30 Jahre Die Goldenen Zitronen „Immer diese Widersprüche“

Aus Spaß wurde Ernst: Die Goldenen Zitronen gehören heute zu den vielseitigsten Popbands Deutschlands.
Aus Spaß wurde Ernst: Die Goldenen Zitronen gehören heute zu den vielseitigsten Popbands Deutschlands. | Foto (Ausschnitt): Soulsville / Frank Egel

Die Goldenen Zitronen sind einmalig. Niemandem in Deutschland gelingt es so überzeugend, politische Inhalte, musikalische Avantgarde und gute Unterhaltung miteinander zu versöhnen wie den ehemaligen Funpunkern aus Hamburg. Und das seit nun schon 30 Jahren.

30 Jahre später gibt es nichts zu bereuen. Okay, fast nichts: „Der Name“, meint Ted Gaier, „ist ein bisschen bescheuert“. „Die Goldenen Zitronen“, sagt ihr eigener Bassist, „das passt nicht wirklich für die Band, die wir heute sind“. Ansonsten aber stimmt alles: Drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung in Hamburg kann man Die Goldenen Zitronen mit Fug und Recht als solitäre Erscheinung in der deutschen Musiklandschaft bezeichnen. Niemand sonst in Deutschland spielt solch eine gesellschaftlich relevante, politisch wache und musikalisch widerständige Popmusik.

Gefeiert wird trotzdem nicht. Irgendwelche Jubiläumsjubeleien hat die Band sich erspart. Sie macht einfach das, was sie immer schon gemacht hat: Songs schreiben, auftreten, irritieren. Auch das passt: Den runden Geburtstag groß zu begehen, ihn womöglich gar als Werbemaßnahme einzusetzen, das würde der Geschichte, Strategie und Identität der Goldenen Zitronen widersprechen. Schließlich sind sie die Band, die sich so konsequent wie keine andere in Deutschland den üblichen Vermarktungsmechanismen verweigert hat.

Widerstand als Prinzip

Das begann schon kurz nach der Gründung 1984. Aus dem Umfeld der besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße kommend, waren sie einerseits Teil des Kampfes der linken, autonomen Szene, waren Punk, aber grenzten sich gleichzeitig ab mit absurd bunten Bühnenkostümen und klamaukigen Texten. „Wir wollten Luft schaffen in einer Szene, die sich sehr dogmatisch anfühlte“, erinnert sich Schorsch Kamerun, Sänger und neben Gaier das einzige verbliebene Gründungsmitglied, an die Frühzeiten der Band.

Das Luftschaffen verlief so erfolgreich, dass Die Goldenen Zitronen plötzlich Hits hatten. Der Funpunk, dem man sie damals zuordnete, wurde in Jugendzeitschriften wie Bravo gefeiert, Protest verkam zur Mode. Die Zitronen gingen zwar mit den Toten Hosen auf Tour, aber lehnten alle Angebote großer Unterhaltungskonzerne ab. Während sich die Weggefährten kontinuierlich zu einer der erfolgreichsten deutschen Rockbands der Gegenwart entwickelten, vollzogen die Zitronen eine radikale Kehrtwende: Weg vom Funpunk, hin zum politischen Avantgarde-Pop.

Punk und Politik

Prägend für diese Entwicklung waren die ausländerfeindlichen Ausschreitungen und Anschläge nach der deutschen Wiedervereinigung. Die Goldenen Zitronen verarbeiteten sie in musikalisch hochkomplexen, zerrissenen, gehetzten, kantigen Songs, die die gesellschaftlichen Missstände zu benennen versuchten. „Wir mussten auf diese Vorkommnisse reagieren – und zwar differenzierter als mit plumpen Nazis-raus-Rufen“, erklärt Kamerun. „Das ist unsere Strategie“, ergänzt Gaier, „wir haben immer versucht, das zu integrieren, was uns gerade interessiert – ob das musikalische oder politische Ideen sind“.

Deshalb wirkt die Geschichte der Goldenen Zitronen von außen betrachtet wie eine erratische Abfolge radikaler Stilwechsel. Von innen, sagt Gaier, der neben der Band als Produzent, Schauspieler und Autor arbeitet, „ist das eine sehr logische Entwicklung“. In 30 Jahren, über elf Alben und unzähligen Konzerten wurde aus einer bisweilen albernen Funpunk-Truppe ein Kollektiv, das mit Techniken aus Cut-Up-Kunst und Dada an den Grenzen zwischen Agitprop und Polit-Aktivismus agiert. Wie sich die Welt und Die Goldenen Zitronen mit ihr verändert haben, beschreibt ein Zitat aus dem Song Scheinwerfer und Lautsprecher vom vorerst letzten Album, dem 2013 erschienenen Who’s Bad: „Es hieß: Privates muss politisch sein. Jede ist für alle heute Öffentliches, jeder für jeden Familiäres.“
 

Ausweitung des Spektrums

Die Goldenen Zitronen sind mittlerweile, das findet nicht nur Gaier, „ein solitärer Kosmos, eine ganz eigene Sprache, die wir entwickelt haben“. Die musikalischen Mittel, die in dieser Sprache eingesetzt werden, reichen vom Free Jazz über Schlager, elektronische Musik, Rap bis zur Musik von Bertold Brecht und Kurt Weill und zur Musik des Liedermachers Franz-Josef Degenhardt, der immer wieder als Seelenverwandter genannt wird. Doch all diese Einflüsse werden dann zusätzlich noch beständig gebrochen. „Genres misshandeln“, nennt Kamerun das. In der Folge werden Assoziationsketten geknüpft, und Meta-Ebenen überdecken die Meta-Ebene. 

So entstehen Songs, die sich beständig dagegen verwahren, im Radio gespielt zu werden. Songs, die die musikalische Entsprechung einer allumfassenden Verweigerungshaltung sind: So, wie Die Goldenen Zitronen immer dann, wenn sie das Gefühl hatten, sie könnten vereinnahmt werden, einen neuen Haken schlugen, schlagen auch ihre Songs Haken, wenn man meint, bekannte Strukturen oder Ideen erkannt zu haben. Das ist bisweilen nicht ganz leicht zu hören, aber oft bereichernd. „Nicht nur unsere Texte“, erklärt Kamerun, der mittlerweile auch sehr erfolgreich als Theaterregisseur arbeitet, „auch unsere musikalische Ästhetik soll angreifen und irritieren“.

Zukunft im Blick

„Immer diese Widersprüche“, heißt es in einem der bekanntesten Songs der Goldenen Zitronen. Es könnte ihr Motto sein. Der Widerspruch in seiner doppelten Bedeutung ist das Leitmotiv der Band. Auf der einen Seite – in der Tradition des Punk, aus dem sie kommen – Widerspruch gegen Autoritäten, gegen Machtstrukturen, gegen den Kapitalismus. Auf der anderen Seite – so komplex wie die Songs, die sie heute spielen – die Widersprüche, die jeder und eben auch eine Rockband immerzu aushalten muss, weil es ein richtiges Leben nur im falschen geben kann.

Daraus haben Schorsch Kamerun, Ted Gaier und ihre wechselnden Mitstreiter künstlerische Konsequenzen gezogen, die zu einer einzigartigen, nicht zu kopierenden Form von Popmusik geführt hat. Ganz nebenbei, aber vielleicht doch ihr größter Verdienst, haben Die Goldenen Zitronen in den vergangenen 30 Jahren aber auch nachgewiesen, dass Politpunk, auch wenn er sonst steinschwer daher kommen mag, doch tatsächlich hintergründig sein kann, ästhetisch anspruchsvoll und sogar höchst unterhaltsam.