Musikkonsum 2017 Schöner hören

Altes Medium, neue Gunst - die Schallplatte verkauft sich wieder prächtig.
Altes Medium, neue Gunst - die Schallplatte verkauft sich wieder prächtig. | Foto © Ralf Dombrowski

Noch immer haben Tonträger eine zentrale Bedeutung für die Wahrnehmung von Musik. Ist das antizyklisch, altmodisch oder vielleicht doch visionär? 

Im vierten Jahr in Folge freut sich die deutsche Musikwirtschaft über Wachstum, genauer gesagt über einen Anstieg von drei Prozent. Das scheint erst mal nicht viel, ist aber nach langen Jahren des Niedergangs durchaus positiv. Wachstumsmotor ist das Audio-Streaming: Knapp ein Viertel der Umsätze finden inzwischen in diesem noch jungen Marktsegment statt, Tendenz rapide steigend. Auf der anderen Seite hat das alte Medium CD noch nicht ausgedient. Hierzulande machte es 2016 bislang noch knapp 60 Prozent des Umsatzes aus, allerdings mit abnehmender Quote.

Positive Signale

Insgesamt teilte sich der deutsche Markt für Musikkonserven 2016 knapp 1,6 Milliarden Euro. Viel Geld, aber weit entfernt vom „Goldenen Zeitalter“: 1997 erwirtschaftete allein der Album-Verkauf auf CD 2,3 Milliarden Euro. Dann kamen MP3, Internet und Daten-Tauschbörsen. Die Talsohle sei durchschritten und die Branche vom Spielball zum Gestalter der digitalen Welt geworden, lautet das aktuelle Narrativ der Musikwirtschaft. Und so kommentiert man den ganzen disruptiven Prozess der Digitalisierung inzwischen auch nicht mehr mit Untergangsszenarien, sondern mit veränderten Feindbildern. Nach Jahren breitseitig gefahrener Piraterie-Anklagen gegen das Internet an sich und File Sharing im Besonderen gilt der Musikindustrie Streamripping als das neue Phänomen, das Kreative und ihre Mittelsmänner am Markt um Einnahme-Optionen betrüge. Denn mit Streamripping-Programmen können Nutzer Musik aus Streams abspeichern. 

Illegitime Software, mit der man sich bei Youtube oder anderweitig im Stream Hörbares zu lokal Gespeichertem machen kann, taugt allerdings kaum zum existenziellen Verlustbringer, wenn doch das Prinzip des Downloads ohnehin gerade abgelöst wird durch Streaming. Denn das ist eine weitere Erkenntnis der aktuellen Marktanalysen: Wer sich per Abo mit dem Zugang eines der diversen Streamingangebote versorgt, verliert das Bedürfnis, selbige Musik im Download käuflich zu erwerben. Um über 20 Prozent ging der Anteil der Downloads 2016 zurück und macht nur noch etwas über zwölf Prozent des deutschen Marktes aus.

In Skandinavien als Beispiel bedeutet digitale Musik länderübergreifend fast ausschließlich Streaming. Ein paar mögliche Gründe dafür gibt es: So sind beispielsweise in Schweden die Zahlen sowohl für Internetzugänge, hohe Internetgeschwindigkeit als auch Smartphone-Verbreitung pro Kopf deutlich höher als in Deutschland. Gerade für die mobile Musiknutzung sind kostengünstiger Datentransfer und hohe Bandbreite relevante Faktoren, die die Art des Musikkonsums beeinflussen. Wer wenig Geld zahlen muss, um überall schnell große Datenmengen zur Verfügung zu haben, macht davon gerne Nutzen bei Film-, Serien- und eben Musikstreams. Der mangelnde Breitbandausbau begünstigt da in Deutschland den Handel mit physischen Produkten.

Musik für 30+

Ein anderer Faktor liegt in der Musik selbst: Betrachtet man die offiziellen Album-Jahrescharts 2016, finden sich in den deutschen Top 20 nur ein paar Platten, die sich offensichtlich an Menschen unter 30 richten. Der Rest ist für die ganze Familie tauglich, vor allem für die Eltern und Großeltern. Und diese älteren Hörer-Jahrgänge sind überwiegend treue Tonträger-Käufer. Von Udo Lindenberg abwärts, der mit seinen stolzen 70 Jahren die Liste der meistverkauften Alben anführt, sind es gereifte Herren (Metallica, The Rolling Stones, die Böhsen Onkelz) und altersunabhängig populäre Damen (Andrea Berg, Adele, Helene Fischer), die in Deutschland Umsatz machen. Auf lange Sicht besehen ist das mehr, als zum Beispiel die bei der Jugend beliebten Deutsch-Rapper, die zwar zwischenzeitlich die Top Ten dominieren, aber meist nach kurzer Zeit wieder aus dem Ranking verschwinden.

