Musikmachen mit Apps Instrumente in der Hosentasche

Das Berliner Digi Ensemble, Pioniere der Appmusik
Das Berliner Digi Ensemble, Pioniere der Appmusik | Foto © Sven Ratzel

Apps machen Smartphones und Tablets zu Instrumenten. In naher Zukunft werden einige Musiker über Displays wischen, anstatt in die Saiten zu greifen. 

Als das iPad im Frühjahr 2010 weltweit auf den Markt kam, war noch nicht klar, welche Möglichkeiten es bieten würde. Musikproduzenten und Kreative allerdings rieben sich die Hände, denn das Tablet versprach ungeahnte Mobilität der Klanggestaltung. Bands wie die Gorillaz beispielsweise verzichteten während ihrer Tournee durch Nordamerika im darauffolgenden Herbst auf das große Equipment und nahmen ihr Album The Fall ausschließlich über rund 20 verschiedene Apps auf. Ein Novum damals und inzwischen Selbstverständlichkeit.

Damon Alban’s Gorillaz mit Musik aus dem über iPad aufgenommenende Album "The Fall"

Tablets und Smartphones haben sich in rasanter Geschwindigkeit zu Musikproduktionseinheiten entwickelt. Während das Apple-Betriebssystem iOS und die dafür gestalteten Apps zunächst noch in Fragen von Bedienkomfort und Latenz – also der Schnelligkeit, mit der musikalische Impulse hörbar umgesetzt werden, was maßgeblich den Eindruck eines Musikinstruments simuliert – vorne lagen, punkteten die Android-Geräte über bessere Anschlüsse (USB, Midi) und kombinierbare Hardware wie etwa Audiointerfaces. Seit den Anfängen aber haben sich die Unterschiede zunehmend ausgeglichen, man hat über Garage Band oder FL Studio Mobile hinaus die Wahl unter tausenden, ständig aktualisierten Apps, deren Funktionalität etwa in Facebook-Foren wie „iOS Musician Blog“ oder „android music making“ diskutiert werden.
Was geht: Appmusik im Selbstversuch

Mehr noch. Appmusik wird zum Gegenstand der Forschung. Matthias Krebs leitet die Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste in Berlin, das Lehrforschungsprojekt DigiMediaL und hat Tagungen wie Mobile Music In The Making 2017 (MMM 2017) als Spezialistentreffen für Musik auf mobilen Geräten organisiert. „Es ist ein eigenes Universum und die Entwicklung steckt in den Kinderschuhen. Aber allein, was sich während der vergangenen Jahre an Musikpraxis, Aufführungsarten und Einsatzmöglichkeiten entwickelt hat, ist enorm“, erklärt Krebs. Er versteht sich selbst nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als kreativ produzierender App-Musiker.


„Wenn man das Tablet intensiv zum Musikmachen nutzt, dann laufen ständig mehrere Apps gleichzeitig. Da gibt es die App, die bespielt wird, eine kümmert sich um Klangerzeugung. Die nächste steuert die Effektgeräte bei, eine nimmt das Gespielte auf, loopt es und noch vieles mehr. In diesem fortgeschrittenen Modus kann man also nicht einfach eine App starten und dann geht es los, sondern findet eine ganze Werkstatt für den digitalen Instrumentenbau vor.“

Pop der Zukunft: die Band aus dem Tablet

Das Gestaltungsspektrum erweitert sich laufend. Viele Apps passen sich individuell an die Fähigkeiten des Benutzers an und ermöglichen es sowohl Spezialisten als auch Anfängern Klangideen umzusetzen. Es gibt Apps als Hilfsmittel (Metronom, Stimmgerät, Notenprogramme), Apps zum Musizieren und Produzieren (Effekte, Controller, Synthesizer) oder auch zum Musiklernen (Gehörbildung, Notenlernen). Schnittstellen-Standards wie Ableton Link erleichtern darüber hinaus auch umfassende Kooperation mehrerer Musiker gleichzeitig.
Appmusik als Konzertereignis: Das Digi Ensemble spielt Bach

Appmusik im Ensemble 

„Es ist gerade eine Stärke von Musikapps in der Praxis, sich mit anderen Instrumenten zu verbinden. Es gibt inzwischen viele Musiker, die Apps in ihr Bühnen- oder Proberaumsetting einbauen, als Controller, Klangerzeuger oder Ähnliches. Der Reiz besteht gerade darin, mit anderen zusammen Musik zu machen“, erklärt Matthias Krebs weiter und hat daher bereits 2010 das DigiEnsemble Berlin gegründet. Das Ensemble widmet sich von Bach bis zu experimentellen Soundinstallationen der gemeinsamen Musik auf mobilen Geräten.

Das ist Pionierarbeit, die je nach Genre auf unterschiedliche Anerkennung stößt: „Im klassischen Bereich gibt es bislang keine Komponisten, die ausschließlich für Tablets und mit Musik-Apps komponieren, in der Popmusik allerdings schon. Leute wie der Youtuber Jakob Haq machen ganze Shows im Netz, andere füllen wie Martin Neuhold eigene Radiosendungen.“
Haq Attaq, der Mobile Music Making Kanal des Schweden Jakob Haq

So wie der Laptop den DJ-Kosmos verändert hat, haben Smartphones und Tablets das Potential, die mobile Musikwelt zu erobern. Denn erstens suchen die Hersteller der sich zunehmend ähnelnden Endgeräte nach markanten Tools, die die Devices voneinander unterscheiden. Musik und Fotografie sind da erste Wahl.

Zweitens fängt inzwischen die Pädagogik an, Appmusik vom Musikunterricht bis hin zur Sprachförderung zu entdecken, was den kompositorischen Prozess demokratisiert. Die Schüler von heute und morgen bedienen nicht nur die Geräte selbstverständlich, sondern sind potentielle iPad-Komponisten unabhängig von akademischer, fachspezifischer Musik-Ausbildung.

Drittens ist die Hemmschwelle zum Erlernen eines Instruments mit dem Smartphone in der Hosentasche deutlich niedriger als mit traditionellen Instrumenten. Und viertens: Gewohnheiten verändern sich. In den USA beispielsweise ist der Verkauf von elektrischen Gitarren von 1,5 Millionen Instrumenten pro Jahr (2007) auf unter eine Million (2016) gesunken (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Traditionelle Hersteller wie Gibson schreiben rote Zahlen. Zwar sind akustische Gitarren weiterhin beliebt. Aber Smartphone und Bluetooth-Box statt Wandergitarre am Lagerfeuer könnten die Zukunft sein.