Hanns Eisler
„Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts“

Hanns Eisler während seiner Zeit in Hollywood um 1943.
Hanns Eisler während seiner Zeit in Hollywood um 1943. | Foto (Ausschnitt): Archiv Dr. Jürgen Schebera, Berlin / Bildbearbeitung: Thomas Neumann

Hanns Eisler war der Klassenkämpfer an der Seite Bertolt Brechts, aber auch der Vorzeigekomponist des sozialistischen Deutschland. Damit machte er es der Nachwelt schwer, ihn ohne kritische Vorbehalte zu würdigen. Noch 50 Jahre nach seinem Tod steht der politische Hanns Eisler dem künstlerischen im Weg. Ein Überblick über aktuelle Tendenzen der Rezeption.

„Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.“ Dieser Satz wird gemeinhin zu Recht dem Komponisten Hanns Eisler zugeschrieben, obwohl Eisler sich da an Georg Christoph Lichtenberg gelehnt hat. Aber das ist ja gerade typisch für Eisler: Die „Kunst zu erben“ – also die sinnreiche, aber freigeistige Verwendung vorhandenen Materials – und das Leben und Denken in Widersprüchen waren seine zwei maßgeblichen Kunst- und Lebensstrategien. Und Musik, sagt dieser paradoxe Satz, verweist aus sich heraus immer auf Nicht-Musik, also auf einen politischen und gesellschaftlichen Raum, auf den es eigentlich ankommt und in dem definiert wird, was Charakter und Aufgabe der Musik sein kann. Ist Musik – als Kunstsparte – also nicht frei? Doch, aber wenn sie ihre Freiheit als Selbstgenügsamkeit inszeniert, ist sie politisch naiv.

Haltung im Widerspruch

Es ging bei Eisler stets um Widerspruch, auch als Gegenteil von Affirmation. Das war seiner Meinung nach die gesellschaftliche Aufgabe der Musik. Mit seiner daraus entstehenden Radikalität und Mehrgesichtigkeit hat der Komponist sich zeit seines Lebens zwischen die Stühle gesetzt, in wohl durchdachter, klarer Haltung. Kein Wunder, dass seine Musik im gegenwärtigen Konzertbetrieb nicht leuchtet. Zwar hat er vieles im Repertoire, was eine permanente, intensive Beschäftigung verdient, aber seine Musik schwelt dort eher. Nur manchmal dringt sie an die Oberfläche, an überraschenden Stellen, und zeitigt erstaunliche Ergebnisse.

Hanns Eisler in den Fünfzigerjahren. Hanns Eisler in den Fünfzigerjahren. | Foto: Archiv Dr. Jürgen Schebera, Berlin / Bildbearbeitung: Thomas Neumann In Berlin beispielsweise ist die Musikhochschule nach ihm benannt. Sie kümmert sich auch um jenen Teil seines Erbes, der zum Zuständigkeitsbereich des bürgerlichen Konzertbetriebs gehört, den Eisler selbst nicht besonders schätzte: die sinfonische Musik, Kammermusik, Filmmusik. In traditionsbewussten sanglichen Kontexten wird jedoch ein anderer Schaffenszweig Eislers gepflegt, die Arbeiterbewegungsmusik, kein besonders großes, aber ein markantes Repertoire.

Der dritte Zweig, in dem beide in einem dialektischen Sinne aufgehoben sind, sind die Lieder. Sie bilden einen kontinuierlichen Schwerpunkt seines kompositorischen Schaffens. Es gibt Lieder zu verschiedensten, zuweilen auch eigenen Texten, in wechselnden Zusammenhängen und Bezugssystemen in Musik, Geschichte und Politik. In Liedern hat Eisler sich verständigt mit der und über die Welt. In Liedern hat er Privates ausgedrückt und Allgemeines festgehalten. Und die Lieder sind es, an denen eine aktuelle und vielfältige, wenngleich nicht sehr breite, Eisler-Rezeption ansetzt.

Welt-Mosaik der Lieder

Frankfurt am Main war Ausgangspunkt und ist immer noch Zentrum dieser Eisler-Rezeption. Sie begann in den 1970er-Jahren und ist eng mit den Namen des Jazz-Saxofonisten Alfred Harth und der Komponisten Heiner Goebbels und Rolf Riehm verknüpft. Die drei hatten mit Laienmusikern das sogenannte Linksradikale Blasorchester gegründet, in dem eine Kultur des Fragens nach dem gesellschaftlichen Sinn und Horizont von Musik virulent war.

