Münchener Biennale Innovationen und Provokationen

Peter Ruzicka – Komponist, Dirigent und von 1996 bis 2014 künstlerischer Leiter der Münchener Biennale
Peter Ruzicka – Komponist, Dirigent und von 1996 bis 2014 künstlerischer Leiter der Münchener Biennale | Foto (Ausschnitt): Anne Kirchbach

Der Komponist Hans-Werner Henze gründete die Münchener Biennale 1988, um dem jungen, experimentierfreudigen Musiktheater ein Forum zu geben. Peter Ruzicka führte diese Idee von 1996 an bis 2014 als Leiter des Festivals fort und etablierte es als international wesentlichen Treffpunkt der zeitgenössischen Opernszene. Ein Rückblick auf eine inspirierende, inhaltsreiche Ära.

Auch wenn mancher Jahrgang ertragreicher war als der vorangegangene, oft Musik, Text und Inszenierung keineswegs eine Einheit bildeten, so sind doch von jeder Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater ein oder zwei Werke in Erinnerung geblieben, die auch – wenngleich manchmal mit Verspätung – wieder im Spielplan anderer Häuser auftauchten. Darunter die grandiose Holocaust-Oper Pnima von Chaya Czernowin (2000), die 2007 in Weimar und 2010 in Stuttgart neuinszeniert wurde, oder 2012 Wasservon Arnulf Herrmann.

Es sind gerade auch solche Produktionen, die Peter Ruzickas eigenes Resümee seiner Arbeit unterstreichen: „In dem Vierteljahrhundert, in dem die Biennale mit großer Kontinuität neues Musiktheater entstehen ließ und zur Diskussion stellte, schritt die Vernetzung der Welt in Höchstgeschwindigkeit voran. Kulturelle Traditionen trafen mit einem Tempo und einer Intensität aufeinander, die ihr Wachsen durch Jahrhunderte zu negieren schienen. Die aktuelle Moderne fordert ein Leben in zwei Geschwindigkeiten. Die Münchener Biennale hat den Prozess der Ungleichzeitigkeiten, der als ‚Globalisierung‘ nur unzureichend benannt ist, seit ihrer Gründung beobachtet, kritisch begleitet und künstlerisch beantwortet.“

Experimente, Exotik, Ästhetik

Mit Peter Ruzickas erster Biennale im Mai 1996 wurde der ursprüngliche Zweijahres-Rhythmus unterbrochen und allmählich eine neue Ästhetik wirksam – weg von der sogenannten Literaturoper, die Henze wie in seinem eigenen Werk favorisierte, hin zum Experiment: Tan Duns Marco Polo und Helmut Oehrings Das D’Amato-System, Musiktheater von Michael Obst nach der Science-Fiction-Verfilmung Solaris von Andrej Tarkowskij und Hanna Kulentys The Mother of Black-Winged Dreams markierten den Umbruch. Das Festival des Jahres 1997 ging als die „Märchen-Biennale“ in die Geschichte des Festivals ein, bei der die Produktion Helle Nächte des Münchener Komponisten Moritz Eggert Aufsehen erregte. 1998 dominierten exotische Themen wie in Sandeep Bhagwatis Ramanujan über den gleichnamigen indischen Mathematiker oder Toshio Hosokawas Vision of Lear. Später sollten Qu Xiao-Song mit Versuchung (2004) oder Lin Wang mit Die Quelle (2010) diese Linie locker und originell fortsetzen.

