestaltet wird. Das Interesse im Saal war enorm, denn die Bachakademie gehört zur festen Größe im Musikleben der Stadt. Auch im Bundesland ist man sich der internationalen Strahlwirkung der Institution und ihres Gründers Rilling bewusst. Alles wird auf Zukunft gepolt, das war die wichtigste Botschaft im Sitz der IBA, einem Haus aus der Gründerzeit im Stil eines italienischen Renaissance-Palazzos im Westen Stuttgarts am Johann-Sebastian-Bach-Platz. Und wonach es eine Zeit lang nicht aussah: Es wird eine feierliche Übergabe zwischen Rilling und Rademann geben.

Am 24. August 2013, zu Beginn des bis zum 8. September dauernden Musikfests, wird der Stabwechsel bei einem Festkonzert stattfinden; Bundespräsident Joachim Gauck hat sein Kommen angekündigt. Rilling dirigiert die Kantate Herz und Mund und Tat und Leben, Rademann die Kantate O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe. So spiegeln sich Reflexion und Aufbruch in Bach. Der Stellenwert des Namensgebers der Akademie werde zentral bleiben, versprach Rademann, es gelte die Maßgabe „Bewährtes erhalten und Neues gestalten“.

Die Geschichte der Bachakademie

1981 hatte alles begonnen – und wiederum auch nicht. Zwar gründete Helmuth Rilling in jenem Jahr die Internationale Bachakademie Stuttgart, doch das war der zwangsläufige Schritt eines langen Weges. Als junger Chorleiter hatte Rilling 1954 in Gächingen, knapp zwanzig Kilometer östlich von Reutlingen gelegen, einen Chor aus enthusiastischen Sängern gebildet. Die ersten Konzerte waren erfolgreich. Da viele der Beteiligten aus Stuttgart kamen, zog man zum Proben in die Landeshauptstadt, den Namen behielt man bei: Gächinger Kantorei. Rilling, mittlerweile Kantor, Kirchenmusikdirektor, Professor, hatte mit den Gächingern zunehmend das weite Land Bach entdeckt. Für schwäbische Geisteskinder gehören zu dieser Musik die Theologie, die Forschung, die Wissenschaft – und die Weitergabe all dieses Wissens. Das war die Geburt der Bachakademie, und dieses Zusammenspiel wurde in ihren Statuten festgeschrieben.

Heute hat sich der Dreiklang etwas verschoben, denn die Akademie versteht sich zunächst als Veranstalter. Dazu gehören die sechs Akademiekonzerte im Beethovensaal vor allem mit Oratorienwerken, außerdem die Bachwoche mit Meisterkursen, Seminaren und Gesprächskonzerten und das Musikfest Stuttgart als weit ausgreifendes Klassikfestival im Spätsommer. Weiterhin ist die IBA das Dach mehrerer Ensembles: der Gächinger Kantorei – obwohl weltweit ein Markenzeichen, nach wie vor ein Projektchor, allerdings mit etlichen Sängern, die jahrzehntelang dabei sind –, dem Bach-Collegium Stuttgart und zwei Nachwuchschören. Forschung und Lehre bestehen heute überwiegend aus Angeboten der Musikvermittlung für Laien und Kenner, etwa einem Studium generale und verschiedenen Seminaren.

Renommee auch durch Tourneen

All das finanziert die IBA, die zwanzig Mitarbeiter beschäftigt, grob zu je einem Drittel mit Eigenerträgen, Zuschüssen der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg sowie mithilfe von Sponsoren und Spendern, die einen Förderkreis mit rund 1.500 Mitgliedern bilden. Das Renommee der Bachakademie beruht nicht zuletzt auf den Tourneen und den Auslandsaktivitäten. Noch vor der IBA-Gründung gastierten die Gächinger und Rilling in Amerika, Japan und Israel. Nach 1981 veranstalteten sie Konzerte und Bachakademien in der DDR und Osteuropa – all das hatte auch politische Dimensionen, die Rilling und der Institution höchste gesellschaftliche Anerkennung verliehen.

Daran anzuknüpfen hat Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann so sehr gereizt, dass er von Sachsen nach Schwaben ziehen wird. Und eigentlich begann Rademanns Karriere genau wie die von Rilling: mit einer Chorgründung. Seit 1985 hat der 1965 in Dresden geborene Dirigent den Dresdner Kammerchor zu einem Spitzenensemble geformt, dessen Repertoire von der Renaissance bis zu Werken des 21. Jahrhunderts reicht. Rademann wurde seinen Wurzeln auch nicht untreu, als er von 1999 bis 2004 den Chor des NDR übernahm und 2007 Chefdirigent des RIAS-Kammerchors wurde. Biografisch passt daher alles beim Nachfolger von Helmuth Rilling, denn nicht zuletzt war Rademann auch Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Enger verbunden mit Johann Sebastian Bachs Geisteswelt kann man musikalisch kaum aufwachsen.