50 Jahre Jazzfest Berlin Das erste halbe Jahrhundert

Als Finale des Jazzfests Berlin 2014 präsentierte der amerikanische Pianist Jason Moran eine ebenso ironische wie pfiffige Traditionsdeutung mit seiner <i>Fats Waller Dance Party</i>.
Als Finale des Jazzfests Berlin 2014 präsentierte der amerikanische Pianist Jason Moran eine ebenso ironische wie pfiffige Traditionsdeutung mit seiner Fats Waller Dance Party. | Foto: Ralf Dombrowski

Der Impressario George Wein nahm für sich in Anspruch, mit dem Newport-Jazz-Festival 1954 eine neue Veranstaltungsform ins Leben gerufen zu haben. Bereits ein Jahrzehnt später eröffnete Joachim-Ernst Berendt zum ersten Mal die Berliner Jazztage und schuf damit ein deutsches und zugleich sehr eigenständiges Pendant, das im November 2014 sein 50-jähriges Bestehen feierte.

Als das Berliner Jazzfest 1964, damals noch unter dem Label Berliner Jazztage, aus der Taufe gehoben wurde, war es ein Leuchtturm auf der europäischen Festivallandschaft. Seit drei Jahren war Berlin von einer Mauer durchschnitten, die den Hot Spot des Kalten Krieges markierte. Jazz war in jenen Zeiten vor allem eine amerikanische Angelegenheit. Originale Platten zu bekommen, war schwierig, von der alten Welt aus Neuentdeckungen zu machen, nahezu unmöglich. Joachim Ernst Berendt, dem ersten und langjährigen künstlerischen Leiter der Jazztage, kam die Funktion eines kulturellen Heilsbringers zu. Wer wissen wollte, was sich in der Welt des Jazz tat, blickte unweigerlich nach Berlin.

Für viele amerikanische Musiker waren die Jazztage und später das Jazzfest das Tor nach Europa, einige legten hier sogar den Grundstein für ihre spätere Laufbahn. John Scofield begann seine Karriere als Bandleader in Berlin, die einstigen New Yorker Szene-Insider The Lounge Lizards fanden auf dem Jazzfest erstmals internationale Anerkennung. Spätestens Ende der Sechzigerjahre hatte sich in Europa eine Club- und Labellandschaft herausgebildet, die für amerikanische Musiker zumindest für dreieinhalb Jahrzehnte wesentlich stabiler und einträglicher war, als die in den USA. Und das Jazzfest Berlin etablierte sich als eine der großen europäischen Jazz-Drehscheiben.

Nogliks Note

Fünfzig Jahre nach Gründung hielt Bert Noglik das künstlerische Heft in der Hand. Zwischen Berendt und ihm hatten George Gruntz, Albert Mangelsdorff, John Corbett, Peter Schulze und Nils Landgren dem Spektakel ganz unterschiedliche Stempel aufgedrückt. Natürlich konnte es Noglik in seinem letzten Jahrgang nicht gelingen, die gesamte Geschichte des Festivals einzufangen. Die Jazzlandschaft hat sich seit 1964 schließlich extrem verändert. Europa ist mehr in den Fokus gerückt, nahezu jede mittlere Stadt hat ein oder mehrere eigene Jazz-Festivals, das Internet liefert uns jede gewünschte Information ins Haus, und die amerikanische Szene hat sich nach dem 11. September 2001 weitgehend vom Jazzmarkt in der alten Welt abgekoppelt. Jazz-Festivals haben heute allgemein eine ganz andere Funktion als vor der Jahrtausendwende. Aller didaktischen Aufträge, die einst für die Popularisierung dieser Musik unverzichtbar waren, sind sie enthoben. Somit kann auch das Jazzfest nicht mehr der Leuchtturm sein, der es einst war. Und zu guter letzt waren nicht alle künstlerischen Leiter solche Visionäre wie Berendt und Gruntz.