Pionier der Eisler-Rezeption: der Komponist Heiner Goebbels. Pionier der Eisler-Rezeption: der Komponist Heiner Goebbels. | Foto: Wonge Bergmann / ECM Records Heiner Goebbels, der über Eisler seine Diplomarbeit schrieb, hielt im eigenen Werk dessen Einfluss lebendig. Die Produktion Eislermaterial (ECM) mit dem Ensemble Modern ist ein Markstein einer aktuellen, erinnernden Rezeption. Auf zwei Langspielplatten – Vier Fäuste für Hanns Eisler (FMP) und Vom Sprengen des Gartens (SAJ/FMP) – eröffneten Heiner Goebbels und Alfred Harth zeitgemäße Perspektiven, jenseits von überkommenen Arbeitergesängen und ohne falsche Trotzreaktionen gegenüber dem bürgerlichen Musikbetrieb.

Bei Rolf Riehm hat Eisler vor allem tiefe intellektuelle Spuren hinterlassen. Wenn er über das Komponieren nachdenkt, dann ist sein Denken stets eines in Gegensätzen und über Gegensätze hinaus. Die Eigenheit, der Eigensinn seiner Musik und ihr spezifisches Reagieren auf Nicht-Musik ist ihm zentrales Anliegen, ebenso wie eine klare und nie simpel affirmative Haltung zum Material.

Postmoderne Arbeit

In den späten 1990er-Jahren setzte in Frankfurt und Umgebung eine erneute Beschäftigung mit dem Komponisten ein. Akteure waren diesmal vor allem die Schauspielerin Michaela Ehinger und die drei Musiker Oliver Augst, Christoph Korn und Marcel Daemgen, die sich in der Gruppe text.xtnd zusammengefunden hatten. Sie entdeckten – oder produzierten – den postmodernen Eisler, den der emotional intensiven Lieder, deren Intensität und Intimität gerade aus der nonchalanten Negation jeglicher Sentimentalität entsteht. Unter dem Gruppennamen Arbeit produzierten dieselben Musiker zwei CDs, die Eisler als Komponisten von kunstvollen, kühl-sentimentalen Brecht-Liedern zeigen, als reflektierenden Musik-Agitator mit Popmusik-Appeal, als klugen Selbstbediener auf dem Gebrauchtwarenmarkt deutscher Lyrik.

Eine aktuelle Eisler-Rezeption erlebte der zeitgenössische Jazz, als 2010 das Jazz-Trio Das Kapital mit nur einer Prise Ironie und umso größerem Überschuss an kreativer Spielfreude mit Material von Hanns Eisler avancierten Jazz produzierte. Auf den Alben Ballads & Barricades: Das Kapital plays Hanns Eisler und Conflicts & Conclusions (Daskapitalrecords) finden sich, wenn man Goebbels/Harth und text.xtnd kennt, lauter alte Bekannte, außer dem Lied Die Moorsoldaten, an dem Eisler ganz und gar unbeteiligt war. An der Musikhochschule Hanns Eisler gibt es darüber hinaus regelmäßig am 9. November einen Eisler-Tag, der eine stichprobenartige Revue von dessen Œuvre unternimmt und dabei sehr vielschichtig vorgeht.

John Lennons Material

Zurzeit sind es vor allem zwei Bücher, die auf ihre Weise die Erinnerung an Eisler wach halten. Da ist einmal die vorzügliche Biografie der Musikwissenschaftlerin Friederike Wißmann Hanns Eisler: Komponist, Weltbürger, Revolutionär (Edition Elke Heidenreich), die Eislers Leben von seiner Musik aus interpretiert und deren biografische Schreibweise bei aller behutsamen Distanz doch von großer Zustimmung geprägt ist.

Überraschender als diese wissenschaftlich fundierte Arbeit ist Thomas Freitags literarische Annäherung Das Neue so merkwürdig ... (Neues Leben Verlag) anhand eines fiktiven – gleichwohl theoretisch denkbaren – Zusammentreffens von Hanns Eisler und John Lennon im Jahre 1962 in einem Londoner Pub: zwei working class heroes, die sich gemeinsame, differente und zuweilen überraschend ähnliche Gedanken machen über den Sinn von Musik im 20. Jahrhundert. Das letzte, das politisch entscheidende Wort hat dabei, wie zu erwarten, Hanns Eisler: „Es geht in einer vorangeschrittenen Gesellschaft immer um Vergnügen. Aber nicht nur!“