Im Jahr 2000 hatte Pnima – Ins Innere von Chaya Czernowin einen großen Erfolg. Im ersten Kapitel von David Grossmans Roman Stichwort Liebe, auf den sich Czernowin stützt, ist der alte Mann ein verwirrter, lange verschollen geglaubter Großvater, der dem Trauma des Holocausts nicht zu entrinnen vermag. Daher verletzt die Musik an ihrer scharfkantigen Oberfläche mehr, als dass sie erklärt, sie stört, knirscht, ist immer nahe am Geräusch, und gewinnt erst allmählich Kontur. Das wohl aufregendste Stück der Biennale 2006 war Gramma von José Maria Sanchéz-Verdú, ein im Untertitel Gärten der Schrift genanntes faszinierend sinnliches Exerzitium in der optisch karg wirkenden Muffathalle. Jeder Zuhörer hatte zum Mitlesen auf dem Lesepult vor seinem Platz wie ein Mönch im Chorraum einer Basilika ein quadratisches, fadengeheftetes und in weißes Leinen gebundenes Buch voller zarter Zeichnungen, Noten und handgeschriebener Texte vor sich. Dazu hörte er die Musiker und Sänger über, neben und hinter sich mit einer unglaublich zarten, filigranen, feinen, strengen und doch ganz fasslichen Musik.

Die vielleicht beste Uraufführung des Jahrgangs 2008 war Piero – Ende der Nacht, ein an Luigi Nono erinnerndes „Hörstück für ein Theater der wandernden Gedanken und Klänge“, wie Jens Joneleit und sein Textdichter Michael Herrschel ihre freie Adaption von Alfred Anderschs Roman Die Rote nennen. Piero – Ende der Nacht ist keine Literaturoper, aber doch sind Titel und vertonte Texte wörtlich dem Roman entnommen oder Verdichtung der Gedanken der rothaarigen Hauptfigur. Die Rote tritt bei Herrschel/Joneleit als Mezzosopran in drei eingeschobenen inneren, italienisch gesungenen Monologen auf, die ihre widerstrebenden Gefühle und Gedanken reflektieren, Teil eines fantastisch vielgestaltig und exzellent für Stimmen geschriebenen Solisten-Chors aus sechs Männern und sechs Frauen.

2010 schließlich hatte Philipp Maintz für Maldoror nach dem Roman Les Chants de Maldoror des 23-jährigen Isidore Ducasse, der sich selbst Comte de Lautréamont nannte, intensive Musik komponiert, die zart und kammermusikalisch verästelt beginnt, sich in manchen Bildern gewaltig steigert, in nervöse Blechbläserballungen hineinbohrt, um sich plötzlich wieder in einem tiefen Gongschlag zu beruhigen oder gar zu verstummen. Das ambitionierte dreiteilige Amazonas-Projek(mit Musik von Klaus Schedl, Tato Taborda und dem ZKM Karlsruhe), das die vielfältigen Probleme des Amazonas-Gebiets künstlerisch reflektieren wollte, scheiterte allerdings 2010 ebenso grandios wie es kühn gedacht war.

Ruzickas finale Biennale

Glorreiches Scheitern aber gehört zum Geschäft und Peter Ruzicka ließ sich nicht entmutigen, für die letzte von ihm verantwortete Biennale im Jahr 2014 ein so breites stilistisches und ästhetisches Spektrum anzubieten wie selten zuvor. Vom umstrittenen, von der Kritik verrissenen Biopic Vivier, einer Kammeroper nach dem Leben des 1983 in seinem Hotelzimmer von einem Stricher ermordeten Komponisten Claude Vivier, über die ebenso effektvolle wie zynische Polit-Oper Vastation (Wüstung) von Samy Moussa und Sommertag, die ebenso minimalistische wie spannungsgeladene Jon-Fosse-Vertonung von Nikolaus Brass, bis hin zu Dieter Schnebels Utopien, dem ebenso abgründigen wie hintersinnigen Melodram Die Befristeten nach Elias Canetti von Detlev Glanert und Hèctor Parras Das geopferte Leben mit Mitgliedern des Freiburger Barockorchesters und des Ensemble Recherche reichte die stilistische Vielfalt. So weist dieses Finale wie auch insgesamt die jahrelange Arbeit des scheidenden Leiters der Münchener Biennale, Peter Ruzicka, in Richtung Kreativität und Offenheit. Man darf gespannt sein, wie seine Nachfolger Daniel Ott und Manos Tsangaris ab 2016 diesen Weg fortsetzen.