Elektronische Musik 2013 Romantiker im Zyklus der Bassdrum

Digital Natives zelebrieren das gute alte Vinyl: hier das Team des Labels Rose Records vor seiner Plattensammlung.
Digital Natives zelebrieren das gute alte Vinyl: hier das Team des Labels Rose Records vor seiner Plattensammlung. | Foto (Ausschnitt): © Rose Records

2013 schloss sich mehr als ein Kreis in der elektronischen Musik. Uh-Young Kim beobachtet die Renaissance von House, Stillstand auf hohem Niveau bei den Etablierten und Auswege in den Süden. Es war auch das Jahr, in dem die Clubkultur lernte, über sich selbst zu lachen.

2013 offenbarte sich die zyklische Historizität der Clubmusik durch einen Generationenwechsel deutlicher als die Jahre zuvor. Die Jungen sind da, und sie klingen wie die Alten, die aber auch noch da sind. Wem das alles zu bekannt vorkam, konnte jenseits der Landesgrenzen etwa in Afrika unverbrauchte Sounds entdecken. Einige Produzenten orientierten sich in Richtung Hochkultur um, alleine schon um der drohenden Prekarisierung im Musikgeschäft zu entfliehen, aber auch weil es selbstverständlicher geworden ist, die Theater, Opern und Museen zu bespielen, die ihrerseits in Feiertempeln wie dem Berghain gastierten. Schön, dass bei all dem Wettbewerb um Staatsaufträge, die Gunst der Tanzfläche und Social-Media-Klicks die elektronische Musikszene 2013 endlich gelernt hat, über sich selbst zu lachen.

Die jungen Romantiker

Sobald die Bassdrum einsetzt, die Hihat nach vorne peitscht und die typischen House-Akkorde erklingen, winken Väter mit Hipsterbart und zu großen Plattensammlungen ab: Alles schon gehört, alles schon da gewesen. Natürlich aber sind Revivals insbesondere für diejenigen da, die den Sound damals nicht miterlebt haben können: blutjunge digital natives, extrem begeisterungsfähig für die Disco-Ära, mit den nötigen Internetskills zur Eigenvermarktung ausgestattet und vor allem mit Leib und Seele dem Motto strictly vinyl verschrieben.

Das Medium bestimmt die Botschaft: Nach Jahren der stromlinienförmigen Trackästhetik aus dem Laptop soll es nun wieder analoger, dreckiger und beseelter zugehen. Die Shooting Stars dieser Szene heißen Max Graef, dessen Remixe international stark gefragt sind, oder Damiano von Erckert aus Köln. Das Album des Kölners – Love Based Music – landete ganz oben in den Verkaufscharts der Online-Shops und in den Plattenkisten von Größen wie Gilles Peterson und Four Tet. Veröffentlicht wird auf Vinyl-Only-Labels wie dem Berliner Label Box aus Holz oder Rose Records aus Leipzig.

Ihre liebevoll gestalteten Schallplatten klingen nach verschollenen Tracks alter Helden wie Moodymann oder Kerri Chandler: angezerrter House der Chicagoer Schule mit pumpenden Kicks, Soul- und Disco-Samples, durch die Brille des Spätgeborenen romantisiert. Somit hat sich 2013 für eine neue Generation von DJs und Produzenten Deep House als Soundideal erneut herauskristallisiert – 20 Jahre, nachdem es an der Ostküste der USA ausformuliert wurde. Seither wird der Sound in der deutschen Clubmusik aus Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin immer wieder verfeinert und hybridisiert: House als Fortführung von Soul und Disco mit melodiösen Elementen und menschlichen Imperfektionismen.
Damiano von Erckert: Housem

Der charmant dilettantisch produzierte House passt sich gut ein in die Renaissance von Discoklassikern als Edits. In diesen alternativen Versionen wird das Original auf die Grundelemente reduziert, neu arrangiert und auf die Bedürfnisse des Dancefloors zugeschnitten. Die Qualität und Quantität von Edits haben 2013 exponentiell zugenommen, da sie im Handumdrehen gebaut sind und sich via Internetplattformen wie Soundcloud schnell verbreiten. Mitterweile gehört es zum guten Ton für DJs, selbstproduzierte Edits beim Auflegen zu spielen.

Die alten Wilden

Eine Wachablösung der Generationen hat indes nicht stattgefunden. Die Jungen haben nicht die Alten abgelöst oder gar vertrieben. Vielmehr koexistieren sie, im Idealfall unterstützen sie sich und laden sich ein. Newcomer Damiano von Erckert etwa legte auf dem 50. Geburtstag von Hans Nieswandt auf. Nieswandt, der Pionier der Clubkultur, House-Pate und Autor aus Köln, wurde Ende des Jahres zum künstlerischen Leiter des neu gegründeten Instituts für Populäre Musik der Folkwang Universität der Künste in Bochum ernannt. Ein DJ an der Spitze einer Akademie – ein gewagter Schritt für alle Beteiligten, der sich dank Nieswandts Wissen, seiner weitreichenden globalen Kontakte und nicht zuletzt durch ihn selbst als Künstlerpersönlichkeit noch spannend gestalten wird.

