Wacken Open Air Eine Legende wird 25

Das Metal-Paradies Wacken Open Air.
Das Metal-Paradies Wacken Open Air. | Foto (Ausschnitt): ICS Festival Service GmbH

Beim ersten Mal kamen 800 Besucher. Inzwischen ist das Wacken Open Air das größte Metal-Festival der Welt. Es hat aus der Nische ein Massen-Event werden lassen, das in vieler Hinsicht Maßstäbe setzt. Anmerkungen zum Jubiläum.

Es dauerte keine sieben Stunden, da war das Heavy-Metal-Festival in Wacken 2015 ausverkauft. Jedes Jahr Ende Juli folgen Hard-und-Heavy-Jünger aus aller Welt dem Brunftschrei eines brennenden Stierschädels ins Provinznest Wacken in Schleswig-Holstein. Auf dem idyllischen Weideland, wo sonst Kühe friedlich grasen, ziehen Spaßkrieger und zottelige Langhaar-Schüttler unter Bierregen in eine zuweilen heftige Schlammschlacht. 75.000 Gleichgesinnte machen das Wacken Open Air (W:O:A) damit zum weltweit größten Hardrock-, Rock-, und Metal-Festival. Und im Sommer 2014 konnten die Gründerväter Thomas Jensen und Holger Hübner den 25. Wacken-Geburtstag feiern.

Start in der Kiesgrube

Die Legende beginnt 1989, als Jensen und Hübner den örtlichen Motorradclub davon überzeugen können, in der Kiesgrube der 2.000-Seelen-Gemeinde Wacken ein kleines Festival aufzuziehen. Regionale Bands bestreiten das Programm, der Kartenvorverkauf wird von der Familie abgewickelt. Gerade einmal 800 Metal-Fans feiern im Sommer 1990 das erste W:O:A: und kaum jemand ahnte damals, dass daraus einmal das Woodstock der Metal-Szene werden würde. In den nächsten Jahren kommen immer mehr Anhänger auf dem holsteinischen Acker zusammen. Die anfangs sehr misstrauischen Wackener entdecken, dass die Metaller zwar martialisch aussehen, aber ansonsten weder Krawalle noch Drogen-Exzesse auslösen. Doch mit den wachsenden Dimensionen werden auch Logistik und Sicherheitsauflagen immer komplexer. Wie bei vielen frei organisierten Veranstaltungen schrammt auch das W:O:A: ein ums andere Mal an der Pleite vorbei. Die Mühen des Anfangs sind heute wie der Auftritt der örtlichen Feuerwehrkapelle zum Wacken-Auftakt ein Teil des Metal-Mythos.

Protagonisten und Faszination

Wenn heute Deep Purple ihr altbekanntes Gitarrenriff zu Smoke On The Water anstimmen, der ewige Schock-Rocker Alice Cooper verkündet, dass er sich in Wacken absolut zu Hause fühlt und die international gefragten Lärm-Experten von Motörhead und Megadeth wie selbstverständlich auf der Wacken-Agenda stehen, scheinen die turbulenten Anfangsjahre weit entfernt. 2014 haben auch die Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen ausführlich dem Metal-Kult gehuldigt. Und Deutschrapper Jan Delay widmet dem Festival eine Hymne und gondelt in seinem respektvoll-ironischen Video und im weißen Designer-Anzug durch die schwarze Kutten-Meute.
 
Wacken Open Air (Trailer)

Bereits 2006 gab es mit der Film-Dokumentation Full Metal Village der koreanischen Filmemacherin Cho Sung-Hyung einen faszinierenden Blick von außen und der Kinofilm Wacken 3D (2014) von Norbert Heitker setzt dem Festival zum 25-jährigen Bestehen ein bildstarkes Denkmal. Die Bilder zeigen, dass es für die Dorfbewohner kein Entkommen gibt, wenn die Invasion der finsteren, aber gut gelaunten Fanhorde hereinbricht. Mit holsteinischer Gelassenheit nehmen die Bewohner das lärmende Geschehen hin oder werden gleich mit einbezogen. Wie etwa Bauer Uwe Trede, auf dessen Acker die Hauptbühne steht. Oder die Wacken Firefighters, die Kapelle der freiwilligen Feuerwehr, die für den eigenwilligen musikalischen Zapfenstreich sorgt. Manche sagen „Kultstatus“ dazu. Angst vor der finsteren Meute, die wie weiland Goethes Mephisto „stets das Böse will und stets das Gute schafft“ hat längst keiner mehr. Ein weitgehend friedliches Mega-Miteinander vollkommen ohne Ausschreitungen.

Ziel für Sponsoren

Das Ganze erinnert an eine wildgewordene Hobbit-Horde im Sauron-Kostüm. Headbanging und Wikingerkämpfe sind ritualisiert. Der Festival-Biergarten, den es längst auch auf anderen Open-Air-Events gibt, ist einst in Wacken „erfunden“ worden. Gründer Thomas Jensen spricht gerne von der fünften Jahreszeit für Metaller und verweist auf die Event-Standards, die hier gesetzt worden sind. Etwa der Festivalzug Metal Train, der von Zürich quer durch Deutschland in die holsteinische Provinz fährt. Beim Soccer-Cup kicken internationale Besucher-Teams um einen (Sponsoren-) Pokal. Und auf der Metal-Marktmeile finden Textil- und Accessoire-Hersteller ihre Zielgruppe.

Der musikalische Fokus des W:O:A: liegt naturgemäß auf Hardrock, Metal und dessen Sub-Spielarten. Doch längst gibt es eine Spezialbühne für mittelalterliche (Metal-) Folklore; auch andere stilistische Absplitterungen sollen unter dem großen Wacken-Schirm bleiben. Die ursprüngliche Szene findet sich heute vor der „True Metal“-Bühne ein, während sich der Nachwuchs im Spielparadies im kindlichen Kopfschütteln und „Moshen“ übt. Aufwendige Werbe- oder Marketing-Kampagnen hat das W:O:A: dagegen nicht mehr nötig, denn große Sponsoren haben den Nischenmarkt Metal für sich entdeckt. Nach 25 Jahren ist man auch in Wacken im Mainstream angekommen: Die Festivals sind weit im Vorfeld immer schneller komplett ausverkauft.

Kommerz und Wohltat

Es bleiben die Vorwürfe vom Ausverkauf, mit dem sich Subkulturen seit ehedem herumschlagen müssen. Die Balance zwischen „Underground“ und „Sell Out“ ist über die Jahrzehnte nur schwer zu halten. Ein Metaller-Kochbuch von TV-Koch Tim Mälzer, eine eigene Biermarke oder Kreuzfahrten unter der Metal-Flagge sorgen für Naserümpfen bei den Puristen. Bislang vertragen sich die konservative Metal-Kultur und die kommerzielle Auswertung allerdings recht gut. Für Festivalmacher Jensen ist das Ganze kein Widerspruch. Er investiert die Einnahmen in die örtliche Infrastruktur und zahlt jungen Bands Gagen über dem Durchschnitt. Der Metal Battle Contest fördert schließlich Nachwuchsbands. Den Gewinnern winkt ein Wacken-Auftritt im Umfeld der Metal-Größen und damit vielleicht auch der eigene Karrieresprung.