Blasmusikpop Begeisterung für Blechblasklang

LaBrassBanda, Pioniere des Blasmusikpops
LaBrassBanda, Pioniere des Blasmusikpops | Foto © Stefan Bausewein

Blasmusik ist nicht jedermanns Sache. Denn oft gilt noch: Blasmusik ist Volksmusik. Laut Statistik finden nur 18 Prozent der Musikhörer in Deutschland am Blechblasklang Gefallen, doppelt so viele können damit aber gar nichts anfangen. Doch Brass-Bands füllen mittlerweile große Konzerthallen – das Klischee von Tracht und Tradition ist längst überholt.

Historiker führen gerne die Janitscharen ins Feld. Schließlich lehrten die Elitetruppen des Osmanischen Reichs, die es in der frühen Neuzeit bis kurz vor Wien schafften, nicht nur die Militärstrategen das Fürchten. Sie sollen auch in Anknüpfung an Vorläufer aus der Zeit der Kreuzzüge neben zahlreichen Trommeln auch Hörner in ihrem Feldgepäck gehabt haben, mit denen sie eindrucksvoll ihre Kämpfer anfeuerten. Noch Mozart ließ sich davon inspirieren, doch als im 19. Jahrhundert Blaskapellen und Spielmannszüge die Blasmusik in den öffentlichen Raum trugen, war das verschreckende Moment längst dem harmonischen gewichen.

Mehr noch: Mehr und mehr industriell und preiswert hergestellte Trompeten, Hörner und Posaunen schafften es in Windeseile, sich neben den Paraden und Freiluftkonzerten auch in Bauernstuben und auf den Tanzböden zu verbreiten. Einzelne Länder entwickelten spezifische Traditionen, von preußischen Militärkapellen und den Fanfaren des Balkans bis hin zu den Bandas Italiens, die als Popularmusikorchester so ziemlich alles ins Programm nahmen, was dem Publikum Spaß machte.

Die Blaskapelle als Ausgangsbasis  

In Deutschland entstand im 20. Jahrhundert die Gleichung „Blasmusik = Volksmusik“, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles Militärische prinzipiell zweifelhaft geworden war. Die gute Bauernstube und der Verein wurden zum Refugium für Amateurtrompeten und Liebhaberhörner. Insbesondere in Süddeutschland und dem Alpenraum gehören Blaskapellen bis heute zum kulturellen Leben. Ihre Vereine werden oft von den Gemeinden unterstützt und manch versierte Trompeter, wie etwa ein Matthias Schriefl, Thomas Gansch oder Stefan Dettl, sammelten erste Erfahrungen und grundlegende Motivationen im lokalen Blechorchester. Und landeten später an musikalisch anderer Stelle.

Dettl zum Beispiel ist seit zehn Jahren Sänger und Dritttrompeter von LaBrassBanda, einer der Brasspop-Hybride, die jenseits volkstümlicher Schunkelorgien im Schlagerduktus inzwischen große Hallen füllen, aber sich ihrer Wurzeln bewusst bleiben. „Die Blasmusik-Szene hat viel mit sozialem Zusammensein zu tun“, kommentiert Dettl die eigene künstlerische Sozialisation. „Da ist es wichtig, dass man sich einmal pro Woche trifft, man seine Freunde hat. Der eine ist in dem Beruf, der nächste woanders, jeder kann vom Nächsten lernen. Das ist sehr wesentlich bei Blasmusik und auch immer noch unsere Verbindung zur Tradition. Musik ist ein Treffpunkt und etwas, das einen weiterbringt. Das ist der zentrale Punkt.“   

Von Ska bis Techno

Darüber hinaus lockt die weite Welt. Musik ist heute ein multikulturelles und polystilistisches Impulsgut, Genregrenzen sind gefallen. Wer Jazz hört, dem kann auch Grunge gefallen, wem Bach zusagt, der kann sich auch in der Electronica tummeln. Alles ist möglich und auch der Blasmusikpop bedient sich international. Bei LaBrassBanda aus dem Chiemgau gesellen sich Ska, Reggae, Cumbia oder Afrika zur Polka. Die Münchner Moop Mama beziehen sich auf die Marching Bands aus Louisiana und verschneiden die Musik mit Funk, Pop und Hip Hop. Die Express Brass Band, ebenfalls aus München, bezieht sich einerseits auf den kosmischen Jazz von Sun Ra, nimmt aber ebenso Stilelemente von Soul, Afrobeat oder orientalischen Vorlagen auf.