Noglik stellte den Fokus der Jubiläumsausgabe auf drei Ereignisse, die für das Jazzfest von maßgeblicher Bedeutung waren. Zwei liegen im Gründungsjahr, eins ist genau 25 Jahre alt. Für die ersten Berliner Jazztage 1964 hatte kein geringerer als Martin Luther King ein Grußwort gesandt. Mit der mit Texten und Stimmungen agierender Eröffnung des New Yorker Gitarristen Elliott Sharp im Jahr 2014 leistete Noglik dieser prominenten Geburtshilfe Tribut. Auf demselben Festival damals hatte auch der Klarinettist Eric Dolphy einen umjubelten Auftritt absolviert. Niemand ahnte damals, dass dieser große Überwinder des Third Stream nach dem Konzert zusammenbrechen und an den Folgen einer nicht diagnostizierten Diabetes sterben würde. Die Konzerte von Alexander von Schlippenbach/Aki Takase und Silke Eberhardt waren Dolphys Vermächtnis gewidmet.

Nicht zuletzt fand wenige Tage nach dem Jazzfest 1989 die absurde Teilung Berlins ein Ende. Der Leipziger Noglik, der schon lange vor der deutschen Wiedervereinigung zu den weltweit anerkannten Fürsprechern der freien Improvisation zählte, griff den 25. Jahrestag des Mauerfalls auf, um mit einem weiteren Schwerpunkt an dieses Fanal zu erinnern. Ulrich Gumpert führte eine Oper auf, mit der er Ende der Achtzigerjahre die Lähmung in der DDR thematisierte. Der amerikanische Sänger Kurt Elling wiederum zelebrierte im Verein mit der WDR-Big Band eine bizarre Mischung von Freiheitsliedern und dokumentierte, dass manche Konzeptidee auch nicht funktionieren kann.

An den Rändern der Jazztradition

Innerhalb des Koordinatensystems von Eventkultur und progressiver Erinnerungsteilhabe hat Bert Noglik für sein drittes Jazzfest allerdings ein mutiges Programm gezimmert. Vielleicht ging nicht alles so auf, wie es sich im Vorfeld auf dem Papier las, aber das gehört zu so einem Festival dazu. Denys Baptiste, Soweto Kinch, das in diesem Rahmen erstaunlich bodenständig agierende Trip-Jazz-Quartett Get The Blessing sowie das am Doom Metal geschulte Power-Trio Free Nelson Mandoom Jazz führten dem Publikum vor Augen, dass sich auf den britischen Inseln derzeit eine der vitalsten und innovativsten Jazz-Szenen Europas austobt. Aus Leipzig brachte Noglik die junge Drummerin Eva Klesse mit, deren unbändige Energie sich trotz ihrer spürbaren Verwunderung über den ehrwürdigen Rahmen des Traditionsfestivals über die Band hinaus aufs Publikum übertrug.

Mit gleich zwei Projekten ging der New Yorker Pianist Jason Moran an den Start. Sein Trio The Bandwagon brachte einmal mehr traditionsgeladenen Piano-Jazz zu Gehör, dessen hoher Abstraktionsgrad zu keinem Zeitpunkt seiner Zugänglichkeit im Weg stand. Von diesem Erlebnis ausgehend, schlug er einen kühnen Bogen zur Fats Waller Dance Party, mit der er nicht nur dem frühen Swing huldigte, sondern sich vor allem auf dessen Spurensuche im Harlem von heute machte. Den furiosen Schlusspunkt setzten die derzeitigen New Yorker Szene-Lieblinge Mostly Other People Do The Killing, die sich, zum Septett aufgestockt, mit aberwitzigem Tempo ebenfalls durch die Zwanzigerjahre katapultierten. Vor allem Banjo-Spieler Brandon Seabrook versetzte das Publikum mit seiner kompletten Neudefinition seines Instruments in schiere Verblüffung.

Der 50. Jahrgang der Berliner Jazzfests wurde damit zur Fundgrube von Neu- und Wiederentdeckungen ganz unterschiedlicher Couleur. Bert Nogliks letzter Jahrgang war zugleich sein mit Abstand gelungenstes, weil risikofreudigstes Jazzfest. Die Latte für seinen selbst in Fachkreisen weitgehend unbekannten Nachfolger Richard Williams – ein Sportreporter des Guardian, der Bücher über Miles Davis, Bob Dylan und Phil Spector geschrieben hat – ist hoch gelegt.