Düsseldorfer Avantgarde Wie eine Stadt die Elektronik entdeckte

Kraftwerk am Gleis 17 des Düsseldorfer Bahnhofs, auf dem Sprung zum Weltruhm.
Kraftwerk am Gleis 17 des Düsseldorfer Bahnhofs, auf dem Sprung zum Weltruhm. | Foto: Günther Fröhling

Düsseldorf war einige Jahre lang ein zentraler Treffpunkt elektronischer Klanglaboranten. Mit Electri_City hat der Musiker und Szene-Kenner Rüdiger Esch Stimmen von damals bis heute gesammelt und zu einem Panoptikum der Aufbruchsjahre kombiniert.

Es ist ein später, geradezu erhabener Triumph. Vor der Generalsanierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin spielten Kraftwerk Anfang 2015 ihren Konzertzyklus. An acht ausverkaufen Abenden stellten sie jeweils ein Album von Autobahn bis Tour De France in den Mittelpunkt einer aufwendigen 3-D-Installation. Die Väter der deutschen Elektronik spielten in einem frühen Bau der modernen Architektur von Mies van der Rohe. „Wenn dies ein visionärer, utopischer Gedanke von Gebäude ist, dann steht Kraftwerk für einen visionären, utopischen Gedanken von Musik“, beschreibt Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann das Zusammenspiel der Darstellungsformen. Roboter im transparenten Glaspalast. Computerliebe unter dem gerasterten Stahldach.

Die Düsseldorfer Ursuppe

Kraftwerk kehrten damit zu ihren Ursprüngen zurück. Bereits vor ihrer offiziellen Gründung bewegten sie sich im Spannungsfeld der Düsseldorfer Kunstakademie, die damals im Avantgarde-Club Creamcheese auf Glamrocker und Modemacher traf. Joseph Beuys kettete sich hier im Dezember 1968 mit seinem Assistenten über Stunden an einen Biertisch, umgeben von psychedelischer Musik und Experimentalfilmen. Kaum ein Abend verging ohne Performance. Eine Ursuppe aus Altbierdunst und Konzeptideen, die ab 1970 auch eine einzigartige Soundschule hervorbrachte. Bands wie Kluster (später Cluster) oder Neu! suchten eigene musikalische Wege und wollten weg von den anglo-amerikanischen Vorbildern. „Es waren die Tage des Krautrock, der kosmischen Musik, des Progrock und der Elektropioniere“, heißt es im Intro des Buches Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf. Der Autor und Musiker Rüdiger Esch führte dafür Dutzende Interviews mit den Protagonisten und montierte aus den O-Tönen eine vielstimmige Chronik.

Diese Düsseldorfer Musikergeneration wollte „progressiv“ sein. Ohne Ideologie oder Denkverbote. Man blickte auf Werbung und Industriedesign, orientierte sich an der gerade aufkommenden Synthesizer-Technik. „Das war so eine Übergangszeit: akustische Instrumente elektronisch zu verfremden. Die haben das dann so weiterentwickelt, dass sie die Instrumente irgendwann wegließen und reine Elektronik gemacht haben“, erinnert sich Eberhard Kranemann, ehemaliger Bassist von Kraftwerk an die Anfangstage der Band. Noch hatten diese Klangexperimente keine Songstrukturen und die großen Plattenfirmen reagierten zurückhaltend. So kreisen viele Erinnerungen in Electri_City um den 1987 gestorbenen Produzenten Conny Plank, der bei den ersten Platten von Kraftwerk, Neu! oder La Düsseldorf hinter dem Mischpult saß. Er gab der Düsseldorfer Elektronik das nötige Maß an Timing und Rhythmus, mit Kontakten zu den Majorlabels wirkte er als wichtiger Katalysator. Noch ein Jahrzehnt später vertrauten die Düsseldorfer Elektro-Punks seinen „Maschinenpark-Sounds“.

Moderne Unterhaltungsmusik

„Wir wollten zeigen, dass es auch in Deutschland eine stilistisch eigenständige moderne Unterhaltungsmusik gab, die ihre Ursprünge in der eigenen Kultur hatte“, sagt ex-Kraftwerk-Schlagzeuger Wolfgang Flür. Mit dem ersten Platz von Autobahn 1974 in den US-Charts und der nachfolgenden Tour durch 23 Städte wurden sie zur einflussreichsten Band Düsseldorfs. Sie verbuchten kommerzielle Erfolge, auf die viele einstige Mitstreiter verzichten mussten. Wie etwa Klaus Dinger, der in der Frühphase bei Kraftwerk Schlagzeugspielte und sich sowohl mit seiner Band Neu! als auch später bei La Düsseldorf den Mechanismen der Pop-Industrie verweigerte. Britische Kollegen wie Martyn Ware von Heaven 17 oder David Miller vom Mute-Label (Depeche Mode) bestätigen die internationale Anerkennung für die Düsseldorfer Elektronik-Ästhetik „Für mich war die optische Präsentation von Kraftwerk so wichtig wie die Musik“, sagt Ware. Und Criss Cross von Ultravox! weist gar darauf hin, dass das Ausrufezeichen im Namen seiner Londoner Punkband eine direkte Anspielung auf Neu! gewesen sei.
Trailer „Electri_City“, Quelle: youtube.com

Zu einem Bruch kam es Ende der 1970er Jahre, als junge Bands wie DAF oder Die Krupps ihren eigenen Zugang zu den elektronischen Sounds suchten. Härter, radikaler, ohne die getragenen Synthieflächen ihrer Vorgänger. „Mich hat Kraftwerk nie interessiert“ gibt DAF-Sänger Gabi Delgado López zu Protokoll und wirft damit ein Schlaglicht auf die herrschende Anti-Haltung gegen die Überväter. Doch auch DAF gingen nach ihrer wilden Sturm-und-Drang-Phase im Londoner Exil zu Conny Plank ins Studio, der ihre Stakkato-Beats aus Kebapträume oder Der Mussolini sofort verstand. Schließlich hatte sich die Instrumententechnik rasant weiter entwickelt. Analoge Synthesizer wie der Korg MS 20 oder Mini-Sequenzer erlaubten nun jene verächtliche Haltung, mit der Ex-DAF-Mann Chrislo Haas im Buch zitiert wird: „Stöpsel das Ding mal eben in den Amp rein, und guck, was da raus kommt.“ Die Maschinen-Musik erzeugt harte Energie-Stöße. Als das Düsseldorfer Synthie-Pop-Projekt Propaganda 1986 auf dem britischen Label ZTT ihre düstere Hymne Dr Mabuse veröffentlicht, sind die Melodien wieder zurück. Und nicht von ungefähr lässt Rüdiger Esch sein Buch mit dem letzten regulären Kraftwerk-Album Electric Café enden. Die Altmeister nutzen erstmals die digitale Aufnahmetechnik. Schon bald wurden die Produktionsmittel so günstig, dass die dezentralisierte Ära der Schlafzimmer-Produzenten beginnen konnte. Für Kraftwerk blieb der Weg in die hohen Hallen der Kunst.
 

Rüdiger Esch:
Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf,
Suhrkamp Taschenbuch

CD: Electri_City
Elektronische_Musik_aus_Düsseldorf
Grönland Records