Hörspiel und Radiokunst Der Karl-Sczuka-Preis wird 60

Der Hörspiel-Pionier und Namensgeber des Hörspielpreises Karl Sczuka.
Der Hörspiel-Pionier und Namensgeber des Hörspielpreises Karl Sczuka. | Foto (Ausschnitt): SWR / Vollrath

Die wichtigste Auszeichnung für Hörspiel als Radiokunst in Deutschland, der Karl-Sczuka-Preis, wurde im Herbst 2015 zum 60. Mal verliehen. Zeit für einen Rückblick auf die Radiokunst.

Hörspiel und Radiokunst haben eine lange Tradition. So gilt beispielsweise der 23.Oktober 1923 als Geburtsstunde des deutschen Hörfunks, der diese neuen Formen des akustischen Erlebens erst möglich machte. Damals sendete die Schallplattengesellschaft Vox ihre erste „Berliner Radiostunde“. Das erste deutsche Hörspiel Zauberei auf dem Sender von Hans Flesch konnte man bereits kaum ein Jahr später am 24. Oktober 1924 in Frankfurt am Main bei Welle 467 hören. Von da an ging es zügig voran, denn die radiofone Unterhaltung war in fernsehlosen Zeiten beliebt. Zwischen 1945 und 1960 kam es gar zu einem regelrechten Boom des Mediums. Bis zu 500 Hörspiele wurden jährlich gesendet. Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, Radio aber war en vogue und im Unterschied zu den bewegten Bildern überall konsumierbar, schließlich mussten zahlreiche Kinos und Theater nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder aufgebaut werden.

Das Spektrum der gestalterischen Möglichkeiten reichte von reinen Worthörspielen bis hin zu komplexen Geräuschmontagen, die die Geschichten rahmten. Und mit der Zeit entwickelte sich auch die experimentelle Form der Radiokunst, die beispielsweise mit Ludwig Harigs Staatsbegräbnis 1969 ihren ersten strukturellen Höhepunkt erlebte. Denn dieses „Hörspiel“ bestand ausschließlich aus Originaltonmaterial, das heißt aus geschnittenen Reden und Geräuschen von Konrad Adenauers Trauerfeierlichkeiten, die zwei Jahre zuvor stattgefunden hatten.

Ein boomendes Medium brauchte auch eigene Auszeichnungen. Bereits 1950 wurde der bis heute bestehende, undotierte Hörspielpreis der Kriegsblinden initiiert und 1952 erstmals an Darfst du die Stunde rufen? von Erwin Wickert vergeben. Dabei allein sollte es nicht bleiben. Im Jahr 1955 rief der damalige Intendant des Südwestfunks SWR Friedrich Bischoff, dem Vorgängersender des heutigen Südwestrundfunks (SWR), den Karl-Sczuka-Preis ins Leben. Über sechs Jahrzehnte hinweg entwickelte sich diese Ehrung zu einer zentralen Instanz der radiofonen Wertschätzung und legte den Schwerpunkt – auch in Absetzung vom eher dramatisch-erzählerisch ausgerichteten Hörspielpreis der Kriegsblinden – auf das akustisch gestalterische Moment der sogenannten Radiokunst.

Der Namensgeber Karl Sczuka

Karl Sczuka, 1900 im oberschlesischen Schillersdorf geboren, entschied sich nach dem Hören von Werken Paul Hindemiths und Ferrucio Busonis zum musikwissenschaftlichen Studium und zur Komposition. Nachdem im Mai 1924 in Breslau die „Schlesische Funkstunde“ ihren Betrieb aufgenommen hatte, interessierte sich Sczuka für das neue Medium und bekam 1929 seinen ersten Kompositionsauftrag für den Sender, die Suite Musikalisches Bilderbuch einer Stadt. Als Hauskomponist und Musiksachbearbeiter komponierte er ab 1946 die Musik für über 150 Hörspiele, darunter für Autoren wie Marie Luise Kaschnitz, Günter Eich, André Gide, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Walter Jens.

