Musik im Museum
Wenn die Muse küsst

Die Ausstellung "ECM - eine kulturelle Archäologie" im Münchner Haus der Kunst
Die Ausstellung "ECM - eine kulturelle Archäologie" im Münchner Haus der Kunst | Foto (Ausschnitt): © Ralf Dombrowski

Ob in Ausstellungen oder mit Konzerten: Deutsche Museen holen sich immer öfter Musik ins Haus – und die Musik sucht immer mehr die Nähe zum Museum. Davon profitieren beide Seiten.

Es war das Konzertereignis des Jahres 2015 in Deutschland. Kraftwerk, Düsseldorfer Pioniere der elektronischen Musik, führten an acht aufeinanderfolgenden Abenden in Berlin ihr gesamtes Werk auf. Die Karten waren lange im Voraus ausverkauft, die Besucher wurden mit 3-D-Brillen ausgestattet, alle Medien berichteten ausführlich, obwohl Kraftwerk keinen einzigen neuen Ton spielte. Passend zum retrospektiven Charakter der Aufführung auch der Ort, an dem sie stattfand: der legendäre, einst von Mies van der Rohe errichtete Bau der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Zuvor hatten Kraftwerk ihr Oeuvre schon im New Yorker Museum of Modern Art präsentiert. Eine Ehre, die auch der isländischen Musikerin Björk zuteil geworden war.

Reif für den Kanon: Kraftwerk

Fans und Medienvertreter waren sich anschließend zwar uneins, ob es gute Konzerte waren, die sie in der Neuen Nationalgalerie erlebt haben. Sicher aber war: Mit den Auftritten in den ehrwürdigen Museen wurde Kraftwerk bescheinigt, ausreichend wertvoll für eine Aufnahme in den offiziellen Kunstkanon zu sein. Aber die Konzerte besaßen auch eine Symbolkraft, die über das Werk des einst aus der Düsseldorfer Kunstszene hervorgegangenen Bandprojekts hinauswies: Nun wurde so augenfällig wie nie, dass die Popmusik im Museum angekommen ist. Nur logisch finden das Ulrike Groos und Sven Beckstette, Direktorin und Kurator des Kunstmuseums Stuttgart, die sich immer wieder Musik ins Haus holen: „Dass Popmusik in Museen stattfindet, ist schon deshalb folgerichtig, weil sich auch dieses Segment selbst in einer Phase der Historisierung beziehungsweise Musealisierung befindet.“

Entschieden länger als die Popmusik ist natürlich ihre große Schwester – die klassische Musik – im Museum präsent. Lange schon gibt es Museen, in denen Instrumente gesammelt und ausgestellt werden. Aber auch an Orten, die keinen direkten Bezug zur Musik haben, finden Konzerte statt. Im Berliner Musikinstrumentenmuseum liegt Live-Musik nahe, schon weil es manchen der historischen Klangerzeugern gar nicht gut bekäme, würden sie nur hinter Vitrinenglas verstauben. Auch das Schwarzwälder Elztalmuseum lädt zum Schubertschen Liederzyklus, und das Neue Museum in Nürnberg veranstaltet gleich mehrere Reihen mit zeitgenössischer Musik, für die sich sonst abseits von Festivals kaum Bühnen finden. Selbst Häuser wie das Kasseler Museum für Sepulkralkultur oder das Museum für Lackkunst in Münster veranstalten Konzertreihen. 

Wer die Programme bundesdeutscher Museen studiert, wird feststellen: Von klassischer Musik über moderne Avantgarde bis zu allen Spielarten der Popmusik ist allerhand möglich. Eine Konkurrenz zu traditionellen Konzertveranstaltern entsteht allerdings nur in Ausnahmefällen, wie etwa im Rahmen des Auftritts von Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie. Viel eher aber bieten Museen Auftrittsmöglichkeiten, die es sonst gar nicht geben würde – vor allem in der Provinz, wo Bühnen für jede Form von Musik oft Mangelware sind, und für ökonomisch wenig attraktive Genres, wie etwa Avantgarde oder Neue Musik. Im Gegenzug locken die musikalischen Angebote womöglich ein neues Publikum ins Museum, wenn auch, so glauben Groos und Beckstette, nicht notgedrungen ein jüngeres: „Jede Generation hat ihr eigenes Pop-Verständnis. Deshalb bedeutet das Ausstellen von Popmusik auch nicht zwingend, dass damit automatisch ein jüngeres Publikum in Scharen ins Museum zieht.“ 

