Instrumentenbau Technik, Kunst und Artenschutz

Auf der Musikmesse in Frankfurt am Main treffen sich Instrumentenbauer aus aller Welt.
Auf der Musikmesse in Frankfurt am Main treffen sich Instrumentenbauer aus aller Welt. | Foto: Petra Wenzel © Messe Frankfurt Exhibition GmbH

Die einen setzen auf Software, die anderen auf heimische Hölzer. Das aktuelle Spektrum des Instrumentenbaus in Deutschland ist groß, die internationale Konkurrenz allerdings auch.

Was im 19. Jahrhundert das Klavier für den bürgerlichen Haushalt war, das sind heute Laptop und mobiles Endgerät. Sie bringen uns die neuesten Klänge aus Opernhäusern, Konzertsälen, Jazzclubs, den großen Stadien, Hallen oder Clubs in unser Wohnzimmer. Will man daraus schlussfolgern, dass das Klavier und andere „Handmade-Music“-Instrumente jetzt ausgedient hätten, dann liegt man ziemlich daneben.

Musikmachen ist Trend

Laut einer aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest macht jeder vierte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren regelmäßig Musik und zwar auf herkömmlichen Instrumenten. Damit liegt das Musizieren bei den Jugendlichen nach Treffen mit Freunden, Sport und Familienunternehmungen an vierter Stelle bei den beliebtesten non-medialen Freizeitaktivitäten und noch vor Besuch von Sportveranstaltungen oder Partys. Das Gesamtvolumen des deutschen Musikinstrumenten- und Musikequipmentmarktes bewegt sich daher seit Jahren mit kleineren Schwankungen im Bereich von knapp 900 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Den größten Umsatzanteil innerhalb der Warengruppe Musikinstrumente haben nach wie vor Gitarre, Bass & Co mit 145 Millionen Euro. Gleich an zweiter Stelle stehen Tasteninstrumente, gefolgt von Mikrofonen und Kopfhörern sowie Beschallung. Erst an fünfter Stelle kommt Schlagzeug, gefolgt von Blas- und Saiteninstrumenten.

Während es in den vergangenen Jahren in allen genannten Segmenten – Beschallung ausgenommen – leichte Rückgänge zu verzeichnen gab, ist der einzig nennenswerte Zuwachs im Bereich der Computer Software zu erkennen. Trotz Silicon Valley und Innovationsdruck aus Fernost kann das Musikland Deutschland auch hier noch ganz vorne mitreden. Egal ob es sich um Musik von R&B-Ikone Beyoncé, von Depeche Mode oder um Hollywood-Soundtracks von Hans Zimmer handelt, alle haben etwas gemeinsam: Sie produzieren ihre Musik mit dem gleichen Instrument aus Berlin: Ableton Live. Diese Software ist auf Millionen von Laptops weltweit installiert, die Nutzer produzieren damit Pop, Rock, Dubstep, Neo-Klassik und überhaupt alles Mögliche. Laptop-Orchester und Ensembles führen App-gesteuerte Musik auch live auf.
 

Digitalisierung analoger Instrumente

Auch die „konventionellen“ Instrumente hat der Trend zur Digitalisierung erreicht. Damit ist nicht Beschallung im engeren Sinn gemeint, denn inzwischen haben sich Konzertflügel, Blech- und Holzblasinstrumente oder auch Streichinstrumente digital erweitert. Indem man mit dem Instrument über Mikrophon und Tonabnehmer den Laptop antriggert und auch noch Bewegtbild dazunimmt, entstehen die großen Meta-Instrumente unserer Zeit. Hier vermählt sich Altes mit Neuem, das Live Spiel mit der Apparatur. Gelungene Beispiele gibt es zuhauf, 2017 etwa Francesca Verunellis Duo für Flöte und Klavier „Man Sitting At The Piano“, uraufgeführt bei den Donaueschingen Musiktagen. Flötist Michael Schmid vom Ictus Ensemble spielt das Klavier mit seinem Instrument akustisch an und löst mit seinen Tönen ganze Klavierklang-Kaskaden aus, ohne dass es dazu noch einen menschlichen Spieler bräuchte.

Das akustische Player Piano liegt im Trend und erlebt eine Renaissance. Das Flaggschiff ist sicher die Apparatur und Software Spirio von Steinway, ein hochauflösendes Selbstspielsystem, mit dem man Weltklasse-Pianistinnen und Pianisten im heimischen Wohnzimmer gastieren lassen kann. Eine spezielle Software für die Messung der Hammergeschwindigkeit und Pedalstellungen des Dämpfungs- und Verschiebepedals sind in der Lage Interpretationen von Jakob Karlzon, Olga Scheps, Yuja Wang, Lang Lang und anderen aktuellen Steinway-Interpreten so authentisch wiederzugeben, dass man meint sie spielten tatsächlich. Durch die Re-Performance-Technik Zenph, eine Art musikalischer „Wiederauferstehungstechnologie“, lassen sich auch ausgewählte Interpretationen großer historischer Virtuosen wie Glenn Gould, Sergej Rachmaninow oder Art Tatum über das mechanische Instrument anhören. Natürlich kann man bei diesem Über-Instrument nach wie vor auch selbst in die Tasten greifen.

Neue Techniken, neue Materialien

Ebenfalls auf das digital erweiterte Instrument setzt Yamahas Transacoustic Technologie, die den Resonanzboden des Flügels in einen Lautsprecher verwandelt. Da können die deutschen Klavier-Hersteller nur bedingt mithalten. Was aber beinahe jeder im Angebot hat, ist das Silent Piano, bei dem die Hämmer nicht mehr auf die Saiten sondern auf Sensoren schlagen und man bis in die Nacht musizieren kann, ohne Nachbarn zu stören. Innovation macht auch vor Instrumenten nicht halt, von denen man annimmt, sie seien „fertigentwickelt“.  Music Minus One mit LP oder CD ist Schnee von gestern. Mit Keyboards oder digital aufgerüsteten Klavieren kann man sich vom Orchester oder von eigenen Aufnahmen begleiten lassen. Es gibt die elektronisch gesteuerte Pedaltechnik für Rollstuhlfahrer oder Kohlefaser-Resonanzböden für extreme Klimata auf Schiffen oder in der Wüste.

Hier kommen Kunstharze, Kohlefaser und andere, neue Werkstoffe ins Spiel: Der französische Geiger und Entwickler Laurent Bernadac demonstrierte im April 2017 erstmals seine 3D-Varius-Violine auf der Frankfurter Musikmesse. Mittels 3D-Drucktechnik kann Bernadac an einem Tag zum Preis eines Kleinwagens eine E-Karbon-Geige drucken, die professionellen Ansprüchen gerecht wird. Als „falsches Blech“ wird der Werkstoff Karbon inzwischen auch bei Blechblasinstrumenten eingesetzt. Und klingt überraschend gut.
    
Neugier und Innovation sind gefragt. Der Instrumentenbau in Deutschland befindet sich daher im Strukturwandel. Die meisten deutschen Hersteller haben sich gegenüber der Konkurrenz aus Billiglohnländern behaupten können. Zum einen weil sie qualitativ nach wie vor Weltspitze sind, zum anderen mildern neue Fertigungsmethoden und Zulieferung einzelner Bauteile aus dem Ausland den Preisdruck.