Bereits kurz nach dem Tode Sczukas im Jahr 1954 entschied der SWF, einen Preis zur Erinnerung an seinen Hauskomponisten zu stiften: „Er soll jedes Jahr vergeben werden für die beste Komposition auf dem Gebiete der Hörspielmusik.“ Das ausgesetzte Preisgeld betrug zunächst 1.000 Deutsche Mark, ist aber inzwischen bei 12.500 Euro angelangt, der seit 1991 vergebene Förderpreis ist mit 5.000 Euro dotiert. Erster Preisträger 1955 war Siegfried Franz für die Musik zu dem Hörspiel Der Tiger Jussuf des Dichters Günter Eich. 1955 wurde ebenfalls Sczukas Nachfolger Peter Zwetko für die Musik zu der Hörspielbearbeitung des Stückes Der trojanische Krieg findet nicht statt von Jean Giraudox ausgezeichnet.

Schwerpunkt Musik und Radiokunst

Anfangs biennal, verlieh der SWF (heute SWR) den Preis seit 1970 bis auf drei Ausnahmen jährlich. Es gab etliche Neuerungen wie Arbeitsstipendien, seit 1991 Förderpreise sowie zwei Satzungsänderungen, denn der Preis musste mit seinem anspruchsvollen Gegenstand schließlich Schritt halten. Heute wird der Preis nicht länger für die Musik des Hörspiels verliehen, sondern für das „Hörspiel als Radiokunst“. In der Satzung des Sczuka-Preises ist das Kriterium sowohl offen wie auch spezifisch formuliert. Gesucht wird die „beste Produktion eines Hörwerks, das in akustischen Spielformen musikalische Materialien und Strukturen benutzt.“

Will heißen Collagenhaftes, Inszeniertes, geschickt geformte akustische Neuordnungen der Wirklichkeit, stellenweise musikalisch oder geräuschhaft überhöht, wie es etwa Mauricio Kagel (Ein Aufnahmezustand, 1970; Nah und Fern – Radiostück für Glocken und Trompeten im Hintergrund, 1995), Heiner Goebbels (Schliemanns Radio – Hörstück in 12 Protokollen, 1992), Hartmut Geerken (Hexenring, 1994) oder Thomas Meinecke (übersetzungen/translations, 2008 mit David Moufang) repräsentieren.

Die Öffnung nach außen

Konnten in der ersten Dekade nur SWF-interne Produktionen eingereicht werden, so war es von 1966 an möglich, ARD-weit Beiträge einzureichen. Seit 1972 ist der Karl-Sczuka-Preis öffentlich ausgeschrieben und wird im Rahmen der Donaueschinger Musiktage verliehen. Als internationale Auszeichnung für das „Hörspiel als Radiokunst“ besitzt er eine Alleinstellung, die neben dem textlichen Element deutlich mehr Möglichkeiten musikalischer, geräuschhafter, assoziativer Gestaltung ermöglichen – daher auch die sinnvolle Angliederung der Preisverleihung an ein Experimentalfestival wie die Donaueschingen Musiktage.

Auffallend ist, dass noch bis Mitte der 1980er-Jahre der Westdeutsche Rundfunk, der SWF/SDR, der Hessische Rundfunk und der Norddeutsche Rundfunk die meisten Preiswerke produziert und gesendet haben. Trotz öffentlicher und internationaler Ausschreibung wurden nur wenige Autorenproduktionen ausgezeichnet. Dies hat sich geändert: Die Verbreiterung des Produzenten-Spektrums, etwa die Zunahme von Komponisten als Autoren und Realisatoren von Hörspielen, ist sicher nicht zuletzt dem Karl-Sczuka-Förderpreis geschuldet. So wurde im Oktober 2015 zum Jubiläum ein erfahrener Autor wie Gerhard Rühm, Literat, Komponist, Pianist, Aktionist, Sprecher, Zeichner und Mitglied der legendären „Wiener Gruppe“ mit dem Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst (Hugo Wolf und die drei Grazien, letzter Akt) bedacht. Die Förderpreise wiederum warfen einen Blick auf die Arbeiten junger Künstler (Entstehung Dunkel von Dagmar Kraus und Marc Matter). Eine derartige Fächerung unterstreicht letztendlich, dass sich Radiokunst in ihrer ganzen Bandbreite vom Musikfeature über das Hörspiel bis hin zu akustischer Medienkunst ungebrochener Beliebtheit bei Autoren und Komponisten erfreut.