Konzertsaal Ein Tempel des neuen Bildungsidealismus

Eröffnung des Pierre Boulez Saales in der Barenboim-Said-Akademie
Eröffnung des Pierre Boulez Saales in der Barenboim-Said-Akademie | Foto: Ben Kriemann/Geisler-Fotopress | © picture alliance/Geisler-Fotopress

Ein Saal, geschaffen für räumliche Klangerlebnisse – und für die von Daniel Barenboim gegründete Musikakademie für Studenten aus Israel und der arabischen Welt: Der neueröffnete Pierre-Boulez-Saal in Berlin schenkt manchem Traum einen Raum.

Hell, luftig und gemütlich ist der neue Pierre-Boulez-Saal der Berliner Barenboim-Said Akademie. Man sitzt bequem und mit viel Beinfreiheit auf den maximal 622 Plätzen, rot-blau gepolstert, mit leichten Reminiszenzen an die Züge des öffentlichen Personennahverkehrs. Das polierte Holz von Douglasie, Zeder und Roteiche gibt dem Raum eine warme, gelb-rötliche Tönung. Das Auge freut es, und außerdem sind Musik und Holz sowieso ziemlich beste Freunde. Holz resoniert und reflektiert, schluckt aber kaum Schall. Musiker träumen von Holzsälen – und dieser hier, vom Architekten Frank O. Gehry entworfen, gemeinsam mit HG Merz in die Wirklichkeit umgesetzt, könnte so ein Traumsaal sein.

Für Musik, die mit Raumeffekten spielt

Um den Namensgeber, den im vergangenen Jahr verstorbenen Komponisten, Dirigenten und Kulturpolitiker Pierre Boulez, zu ehren, wird zur Eröffnung dessen Initiale gespielt: von sieben Blechbläsern. Ein Trio und ein Quartett sitzen sich im oberen Balkon gegenüber und lassen die Klänge mit stetem Drallwechsel talwärts rieseln über zwei elliptische Ränge, die wie verbeulte Fahrradfelgen über dem Eiergrundriss des Parketts schweben. Robuste Gemüter dürfte diese Architektur heiter stimmen. Für Menschen mit Höhenangst, Drehschwindel oder für Gleitsichtbrillenträger mit ohnehin gebrochenem Verhältnis zur sichtbaren Welt sind von vornherein nur Parkettplätze zu empfehlen.
 
Alle Musik, die mit Raumeffekten spielt, mit Richtungswechseln und ortsbestimmten Verfärbungen, mit zeitlichen Verzögerungen und Echos, ist hier gut aufgehoben. Auch Jörg Widmann macht mit seiner selbstgeblasenen Fantasie für Klarinette solo vom oberen Rang aus großen Effekt, als er den Brummkreisel seiner Einfälle, die sich freilich nur selten zu Gedanken mit strenger Konsequenz verdichten, in Gang setzt.
 
Spielt die Musik unten, dann klingt sie am besten, je größer das Ensemble ist. Als sich unter Daniel Barenboims Leitung drei Harfen, drei Klaviere und drei Schlagzeuger des neugegründeten Boulez Ensembles zusammenfinden für sur Incises von Pierre Boulez, da entstehen verblüffende, durchweg delikate Mischungen: Einschwingvorgänge werden überblendet und machen die Klangherkunft unkenntlich; Ausklingzeiten geben Raum für spektrale Aromawechsel, als würden die Töne, während sie deckenwärts durch den Sauerstoff steigen, dekantiert. Wirklich schön!

Veränderbarer Saal

Aber der Saal hat Tücken. Auf manchen Plätzen im ersten Rang werden die Streicher vom Klavier überdeckt in Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Quartett KV 493. Der Klavierklang für sich genommen – Barenboim spielt auf dem eigens für ihn entworfenen Flügel – ist warm, nuancenreich und geradezu einschmeichelnd, aber überpräsent. Die Streicher bleiben grau, ohne lineare Individualität, völlig verschüchtert, was sich aber im Parkett ganz anders anhört. Man kennt dieses Problem aus dem Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie: Je höher man sitzt, desto verwaschener klingt es. Das deutet auf ein Missverhältnis zwischen Grundfläche und Raumhöhe hin. Auch eine Koryphäe wie Yasuhisa Toyota, der sich um die Akustik dieses Saales sorgte, kann nicht alles voraushören.
 
Neid und Neugier, Euphorie und Skepsis halten sich die Waage bei der Eröffnung dieses Saales im ehemaligen Kulissenmagazin der Staatsoper Unter den Linden. Kaum einer der einflussreichen Konzert- und Festspielintendanten – Markus Hinterhäuser aus Salzburg, Christoph Lieben-Seutter aus Hamburg, Michael Haefliger aus Luzern – will sich entgehen lassen, was hier passiert. Denn solch einen veränderbaren Saal, eine „salle modulable“ hätte auch Haefliger gern gebaut, wenn ihm das Luzerner Kantonsparlament im vergangenen September nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Im Boulez Saal kann man die Bestuhlung vierfach verändern: Rundumsitze bei mittiger Bühne, Theater mit Parkett und Bühne an der engen Seite der Ellipse, Amphitheater mit Bühne an der breiten Seite der Ellipse, Arena mit exzentrischer Bühne im Parkett und vier Sitzreihen dahinter. Was immer noch fehlt, sind bewegliche Wände für eine variable Akustik.

Beitrag zum Friedensprozess im Nahen Osten

Der Boulez-Saal ist das Herzstück der Barenboim-Said Akademie, die auf den Gedankenaustausch zwischen dem argentinisch-israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said zurückgeht. Bis zu einhundert Studenten aus Israel und den muslimisch geprägten Nachbarländern sollen hier eine musikalische Ausbildung erhalten, verbunden mit Unterricht in den Geisteswissenschaften. Das sei kein politisches Projekt, sondern ein humanistisches, sagt Barenboim. So ganz stimmt das aber nicht. Die Bundesregierung hat zwei Drittel der Baukosten getragen, sie zahlt auch den Unterhalt für den Betrieb: zunächst fünfeinhalb, ab 2019 sieben Millionen Euro pro Jahr. Das heißt, die öffentliche Hand fördert eine Musikhochschule in privater Trägerschaft.
 
Die Kronberg Academy im Taunus dagegen, die exzellente Streicher ausbildet, kommt ohne Subventionen aus. Zudem ist die Barenboim-Said Akademie äußerst gut ausgestattet, wenn man die sieben Millionen Euro für knapp hundert Studenten ins Verhältnis setzt zum Etat der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin, an der 13,5 Millionen Euro für sechshundert Studenten reichen müssen. In einer Situation, da das Land Baden-Württemberg erwägt, ausländischen Studenten höhere Studiengebühren als inländischen abzuverlangen, um keine Hochschule schließen zu müssen und der Überversorgung des Arbeitsmarktes mit hochqualifizierten Musikern entgegenzusteuern, ist eine staatlich geförderte Musikhochschule für Menschen aus dem Nahen Osten eine entschiedene politische Willensbekundung.
 
Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, liegt daher näher an der Wahrheit, wenn sie betont, dass die Unterstützung der Akademie auch „ein Beitrag der Bundesregierung zum Friedensprozess im Nahen Osten“ sei. So erlebt die Idee von der politischen Wirksamkeit des Humanismus, die viele nach dem Ersten Weltkrieg als Illusion des zerriebenen Bildungsbürgertums abtaten, ihre unverhoffte Renaissance.