Netzwerk Junge Ohren Die (fast) verborgene Schnittstelle

Die Sieger des Yeah! Awards 2015 auf einen Blick: Eersteklasconcerten und geo-sounds beim 3. YEAH! Young EARopean Festival in Osnabrück.
Die Sieger des Yeah! Awards 2015 auf einen Blick: Eersteklasconcerten und geo-sounds beim 3. YEAH! Young EARopean Festival in Osnabrück. | Foto: Netzwerk Junge Ohren / Oliver Röckle

„Junge Ohren“ ist ein Netzwerk, das Akteure aus Musik, Bildung, Kulturpolitik und -wirtschaft zusammenbringt. Der gleichnamige Preis zeichnet herausragende Produktionen in verschiedenen Kategorien aus.

Netzwerke sind nicht wirklich greifbar, aber sie existieren, und wer sie nutzt, merkt schnell, wie hilfreich sie sein können. „Wir möchten gern Erfahrungen teilen, Menschen zusammenbringen und dadurch Verbesserungen herbeiführen“, sagt Lydia Grün, Geschäftsführerin beim „Netzwerk Junge Ohren“. „Junge Ohren“ versteht sich als Anlaufpunkt für Orchester, Bühnen, Konzert- und Opernhäuser, Veranstalter, Musikvermittler, für Verlage, Hochschulen und Künstler, die hier eine Plattform des Austauschs für die Weiterentwicklung des Musiklebens finden, mit dem Schwerpunkt Klassik und darüber hinaus auch genreübergreifend.

Das Netzwerk katalysiert, bündelt und optimiert den Kommunikationsfluss zwischen den einzelnen Mitgliedern. Gemeinsam entwickeln sie Ideen, mit denen sich etwa das Publikum besser einbinden lässt, oder Musik möglichst anschaulich, lebensnah und emotional packend präsentiert werden kann. Nun ist „Musikleben“ ein ohnehin unscharfer Sammelbegriff, der vieles zusammenfasst. Da ist einerseits die künstlerisch-ästhetische Komponente, andererseits ein möglichst umfassender Bildungsanspruch, dazu kommen Rahmenbedingungen wie Kulturpolitik, Finanzierung, Projektmanagement.

Innovationen und Ideen

Wie aber funktioniert die koordinierende Tätigkeit des Netzwerks konkret? Auf regionaler Ebene finden beispielsweise zweimal jährlich Treffen statt. In ihnen, erklärt Lydia Grün, werden zentrale Fragen des musikalischen Alltags erörtert, zum Beispiel: „Wie gestalte ich ein spannendes Jugendkonzert, wie geschieht Musikvermittlung nach innen, auch innerhalb eines Orchesters, oder nach außen? Welche Potenziale und Nachteile rund um die Musik lauern in den sozialen Medien?“.

Die Musikliebhaber allerdings bekommen von der täglichen Arbeit des Netzwerks nur wenig mit. Ihnen werden in der Regel erst die Ergebnisse der Treffen und Planungen präsentiert. Etwa, wenn zwei Häuser in Kooperation eine neue Konzertreihe wagen oder gemeinsam die Werke eines jungen Komponisten präsentieren. So werden Formate wie die Kinderkonzerte Fidolino geboren, die es sonst kaum gäbe. Das alles funktioniert nur deshalb, weil das Netzwerk gegenüber etablierten Verbänden unabhängig agieren kann, die Strukturen sind flexibler.

Das Netzwerk entstand, nachdem es bereits den Preis „Junge Ohren“ gab. Der wurde 2005 durch Impulse von „Jeunesses musicales“ und der Deutschen Orchestervereinigung ins Leben gerufen, um Kinder- und Jugendkonzerte stärker in den Fokus zu rücken. „Der Preis zeichnet Produktionen aus, die neue Wege gehen, das Risiko suchen und Musik klug und anschaulich vermitteln, etwa indem das Publikum einbezogen wird. Oder es sind Projekte, die Musik im Alltag von Jugendlichen sinnvoll und dauerhaft positiv beeinflussen möchten“, erklärt Lydia Grün.
Junge Ohren Preis 2015, Quelle: Junge Ohren / Youtube

Zwar wuchs die Zahl der Bewerber für diesen Preis schnell, doch fehlte eine Struktur im Hintergrund. Erst 2007 wurde dann das Netzwerk gegründet, das inzwischen mit vier Festangestellten in Berlin beheimatet ist und rund 230 Beteiligte aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz koordiniert. Nahezu der gesamte Etat wird durch Projektgelder von Stiftungen, Bund und Sponsoren finanziert. Planungen auf lange Sicht sind allerdings kaum möglich. Ähnlich wie bei freien Orchestern sind auch beim Netzwerk ständig Beweglichkeit, Innovation und zündende Ideen gefragt.

Internationale Ausrichtung

„Modellprojekte“ und „Wissenstransfer“ sind Begriffe, die Lydia Grün gern ins Feld führt. Für den Außenstehenden wirken sie abstrakt, doch hinter den Kulissen werden sie sorgsam mit Inhalten gefüllt und auf Praxistauglichkeit geprüft. Der Fokus liegt nicht mehr nur auf Formaten für Kinder und Jugendliche, sondern erstreckt sich auf alle Altersgruppen: „Das Nachdenken über Publikum darf sich nicht nur auf eine Zielgruppe richten, wir müssen versuchen, alle, ob alt oder jung, ob in der Stadt oder auf dem Land, für Musik zu begeistern.“

Daher haben die Verantwortlichen beim Netzwerk „Junge Ohren“ inzwischen über die Landesgrenzen hinaus geblickt und mit „YEAH!“ (Young EARopean Award) einen weiteren Preis ins Leben gerufen, gekoppelt an ein internationales Festival, das zuletzt im Sommer 2015 in Osnabrück stattfand. Mehr als hundert Projekte aus rund 20 europäischen Ländern hatten sich für die dritte Ausgabe des „YEAH!“ beworben. Mehrere Tage lang dienten Aufführungen, Workshops und Konferenzen als Börse für Begegnungen und Ideenaustausch. Lydia Grün bekräftigt, dass sich dadurch „Tendenzen leichter erkennen und filtern lassen: Was ist in Skandinavien angesagt, welche Impulse aus der Türkei könnten interessant sein?“

Das Netzwerk „Junge Ohren“ ist damit auch ein Spiegel aktueller gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen. Seine Merkmale sind strukturelle Unabhängigkeit von großen Institutionen, kommunikativer Austausch, der nach Koordination und Optimierung verlangt, Flexibilität statt Festlegung, internationale Ausrichtung, Finanzierung in erster Linie durch Eigeninitiative. Inhaltlich greift das Netzwerk nicht nur Tendenzen der Musikvermittlung auf, sondern fungiert mittlerweile selbst als Impulsgeber, indem es Entwicklungen des Musiklebens hinterfragt, entwickelt, prüft, auf den Weg bringt. Eine spannende Schnittstelle, die für viele unsichtbar bleibt.