Die Popgeschichte wird aufgearbeitet

Musik wird im Museum aber nicht nur aufgeführt, sondern zusehends auch ausgestellt. So gibt es immer mehr Museen, die sich ausschließlich der Popmusik widmen – von der großen „Rock and Roll Hall of Fame“ in Cleveland über „The Beatles Story“ in Liverpool bis zum so kleinen wie liebevoll ausgestatteten Ramones-Museum in Berlin oder dem Rock‘n‘Popmuseum in Gronau, dessen prominentestes Ausstellungsstück das komplette Tonstudio der legendären Krautrock-Band Can ist. Doch auch normale Kunstmuseen arbeiten immer öfter die Musikgeschichte in Ausstellungen auf. Überregionale Beachtung fand in Deutschland Ende 2015 die von Groos und Beckstette in Stuttgart organisierte Ausstellung I Got Rhythm, in der die Wechselwirkungen zwischen Jazz und bildender Kunst erforscht wurden. Unlängst eröffnet wurde im Bremer Focke-Museum die mit dem Swing der Zwanzigerjahre beginnende historische Aufarbeitung Oh Yeah! Popmusik in Deutschland, die noch bis zum Sommer 2017 zu sehen ist.

I Got Rhythm im Kunstmuseum Stuttgart
 
Die immer enger werdende Nähe zwischen der musealen Welt und der Musik hat verschiedene Gründe. Zum einen ist die Popmusik nicht nur mittlerweile alt genug, um musealisiert zu werden – es sind eben auch Kuratoren und Publikum mit ihr aufgewachsen. Zum anderen wird es für Musiker durch die Digitalisierung immer schwieriger, Geld zu verdienen, weshalb viele in öffentlich finanzierten Institutionen wie Museen oder Theatern neue Einkommensmöglichkeiten suchen und finden. „Nur vom Verkauf von Tonträgern kann heute kaum ein Musiker und kaum eine Musikerin leben“, sagen Groos und Beckstette. „Wenn man allerdings auch als Künstler oder Künstlerin auftritt, lassen sich Produkte anders vermarkten. Dazu verspricht Kunst immer auch ein intellektuelles Kapital, das seinem Schöpfer einen Gewinn an Prestige verspricht.“

Interdisziplinäres Arbeiten ist die Zukunft

Ein weiterer Trend, der immer mehr Musik ins Museum bringt, ist das bei Kuratoren beliebter werdende interdisziplinäre Arbeiten. Einer der Vorreiter ist Okwui Enwezor, der das Münchner Haus der Kunst leitet. Der nigerianische Kurator will die von ihm geführte Institution zu „einer Universalbühne, auf der Bildende und Darstellende Künste und Musik zusammenkommen“ umbauen und fragt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Warum sollen wir so etwas nur präsentieren? Warum nicht auch produzieren?“ So werden Institutionen der Kunst zu einem neuen Auftraggeber für Musiker, mitunter gar zum Mäzen. Auf lange Sicht, glaubt Enwezor, der ehemalige Kurator der Kasseler documenta und der Biennale in Venedig, werden sich Museen grundsätzlich für alle Kunstformen öffnen müssen: „Heute betrachten wir die Sparten nicht mehr als einzelne Spezies, wir sehen sie in einem zeitlichen Neben- und Miteinander.“

Ein aktuelles Beispiel dafür, dass Enwezors Vision womöglich gar keine Idee für die Zukunft, sondern längst gelebte Gegenwart ist, kann gerade in Berlin begutachtet werden. Im „me Collectors Room“ läuft noch bis April 2017 die Ausstellung My Abstract World. Die Besucher können sich auf ihre Smart-Phones eine interaktive App herunterladen, mit der dann eine eigens kuratierte Songauswahl zu einzelnen der abstrakten Kunstwerke zu hören ist. So wird der Pop, da wo die bildende Kunst nicht mehr weiter weiß, zur zusätzlichen Abstraktionsebene.