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Samy Ben Redjeb
„Jede Musik ist ein eigenes Gewürz“

Ob Rumba aus dem Kongo oder Westernmusik aus Brasilien: Unter seinem Label „Analog Africa“ veröffentlicht Samy Ben Redjeb Perlen der afrikanischen Musik.
Ob Rumba aus dem Kongo oder Westernmusik aus Brasilien: Unter seinem Label „Analog Africa“ veröffentlicht Samy Ben Redjeb Perlen der afrikanischen Musik. | Foto (Zuschnitt): © Samy Ben Redjeb

Der Musikproduzent Samy Ben Redjeb gräbt nach musikalischen Schätzen: Seit über 15 Jahren spürt er in Afrika und Lateinamerika vergessene Rhythmen und außergewöhnliche Beats auf, die er unter seinem Musiklabel „Analog Africa“ veröffentlicht. 

Von Eleonore von Bothmer

Er habe seinen Beruf selbst erfunden, sagt Samy Ben Redjeb augenzwinkernd, einen Namen dafür gebe es eigentlich nicht. Offiziell bezeichnet sich der Deutsch-Tunesier als „Produzent“. Compiler würde aber besser passen: Einer, der Musik zusammenstellt. In seinem Fall sind das vor allem afrikanische Stücke aus den 1970er und 1980er Jahren, die er sammelt und unter seinem Label „Analog Africa“ veröffentlicht.

Ob Funk aus Benin, Soul aus Burkina Faso oder Rumba aus dem Kongo – die Platten, die Sie bei „Analog Africa“ veröffentlichen, lassen sich nicht auf einen Stil festlegen. Was sie  aber gemeinsam  haben, sind afrikanische Ursprünge. Was ist für Sie so besonders an afrikanischer Musik?

Ich finde sie sehr vielseitig und entdecke immer mehr ihren Reichtum. Der Westen hielt sich lange für den Mittelpunkt des musikalischen Universums, dabei sind besonders in Afrika viele spannende Sachen entstanden. Die afrikanische Musikszene war eine parallele Welt, von der man sehr wenig wusste. Mein Job ist es, diesen Reichtum an den Tag zu bringen.
 
Welche Musik spricht Sie besonders an?

Die Musik, die ich herausbringe, war oft nicht die erfolgreichste, sondern eine mit einem besonderen Twist. 08/15 interessiert mich nicht besonders. Ich will zeigen, welche verschiedenen Musikrichtungen es rund um die Welt gibt – die Vielfalt. Das ist wie beim Kochen: Jede Musik ist ein eigenes Gewürz. Jedes schmeckt anders und ich füge gern immer wieder ein neues Gewürz hinzu. Vor einem Jahr habe ich eine Platte von Camarão veröffentlicht, einem brasilianischen Akkordeonspieler. Mir war von Anfang an klar, dass das kein Verkaufsschlager wird, aber mir hat er gefallen, weil er besonders war. Seine Kompositionen klingen wie Western-Filmmusik aus Brasilien. Das hat viel Humor. Und Humor in der Musik ist eine Qualität, die ich mag – solange sie nicht ins Lächerliche geht.

Wie entdecken Sie diese Musik, die oft nur lokal bekannt ist?

Ich reise in verschiedene Länder, aus denen die Musik kommt, die mich anspricht. Das ist meistens Musik aus den 1970er und 1980er Jahren, aus der goldenen Zeit der afrikanischen Musik. Dort spreche ich mit Musikern, Produzenten und Mitwirkenden, um mehr darüber zu erfahren. Mich interessiert, welche Einflüsse auf die Musik gewirkt haben, die Musikgeschichte, die Entwicklung der Musikindustrie, und wie die Szene strukturiert war. Das Ganze schreibe ich auf und mache ein Buch daraus, das dem Album beigelegt wird. Die Musik geht näher an mich heran, wenn ich den Kontext kenne. Nebenher lege ich auf – dabei versuche ich, die Kontinente miteinander zu verbinden.

Sie haben 2006 das Label „Analog Africa“  gegründet. Welche Platte war die erste, die Sie herausgebracht haben?

Ich habe schon seit 2001 daran gearbeitet, anfangs natürlich nebenher. Als „Analog Africa“ dann startete, gab es auch das erste Release mit einer Band aus Zimbabwe, „The Green Arrows“. Ich hatte Tränen in den Augen als ich erfuhr, dass sie 1974 ihre einzige LP, ausgerechnet an meinem Geburtstag, herausgebracht hatten. Seitdem bin ich in 28 afrikanische Länder gereist und habe 38 Platten veröffentlicht.

Afrikanische Musik hatte ja auch Einfluss auf andere Länder.

Ja, ich beschäftige mich auch mit der Musik, die durch die afrikanische Diaspora entstanden ist. Afrikanische Rhythmen sind an verschiedene Orte der Welt gekommen und haben sich dort mit anderen Musikformen gemischt. So ist eine unglaubliche Vielfalt an Styles entstanden. Ohne die Sklaverei gäbe es keinen Jazz, kein Bossa Nova, keine Samba, keinen Cuban Son, kein Merengue, keine Cumbia… – die Liste kennt kein Ende. Und so ist aus einer hässlichen Geschichte etwas Wunderschönes entstanden:„The prettiest flower came out of a pile of cow dung.“
 
Gerade sind Sie in Brasilien – was machen Sie dort?

Ich bin hier, weil ich Teil des Residenzprogramms Vila Sul im Goethe-Institut Salvador bin. Salvador ist eine Stadt mit einer überwiegend schwarzen Bevölkerung. Daher ist die Verbindung zu Afrika hör- und sichtbar. Allerdings ist die Verbindung eher mythologisch, denn moderne afrikanische Musik scheint hier nicht wirklich angekommen zu sein. Vielleicht ist das auch ein Segen, weil es somit ein „fruchtbarer Boden“ ist, um meine Arbeit zu verbreiten. Anfang Dezember beginnt eine Ausstellung über angolanische Musik in der Casa de Angola, dem angolanischen Kulturinstitut hier in Salvador. Und dann geht es auf Tour, um die Jambú-Compilation vorzustellen, die vom Goethe-Institut unterstützt wird. Jambú ist eine brasilianische Pflanze aus dem Amazonas, die für unterschiedliche Gerichte und auch als Betäubungsmittel verwendet wird. Vor einigen Jahren hat eine Brennerei aus Belém entdeckt, dass man damit auch einen besonderen Cachaça – einen brasilianischen Zuckerrohrschnaps – herstellen kann. Jetzt hoffe ich, dass der Name Glück bringt und das Album so erfolgreich wird wie die Pflanze selbst.

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