Das auffällige Charts-Verhalten von Deutsch-Rappern in der Veröffentlichungszeit ihrer Alben hängt damit zusammen, dass die Hitparaden inzwischen nicht mehr Stückzahlen bewerten, sondern Umsätze, seit 2014 inklusive Streaming-on-Demand. Im deutschsprachigen Hip-Hop hat sich dabei bewährt, den Anhängern oft limitierte Fan-Boxen anzubieten. Die werden von den Kids meist gleich in der Veröffentlichungswoche gekauft, aus Angst, sonst nicht mehr zum Zug zu kommen. Es entsteht ein punktuelles Umsatzhoch. Dann klappt’s auch mit dem hohen Chart-Entry, selbst wenn die Stückzahlen nur einen Bruchteil der Konkurrenz ausmachen.

Die alte Schallplatte

Schallplatten-Verkäufe hingegen sind wieder Teil des musikwirtschaftlichen Selbstverständnisses. Eigentlich vor langer Zeit dem Fortschrittswillen der Branche – und den höheren Gewinnmargen beim CD-Verkauf – geopfert, lassen sich 2016 wieder ansehnliche vier Prozent Marktanteil feststellen – zumal es sich um eine weitere Steigerung des Segments gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent handelt und Vinyl inzwischen mehr umsetzt als Musik-DVDs und Blu-Rays zusammen. Der Musik-Markt scheint sich dabei manchmal im Rückwärtsgang zu befinden: In der letzten Vorweihnachtszeit erreichten die Vinylverkäufe etwa in England zeitweise höhere Umsätze als das Geschäft mit Downloads.

Neben bekanntem und historischen Repertoire verkaufen sich frisch-posthume Angebote besonders gut. David Bowie und Prince waren 2016 nicht zuletzt im Vinylformat Top-Themen am Markt. Und nur etwas über 50 Prozent der verkauften Langspielplatten werden laut einer Untersuchung der BBC jemals abgespielt. Oft landen die Platten originalverpackt im Sammlerregal – schließlich ist meistens ein Download-Code Teil des Vinyl-Erwerbs und man kann sich die Musik problemlos auf dasselbe Musiksystem überspielen, auf dem man auch sonst seine Musik hört. Sieben Prozent der Vinyl-Käufer besäßen tatsächlich gar keinen Plattenspieler, hieß es in derselben Umfrage.

Streaming vs. HintergrundINFOS

Noch etwas fällt auf: Die Tonqualität bleibt beim Streaming weiterhin zweitrangig, ebenso die Versorgung der Kunden mit zusätzlichen Details, was einst die Booklets übernahmen. Man hört datenreduziert, klangkomprimiert und uniformiert, auch weil das Interesse der einzelnen Zielgruppen sehr unterschiedlich ist. Hip-Hop-Fans interessieren sich vermutlich weniger für das technische Personal und mögliche beteiligte Studiomusiker, für Aufnahme-Daten, Komponisten, Arrangeure, Studios und derlei, dafür möglicherweise für verwandte Samples, Interpolation anderer Songs oder ähnliche Hintergründe. Keine dieser Informationen wird den Hörern/Abonnenten bei den Streamingdiensten zur Verfügung gestellt. Man muss sie sich an anderer Stelle selbst zusammensuchen. Wem das nicht gefällt, der greift weiterhin gerne zu CD und Vinyl.  

Schließlich sollte man die Fans der neben dem Pop oft weniger beachteten Genres auch nicht ganz außer Acht lassen. Denn es war ein echter Alt-Meister, dessen Veröffentlichung 2016 die meisten physischen Tonträger in Deutschland verkaufte. Es gab zwar nur etwas über 6.250 Menschen, die das Box-Set Mozart 225: The New Complete Edition erworben haben, aber da dieses aus 200 CDs besteht, hat Wolfgang Amadeus mit 1,25 Millionen verkaufter CDs mal wieder nachweisen können, was für ein populärer Superstar er noch immer ist.