Ganz vorne in den Jahresbestenlisten landete das Album von DJ Koze. Auf Amygdala finden sich Stücke, die genetisch aus der Clubkultur stammen, aber eher für den Rückzug aus ihr gemacht sind: Musik zum Zuhausehören nach dem Geboller mit der für Stefan Kozalla üblichen idiosynkratischen Soundpalette. Ob Amygdala etwa dem Westbam-Album Götterstraße, das trotz hochkarätiger Gaststars wie Kanye West oder Iggy Pop untergegangen ist, oder dem Moderat-Album II mit ihrem ätherischen Singersongwriter-im-Club-Modell tatsächlich musikalisch voraus war, kann durchaus diskutiert werden. Die Spitzenposition von DJ Koze sagt aber vielleicht mehr über die Rezeption als über die Musik an sich aus – also darüber, wer überhaupt noch Alben kauft, rezensiert und Listen darüber anfertigt.

An Berlins knuffigstem Produzentenduo Modeselektor kam derweil keiner vorbei – auch wenn sie ihr letztes Album 2011 veröffentlichten. Durch ihre Beteiligung bei Moderat und ihre Labelarbeit mit Monkeytown und 50 Weapons, auf denen sie so unterschiedliche Acts wie Mouse On Mars und Addison Groove aus Großbritannien versammelten, blieben sie fortwährend im Gespräch, nicht zuletzt durch eine treue und wachsende Gefolgschaft im Netz.

Für sie wie für die Innervisions-Crew um Dixon und Âme war 2013 ein weiteres Jahr der Konsolidierung: Stillstand auf hohem Niveau – vieles ist erreicht, auch hier muss und kann das Rad nicht neu erfunden werden. Im Fall des Berliner DJs Dixon zahlt sich Langlebigkeit aus: Er wurde von den Usern des tonangebenden Online-Magazins für elektronische Musik, Resident Advisor, weltweit auf Platz 1 im DJ-Poll gewählt.

Ausfahrt Global Pop

Neues entstand in der elektronischen Musik 2013 durch die Rekombination und Hybridisierung mit Soundästhetiken aus fernen Regionen. Der Blick über den Tellerrand wanderte 2013 vor allem nach Afrika. Dub-Connaisseur und Techno-Pionier Mark Ernestus (unter anderem Hardwax, Basic Channel) hat für das Projekt Jeri Jeri hochklassige Instrumentalisten aus Senegal versammelt und ihre komplexen perkussiven Grooves mit viel Respekt gegenüber dem Ausgangsmaterial ausproduziert und live auf die Bühne gebracht. Was Ernestus schon mit Dub Reggae aus der Karibik bei Rhythm & Sound vollzogen hat, gelang ihm hier erneut mit westafrikanischer Polyrhythmik: eine insiprierte Aktualisierung reicher Musiktraditionen mit dem technischem Know-how aus jahrzehntelanger Erfahrung und dem neugierigen Blick von außen.
Jeri-Jeri with Mbene Diatta Seck, Ale & Khadim Mboup: Bamba

Alex Barck von Jazzanova aus Berlin präsentierte 2013 das Ergebnis seiner Auszeit auf La Réunion. Er war für ein Jahr mit seiner Familie auf die paradiesische Insel im Indischen Ozean gezogen, raus aus dem Großstadttrubel. Reunion heißt das Album, in das die Erfahrungen auf unbekanntem Terrain und die Begegnungen vor Ort unter anderem mit Sängerin Christine Salem geflossen sind. Entstanden sind dabei funkelnde Fusion-House-Tracks mit Einflüssen aus Jazz und Maloya, der traditionellen Musik aus La Réunion.

Ähnliche Bezugspunkte kreuzten sich auch beim Projekt Pupkulies & Rebecca plays Tibau. Das Trio aus Berlin hat die sehnsüchtigen Songs des kapverdischen Musikers Tibau Tavares mit ihrem melodiösen Techno-Pop-Sound unterlegt. Produzent Janosch Baul hat einen Teil seiner Kindheit auf den kapverdischen Inseln verbracht und reist immer mal wieder auf die westafrikanische Insel. Bei der Präsentation der gemeinsamen Songs mit Tibau in Kapverde ist das einheimische Publikum mitgegangen wie in einem Berliner Afterhourschuppen.

