Moers-Festival 2014 Neue Halle, neues Glück

Marcus Schmickler und Jaki Liebezeit beim Moers-Festival 2014.
Marcus Schmickler und Jaki Liebezeit beim Moers-Festival 2014. | Foto (Ausschnitt): Moers Festival / Elisa Essex

Mancherorts in Deutschland liegen Großbaustellen brach. Stuttgart, Hamburg oder Berlin machen vor, wie man an Projekten vom Flughafen bis zur Elbphilharmonie vorläufig verzweifeln kann. In dem Städtchen Moers nahe der holländischen Grenze wurde nun eine andere Gangart an den Tag gelegt und dem renommierten Jazz-Festival kurzerhand eine neue Halle spendiert.

Seit Jahrzehnten lockte das experimentierfreudige Moers-Festival Tausende Jazz-Fans in ein stimmungsvolles, aber auch sehr wetterabhängiges Zirkuszelt. Die allgemeine Skepsis war groß, als bekannt wurde, dass man das Spektakel 2014 in eine feste, aber nüchterne Halle umlegen wollte. Die Idee entstand, als die amerikanische Pianistin und Bandleaderin Carla Bley vor einigen Jahren bei einer Probe in besagter Halle, die damals noch in erbärmlichem Zustand war, davon ausging, dass sie der Austragungsort des Festivals sei, und sich wunderte, wo die Besucher blieben. Von Oktober 2013 bis unmittelbar vor Einlass zum ersten Konzert des Moers-Festivals 2014 wandelte man die marode Tennishalle in eine der schönsten Festivalhallen Deutschlands für etwa 2.000 Besucher um. Das Publikum profitierte davon genauso wie die Veranstalter und die Musik selbst. Die Akustik ist brillant, in der Halle gibt es viel weniger Unruhe und Fluktuation als im Zelt, und man konnte Dinge zur Aufführung bringen, die in der Zirkusarena schlicht unmöglich waren.

Doch der beste Spielort würde nichts taugen ohne das entsprechende Programm. Die neuen kreativen Freiräume schienen Festivalleiter Reiner Michalke beflügelt zu haben, noch mehr vielschichtige, differenzierte und herausfordernde Gruppen als bislang einzuladen. Natürlich stand er in der Pflicht, den bisherigen Laborgeist fortzusetzen, der das Moers-Festival über die Jahre zum wichtigen Festivalmarkstein der jeweiligen Saison hat werden lassen. Und er ließ sich nicht beirren, sein Konzept der Kombination von bestehenden Szenegrößen und eigens gestalteten Projekten weiterzuverfolgen. Junge Acts von der amerikanischen Ost- und Westküste feierten ein riesiges Klassentreffen, Gruppen aus Frankreich und Deutschland hielten die Messlatte des europäischen Jazz hoch und eine Legende kehrte nach Moers zurück. Nur die auf dem Festival stets gut repräsentierten Norweger schwächelten ein wenig. Mehrere Künstler und Bands zeigten, wie nah sich Tradition und Avantgarde doch oft sind.

Renommierte Avantgarde

Avantgarde-Legende Fred Frith schlug mit der Aufführung seines bahnbrechenden Albums Gravity von 1980 eine Brücke von den Anfängen der Postmoderne im Jazz zur Gegenwart. Die damals mit mehreren Bands eingespielte Platte war ihrerseits das Bindeglied vom britischen Progrock zur sich gerade formierenden New Yorker Downtown-Avantgarde um John Zorn. Frith ging es jedoch nicht um Rekapitulation des Errungenen, sondern um ein Update. Mit einer elfköpfigen Formation um den kalifornischen Klarinettisten Aaron Novik übertrug er seinen Klassiker stilecht ins Jahr 2014. Zwischen dieser Komprimierung und der mittlerweile 34 Jahre zurückliegenden Veröffentlichung der Platte tat sich eine Bruchstelle auf, die dem Publikum teilweise schmerzhaft die Veränderung seiner Hörgewohnheiten vor Ohren führte.

Das New Yorker Quartett Ideal Bread um Trompeter Kirk Knuffke und Saxofonist Josh Sinton brachte Kompositionen des Freejazz-Pioniers Steve Lacy zu Gehör. Die meist ausschweifenden Originale wurden von der Band auf griffige Drei-Minuten-Formate reduziert, statt Lacys Sopransaxofon spielte Sinton ausschließlich Baritonsaxofon. Mit solistischer Disziplin und kammermusikalischem Understatement erreichten sie trotzdem die Intensität einer Alternative-Rock-Band. Gut und alt bekannt beim Festival ist das Quartett Mostly Other People Do The Killing. Für ihr Programm Red Hot hatten die in bester Lounge-Lizards-Tradition stehenden Avantgardisten ihre Viererbande nicht nur auf Septettstärke aufgestockt, sondern ihr Konzept auch in Richtung Ragtime und New Orleans getrimmt. Das Draufgängertum von Saxofonist Jon Irabagon hat sich in Moers längst herumgesprochen, aber der Irrwitz von Banjospieler Brandon Seabrook öffnete für Saiteninstrumente völlig neue Horizonte.

Das kann man vom Gitarrenheroen Marc Ribot leider nicht sagen. Er war unter dem Motto Protest Songs angetreten. Auf einem Stuhl sitzend verzettelte er sich in einem Stapel von Textblättern, versang sich oft und musste die Patzer mit der Gitarre ausbügeln. Glücklicherweise holte sein Lounge-Lizards-Vorgänger Arto Lindsay im Duo mit dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love zu einem brachialen Power-Samba-Set aus.

Deutsch-internationale Akzente

An beteiligten deutschen Künstlern ist vor allem die Pianistin Julia Hülsmann zu nennen, die 2014 als Improviser in Residence viel Zeit hatte, sich auf ihr Programm mit Sänger Theo Bleckmann, Saxofonist Hayden Chisholm und Drummer Moritz Baumgartner vorzubereiten. Ihre Navigationen zwischen instrumentaler und vokaler Musik, elektronischen Verfremdungen und akustischen Improvisationen war zu jedem Zeitpunkt dicht und hoch motiviert. Ein neuer Höhepunkt in der endlosen kreativen Kammwanderung der Berlinerin.

Das französische Trio Jean Louis absolvierte daneben einen Powerset, bei dem die elektronisch verfremdete Trompete oftmals die Funktion einer brachialen elektrischen Gitarre übernahm. Diese ungewohnten Sounds waren ebenso irritierend wie anregend. Einen furiosen Farbtupfer schließlich setzte das Sun Ra Arkestra, das an den hundertsten Geburtstag seines Gründers erinnerte. Von dem 90-jährigen Marshall Allen geleitet, funktionierte in der Band fast nichts, und trotzdem war es ein grandioser Mummenschanz.

Das Moers-Festivals schaffte mit dieser Mischung aus Rückblick und Perspektive einen erstaunlichen Reload. Mehr noch: Es zerstreute die Befürchtungen, dass mit dem neuen Saal der alte Geist des Experimentierens verloren gegangen sein könnte. Das Jahr 2014 klang damit mehr nach Aufbruch, als nach Abbruch.