„A House Full Of Music“ Grenzgänge zwischen den Künsten

Bernhard Leitners „Soundcube“, eine Verknüpfung von Raum und Klang bei „A House Full Of Music“.
Bernhard Leitners „Soundcube“, eine Verknüpfung von Raum und Klang bei „A House Full Of Music“. | Foto (Ausschnitt): Wolfgang Günzel / Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Während sich die Internationalen Ferienkurse für Musik in Darmstadt 2012 unter anderem der Wirkung von John Cage auf die deutsche Musikwelt widmeten, erkundete die Ausstellung „A House Full Of Music“ die Wechselbeziehungen seiner Werke mit dem Kosmos Kunst im Allgemeinen. Ein gelungenes Experiment.

„Es ist wichtig, die Situation komplex zu gestalten“, bemerkte John Cage einmal zu seinem Ideal der ästhetischen Erfahrung. Dieser Empfehlung fühlte sich die Ausstellung A House Full Of Music, deren Titel eine Performance des amerikanischen Avantgardisten zitiert, ganz offenkundig verpflichtet. Die Überfülle war kuratorisches Prinzip: 350 Exponate von 110 Künstlern erwarteten den Besucher in der Ausstellung, die vom 13. Mai bis 9. September 2012 im Darmstädter Museum Mathildenhöhe stattfand, jenem Jugendstilbau, den Joseph Maria Olbrich Anfang 1906 als „Gebäude für freie Kunst“ entwarf.

Die Masse der Bilder, Skulpturen, Videos, Installationen, Partituren und Musiken bedurfte einer Ordnung, weshalb die Macher der Ausstellung – Museumsdirektor Ralf Beil und die Kuratoren Stefan Fricke, Peter Kraut und Thomas Schäfer – ein „Leitsystem“ aus Begriffen erdachten, mit dem verschiedene künstlerische Strategien gebündelt wurden.

Ein Leitsystem durch die Welt von John Cage

Speichern, Collagieren, Schweigen, Zerstören, Rechnen, Würfeln, Fühlen, Denken, Glauben, Möblieren, Wiederholen und Spielen. Mit diesen zwölf Schlagworten wurden Markierungen gesetzt, die auf pragmatische Weise Analogien zwischen Bildender Kunst und Musik erörterten, anstatt in die Unschärfe der Synästhesie abzugleiten. Dass sich diese thematische Zuordnung mal schlüssiger, mal weniger schlüssig erwies, war indessen kein Nachteil, sondern betonte implizit, dass die avancierten Gegenwartskünste im besten Sinne fluide sind. Der „Verlust der Mitte“ wurde in A House Full Of Music zum kommunikativen Grundsatz.

Das Ausstellungssegment „Spielen“ Das Ausstellungssegment „Spielen“ | Foto: Wolfgang Günzel / Institut Mathildenhöhe Darmstadt Dementsprechend handelte die Ausstellung von Geschichte und Gegenwart der Grenzgänge zwischen den Künsten. Mit Erik Satie, Marcel Duchamp und John Cage wurden drei maßgebliche Wegbereiter einer „hybriden“ Kunst hervorgehoben. Von diesen Anfängen ausgehend, errichtete die Ausstellung ein denkbar vielschichtiges Panoptikum spartenübergreifender Kunsttendenzen der vergangenen hundert Jahre. So wurde in der Rubrik „Schweigen“ Cages silent piece 4’33" den „leeren“ White Paintings von Robert Rauschenberg gegenübergestellt, kurz darauf folgte Joseph Beuys’ Skulptur Das Schweigen – fünf verzinkte Filmspulen des gleichnamigen Films von Ingmar Bergman.

Ergänzende Kontraste

Die Strategie des „Zerstörens“ dokumentierten Fotografien von Georges Maciunas’ Aufführung der Performance One for Violin Solo von Nam June Paik, bei der eine Geige zu Kleinholz wird; das Cover des The-Who-Albums mit dem sprechenden Titel This guitar has seconds to live korrespondierte wiederum mit dem 1983 entstandenen Musikvideo Autobahn der Einstürzenden Neubauten, in dem die Industrial-Musiker mit Schneidbrenner und Kettensäge ein Auto zerlegen. Im Abschnitt „Speichern“ war Robert Morris’ Box with the Sound of its own Making (1961) ausgestellt; eine Skulptur, die in besonderer Weise die Relation zwischen visueller und akustischer Wahrnehmung thematisiert: Aus einem Lautsprecher im Inneren der Kiste dringen die Geräusche, die bei ihrer Herstellung entstanden.

Weiterhin waren Partituren zu sehen: „Klassische“ Notationen – etwa von Arnold Schönberg, Iannis Xenakis oder Luciano Berio – ebenso wie grafische Ausprägungen, unter anderem Notenblätter, auf die der Fluxus-Künstler Dick Higgins 1968 mit Schrotkugeln schoss. Terry Fox wiederum deutete 1982 die kartografische Aufzeichnung des Verlaufs der Berliner Mauer zum musikalischen Text um: The Berlin Wall Scored for Sound. Daneben wurden Installationen und Videos von Carsten Nicolai, Yoko Ono, Georg Hildebrandt, Peter Roehr und Ragnar Kjartansson gezeigt – alles Arbeiten, die mit einer Zuordnung zu Kunst oder Musik nur unzureichend zu erklären sind.
 
Kutimans „The Mother Of All Funk Chords“ gehörte zu den viralen Ausstellungsinhalten von „A House Full Of Music“, Quelle: Youtube/Kutiman

Etwas unterrepräsentiert blieben leider die Medien der Gegenwart – der „user generated content“ des Internets wäre eine instruktive Erweiterung gewesen. Immerhin hat Kutimans ungewöhnliche YouTube-Collage The Mother Of All Funk Chords den Weg nach Darmstadt geschafft. Trotzdem war die Ausstellung rundum gelungen. Die gleichberechtigte Zusammenschau von Arbeiten aus Bildender Kunst und Musik schärfte nachhaltig den Sinn für wechselseitige Beeinflussungen und parallele Entwicklungen der beiden Genres. Mit A House Full Of Music wurde einmal mehr verdeutlicht, dass der ästhetische Dialog zwischen Visuellem und Akustischem integraler Bestandteil eines gegenwärtigen Kunstdiskurses sein muss. Es ist eben wichtig, die Situation komplex zu gestalten.
 

Zur Ausstellung erschien neben einem Band aus der Reihe Kunst zum Hören (A House Full of Music: 52 Seiten, 57 Abbildungen, 22 x 22 cm, mit einer CD, 16,80 Euro) das umfangreiche Katalogbuch A House Full of Music. Strategien in Musik und Kunst, herausgegeben von Ralf Beil und Peter Kraut im Verlag Hatje Cantz, 416 Seiten, 468 Abbildungen, 24,5 x 30,5 cm, Hardcover, 49,80 Euro.