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Alte Musik 2018
Gesucht und gefunden: Neue Aufbruchsstimmung in der Alten Musik

Julia Grote & Lukas Köster: Hand to Hand beim Musikfest Erzgebirge; Barocke Circusträume auf dem Marktplatz Annaberg-Buchholz
Julia Grote & Lukas Köster: Hand to Hand beim Musikfest Erzgebirge; Barocke Circusträume auf dem Marktplatz Annaberg-Buchholz | Foto (Ausschnitt): © Mathias Marx

Längst ist die Alte Musik in Deutschland fest im Musikleben etabliert. Vermag sie aber auch Wagnisse einzugehen oder gar zu provozieren, wie in ihren Anfangsjahren? Darüber wurde 2018 bei einem Symposium nachgedacht, gleichzeitig haben viele Festivals, CD-Aufnahmen und Nachwuchs-Projekte ganz erstaunliche neue Wege gefunden.

Von Dr. Bernhard Schrammek

Zukunft Alte Musik – ein Symposium in Berlin

Am 5. März 2018 fand in Berlin auf Initiative des Radialsystems V sowie des Festivals Podium Esslingen und des Fellowship-Projekts #bebeethoven ein Branchentreff zum Thema Zukunft Alte Musik statt. Zahlreiche Vertreter von Festivals, Hochschulen, Konzertinstitutionen und Ensembles aus ganz Deutschland trafen sich zu Vorträgen und Diskussion über heutige Herausforderungen der „Alten Musik“ und mögliche Zukunftsperspektiven. Deutlich wurde bei diesem Symposium die gewandelte Rolle der Alten Musik im Vergleich zur Situation vor vier oder fünf Jahrzehnten zum Ausdruck gebracht: Damals war die Beschäftigung mit Alter Musik zwangsläufig mit großem Pioniergeist und Mut zum Experiment verbunden, gleichzeitig fungierte sie im Geist der 68er als Protestbewegung gegen den allzu etablierten Konzertbetrieb. Heute, zwei Generationen später, ist das Musizieren mit historischer Aufführungspraxis eine Selbstverständlichkeit, es gibt beste Ausbildungsmöglichkeiten, viele spezielle Konzertreihen, Wettbewerbe und Festivals und natürlich eine kaum zu überblickende Vielzahl an hervorragenden Solisten und Ensembles. – Keine Frage, die „Alte Musik“ ist heute ihrerseits etabliert.
 
Dass diese an sich positive Entwicklung aber auch Risiken in sich birgt, formulierte Elina Albach, die Cembalistin des Ensembles Continuum, in ihrem Beitrag zum Symposium: Zu viel wird heute unkritisch reproduziert, zu wenig wird mit neuen Konzert- und Aufnahmeformaten experimentiert, gleichzeitig stellt der hohe Altersdurchschnitt des Publikums die Frage nach den zukünftigen Adressaten: „Ein ‚Funke der Fantasie‘ oder Aufbruchsstimmung ist nicht unbedingt zu spüren – die Protesthaltung längst vergangen.“
In der abschließenden Diskussion wurden viele innovative Ideen von Veranstalterseite sowie Musikerinnen und Musikern ausgetauscht und mehrfach der Wunsch nach einer Wiederholung dieses wichtigen Branchentreffs geäußert. Möglicherweise können von solch einem regelmäßigen Forum ganz konkrete Impulse für die öffentliche Darstellung der Alten Musik ausgehen.

Fülle an CD-Veröffentlichungen

Obwohl es sich bei der CD um ein „aussterbendes Medium“ handelt, die Zahl der Downloads und Streamings im Internet beständig ansteigt und Aufnahmesessions für Musiker immer kostspieliger werden, erfreut sich die „klassische CD“ im Bereich der Alten Musik nach wie vor großer Beliebtheit. Eine Fülle von Neuerscheinungen war auch 2018 zu vermelden, oftmals mit sorgfältig ausgewählten Programmen inklusive zahlreichen Ersteinspielungen oder eigens erstellten Arrangements, mit sehr guter musikalischer Qualität und nicht zuletzt mit ausführlichen und informativen Booklets. Drei Beispiele mögen hier für viele stehen: Das Ensemble Sequentia spürt in seiner CD Songs of Consolation Boethius-Vertonungen aus dem 11. Jahrhundert nach, die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in jahrelanger Arbeit entschlüsselt wurden. Die Capella de la Torre hat eine CD rund um den Universalisten Leonardo da Vinci eingespielt und das Album War and Peace mit Dorothee Mields und der lautten compagney Berlin stellt eine musikalische Brücke zwischen dem 30-jährigen Krieg und den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts her.
 