Nach Wankelmuts Chart-Hit mit dem Remix von One Day/Reckoning Song – im Original vom israelischen Folksänger Asaf Avidan – vermischen dabei ein weiteres Mal Akteure aus der noch jungen Techno-Pop-Szene um Acts wie Klangkarussell weltmusikalische Ansätze mit ihrem massentauglichen elektronischen Sound. Oft wurde diesem Stil eine gewisse Berechenbarkeit und auf vorgefertigten Sounds basierende Ästhetik vorgeworfen. Hier aber scheint sich eine Ausfahrt aus dem Preset-Tunnel anzubahnen, die unbedarft und leichtfüßig genommen wird.

Megacity-Clash und Voodootronics

Dass sich in der Hinwendung zur Musikwelt der südlichen Hemisphäre neue Erkenntnisse und aufregende Sounds gewinnen lassen, hat 2013 besonders das Mega-Projekt Ten Cities eindrucksvoll bewiesen. Dabei wurden auf Initiative des Goethe-Instituts Kenia europäische und afrikanische Clubkulturen in zehn Städten miteinander konfrontiert, darunter Kairo, Berlin, Jojannesburg, Lagos und Lissabon. Beim groß angelegten Projekt Heimatlieder aus Deutschland wurden Lieder aus den migrantischen Gemeinden Berlins von Produzenten der elektronischen Musik als Remixe bearbeitet, unter anderem von Gudrun Gut, Murat Tepeli, Symbiz Sound oder Thomas Mahmoud. Und auch im Kleinen ergaben sich spannende Schnittstellen zwischen elektronischer Musik und traditionellen Klängen: Nachdem Jan St. Werner von Mouse On Mars eine Candomblé-Zeremonie in Berlin-Kreuzberg besucht hatte, lud er die Perkussionisten Vladir Jovendal, Juninho Quebradiera und Leo Leandro zu sich ins Studio ein, um ihre afro-brasilianischen Rhythmen mit abstrakten elektronischen Soundgebilden zu verschachteln. Das Ergebnis ist das Album Black Manual, ein flirrender Clash der Texturen mit magischer Sogwirkung.

Steht ein DJ im Club …

Die Clubkultur ist 2013 endgültig in der Phase der Selbstbespiegelung angekommen, da bleiben bissige Auswüchse im Internet nicht aus. Während das Interviewbuch Mehr als laut von Jürgen Teipel der existierenden Literatur über DJ-Geschichte und -Geschichten wenig hinzuzufügen hatte, wurden in Blogs und auf YouTube Dinge sichtbar, die sonst im Nachtleben als selbstverständlich untergehen.

Der Blog Serato Face etwa zeigte Fotos von namhaften DJs, darunter auch große Namen aus Deutschland wie Paul van Dyk, wie sie beim Auflegen stumpf auf ihren Laptop starren, und enttarnte somit digitale DJ-Tools wie Serato oder Traktor als spröde Arbeitswerkzeuge ohne Leidenschaft. Der Blog Producers and DJs looking depressed versammelte Pressebilder von bekannten Nachtgestalten wie Ricardo Villalobos oder Michael Mayer, die den Blick kontemplativ vom Betrachter abwenden und in der vorgeführten Seriösität lächerlich wirken.

Dabei soll es doch im Club vor allem um Spaß gehen. Das lässt sich bei dem in Berlin angekommenen Boiler Room manchmal unfreiwillig komisch ablesen. Der Boiler Room ist eine globale Institution in der Clubkultur geworden, bei der frontal gefilmte DJ-Sets mit Publikum live im Netz übertragen werden. Star-DJs und ihre Entourage können hier Coolness, Intimität und Eskstase vorführen und online Jugendzimmer weltweit rocken. Kalt erwischt hat es dabei Techno-DJ Ben Klock aus dem Berghain-Stall.

Sein Boiler-Room-Set sorgte im Nachhinein als sogenanntes shred video für viel Vergnügen – bei einem shred wird die Tonspur eines Musikvideos durch neue, unvorteilhafte Geräusche ersetzt, die synchron zu den Bildern laufen, es ensteht ein aufwendiger audiovisueller Remix als Parodie von Musikperformances. Im shred Being Boiled poltert zum Höhepunkt von Ben Klocks Set kein Technobrett, sondern ein Schlagersong auf die Tanzfläche, woraufhin die Tanzenden ausflippen. Der Clip machte schnell die Runde und wurde oft geteilt. Ben Klock rehabilitierte sich kurze Zeit später, indem er danach genau diesen Schlagersong tatsächlich im Club auflegte und sich dabei triumphierend filmen ließ.

Wunderbar, so kann es weitergehen.