Bei der derzeit nicht mehr aktiven Schäl Sick Brass Band aus Köln kamen schon mal nordafrikanische Rhythmen zum Einsatz, die Combo Meute aus Hamburg bezieht sich trotz akustischer Instrumente ausdrücklich auf Techno und die über das Berliner Label Piranha bekannt gewordene rumänische Fanfare Ciocarlia packt neben dem Gypsy Sound auch Screamin’ Jay Hawkins ins Programm. Bis in die Frankfurter politische Spontiszene der Siebziger mit avantgardistischen Nebenlinien hinein reicht wiederum das Sogenannte Linksradikale Blasorchester, dem die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot in Berlin von den Achtzigerjahren an bis 2010 ein Programm mit Arbeiterliedern und Politpop entgegensetzte. Folgegründungen wie die Sogenannte Anarchistische Musikwirtschaft knüpfen seit 2012 an die Urgesteine des Progressive Brass an.  

Die Begeisterung für Blechblasklänge ist dabei kein ausschließlich deutsches oder europäisches Phänomen. Schon in den Neunzigerjahren machten Marchings Bands wie die Dirty Dozen Brass Band oder die Rebirth Brass Band aus New Orleans auf sich aufmerksam, was hierzulande von Musikern wie dem ehemaligen Bassisten der Krautrock-Band Guru Guru Uli Krug mit Begeisterung rezipiert und um 1992 zur Gründung der Mardi Gras.bb führte. Die Popularität der Filme von Emir Kusturica schob die Ensembles von Goran Bregović und Boban Marković an, die wiederum anderen volksmusikalischen Blaskapellen zeigten, mit welchen Selbstverständnis man den eigenen Sound in die Gegenwart transferieren kann. In New York, London und auf Jamaika wiederum wurden die Ska-Bläser wiederentdeckt, mexikanische Tijuanaklänge landeten in DJ-Mixen, der Soul leistete sich nach synthetischen Jahren wieder echte Bläsersätze.

Kritische Graswurzeln

„Brass is beautiful“, aber nicht jeder Volksmusiker, der über den Tellerrand hinausblickt, fühlt sich im Partyumfeld wohl. Beispiel Kofelgschroa aus Oberammergau: Benannt nach dem „Geschrei“ vom nahe gelegenen Berg Kofel – ein Wortspiel, das Gesang ebenso meinen kann wie Gerücht –, spielte das Quartett zunächst traditionelle Volksmusik, bevor es sich mit Hilfe des Notwist-Trompeters Micha Acher mal kritischen, mal humorvollen Texten und improvisatorisch erweiterten Klangformen zuwandte, ohne sich aber von der regionalen Verwurzelung zu lösen. Es steht damit eher in der Nachfolge politisch-kritischer Volksmusiker wie der 2012 aufgelösten Biermösl Blosn oder auch des selbsternannten Gurkenkönigs Georg Ringsgwandl, der zwar kein Blech in der Band, dafür aber Biss in den Texten hat. Die Unterbiberger Hofmusik wiederum versteht sich als musikalisches Bindeglied zwischen Bayern und der Türkei. Ein Pionier dieses Trends ist außerdem der Multiinstrumentalist Hans-Jürgen Buchner, der schon in den Achtzigerjahren bei der Combo Haindling bayerische Basisklänge mit schrägen Texten, Popsounds und weltmusikalischen Elementen kombinierte. Inzwischen gehört er zu den Sauriern der Szene und ist Star von Festivals wie der Brass Wiesn in Eching bei München, die Blechbläser und Publikum unterschiedlicher Stilherkunft zusammenbringen.

Blasmusik war also nie ganz verschwunden, sie blieb in einzelnen Nischen produktiv und im traditionellen Zusammenhang werterhaltend. Neu ist die Umdeutung vom identitätsstiftenden Lokalkitsch zur überregional vermittelbaren und konsumierbaren Partysause. Dass es dazu kommen konnte, liegt am Zusammenspiel globaler Trends zur Rückbesinnung auf authentisch empfundene Stile und Instrumente und an der veränderten Sozialisation junger Musiker, die im Wechsel von heimischen Gewohnheiten und weltweiten Eindrücken sich gestalterisch offener orientieren.

Außerdem können Musiker im Schnitt virtuoser spielen als noch vor Jahrzehnten, weil sie besser ausgebildet werden. Sie stehen im Vergleich zur regionalen Szene in härterer nationaler oder sogar internationaler Konkurrenz und brauchen Alleinstellungsmerkmale, um die Gunst des schnell klickenden Publikums dauerhaft zu erringen. Das florierende und für viele Künstler als Einnahmequelle existentiell gewordene Konzertbusiness bevorzugt darüber hinaus nach dem weitgehenden Zusammenbruch des Tonträgerhandels Bands mit betörender Live-Präsenz, alles Faktoren, die dem Blasmusikpop als global-lokales Phänomen noch lange helfen können – solange er sich humorvoll ernst nimmt und sich seiner Identität bewusst ist.