Unter den Neueinspielungen des Jahres 2018 finden sich auch bemerkenswerte Debüt-CDs von jungen Solistinnen und Solisten sowie Ensembles. So legte der Geiger Evgeny Sviridov – Preisträger der Bachwettbewerbe in Leipzig und Berlin – eine fantastische Einspielung von Giuseppe Tartinis Violinsonaten op. 1 vor; die junge Blockflötistin Tabea Debus beeindruckte auf ihrer Solo-CD mit dem Kontrast zwischen Solofantasien von Georg Philipp Telemann und zeitgenössischen Werken für Blockflöte, und der Sieger des Nürnberger Orgelwettbewerbs 2016, Kensuke Ohira, nahm eine CD auf der Wiegleb-Orgel in Ansbach auf. Das Ensemble Continuum schließlich veröffentlichte ein nicht nur musikalisch, sondern auch graphisch-editorisch höchst anspruchsvolles Album unter dem Titel Traumwerk. Kombiniert wurden dabei Kompositionen von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli und James Dillon mit rezitierten Texten von Paul Fleming, Andreas Gryphius und anderen Dichtern des 17. Jahrhunderts.

Festivals – Bewährtes und Neues

Der Ausbruch des 30-jährigen Krieges vor 400 Jahren sowie das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren prägten als Jubiläen die thematische Ausrichtung mehrerer Festivals für Alte Musik. So standen das Kölner Fest für Alte Musik und das Musikfest Stuttgart unter dem Motto Krieg und Frieden. Das Heinrich Schütz Musikfest, das seinerseits 20-jähriges Jubiläum feiern konnte, wählte für seine Veranstaltungen den Leitspruch Verley uns frieden und das Wittenberger Renaissancefestival beschäftigte sich mit der Musik im 30-jährigen Krieg (Klänge statt Klingen).
 
Neue und spektakuläre Konzertformate gab es unter anderem bei den Bachfesttagen Köthen, dort wurde ein Schlossfest mit zahlreichen Kurzkonzerten inklusive der Erstbespielung des frisch sanierten Spiegelsaals veranstaltet. Das Musikfest Erzgebirge dagegen beeindruckte mit Barocken Circusträumen, einer Kombination aus Artistik und live dargebotener Barockmusik in einem historisch anmutenden Spiegelzelt auf dem Marktplatz von Annaberg-Buchholz.

Ein außergewöhnlicher Höhepunkt des Festspieljahres war ohne Zweifel der Kantatenring während des Leipziger Bachfests: An einem Wochenende wurden insgesamt 30 geistliche Kantaten Bachs in den Leipziger Innenstadtkirchen aufgeführt, unter anderem vom Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, vom Bach Collegium Japan, der Gaechinger Cantorey sowie dem Monteverdi Choir.
Am Ende des Jahres 2018 setzte die Berliner Staatsoper Unter den Linden mit ihren neu eingeführten Barocktagen ein deutliches Zeichen für die Alte Musik, mehrere Opernproduktionen (darunter Rameaus Hippolyte et Aricie mit dem Freiburger Barockorchester unter Leitung von Simon Rattle) wurden dabei von Konzerten, Vorträgen und weiteren Veranstaltungen flankiert.

Annäherungen

Das Beethoven-Jahr 2020 wirft ganz offensichtlich bereits seine Schatten voraus, denn etliche Barockorchester beschäftigen sich aktuell mit seinem sinfonischen Werk. So beging das Freiburger Barockorchester 2018 sein 30-jähriges Jubiläum mit mehreren Aufführungen von Beethovens 9. Sinfonie und die Akademie für Alte Musik Berlin nahm mehrere Beethoven-Sinfonien in ihr Repertoire auf. Auch darüber hinaus kommt es spürbar zu einer stärkeren Annäherung der deutschen Spezialorchester für Alte Musik an den Repertoirebetrieb der Sinfonieorchester. Concerto Köln startete 2018 unter dem Motto Wagner-Lesarten ein mehrjähriges Projekt, das die Erstaufführung von Wagners Ring des Nibelungen in historisch informierter Aufführungspraxis unter Leitung von Kent Nagano vorbereiten soll. Es darf erwartet werden, dass diese umfangreichen Aktivitäten auch hörbare Auswirkungen auf die Darbietungen der vielen auf modernem Instrumentarium spielenden Orchester besitzen.

Education-Projekt zu Wassermusik

Das Education-Projekt der ARD wurde 2018 zum vierten Mal veranstaltet und war diesmal – unter Federführung des MDR – Georg Friedrich Händel gewidmet. Schülerinnen und Schüler im gesamten Bundesgebiet wurden aufgefordert, entweder allein oder im Klassenverband eigene „Wasserkompositionen“ zu erstellen. Begleitet wurde die Aktion von zahlreichen Workshops mit prominenten Musikern an verschiedenen Orten. Das Ergebnis war überwältigend: Mehr als 250 Einsendungen wurden von der Jury bearbeitet und aufgrund der vielen originellen Beiträge gleich sieben (statt wie ursprünglich geplant nur drei) Preisträger ernannt.

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