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Pop 2018
Die neue Ratlosigkeit

Gudrun Gut
Gudrun Gut | Foto (Ausschnitt): © Mara von Kummer

Es ist ein Jahr der Umbrüche: Die Digitalisierung der Musikbranche nimmt weiter ihren Lauf, während „Intro“ und „Spex“ den Heftbetrieb einstellen und der Echo-Preis abgesagt wird. Politische Konflikte spitzen sich weiter zu. Da hilft eigentlich nur eins: Cool bleiben!

Von Ralph Christoph

Das Pop-Jahr 2018 wird rückblickend womöglich wegen einer Zäsur in Erinnerung bleiben, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fand, aber dennoch große Wellen schlug. Als „Zeitenwende“ postulierte der BVMI (Bundesverband Musikindustrie) in seinem Halbjahresreport die Tatsache, dass nun auch im deutschen Musikmarkt Audio-Streaming die CD überholt hat.
 
Seit 2014 werden auch in Deutschland die Streaming-Abrufe bei der Berechnung der offiziellen Charts mit einbezogen. Dabei werden (anders als in den Streaming-Charts) nur die sogenannten Premium-Streams gewertet, also Abrufe, für welche die Kunden einzeln oder per Abo direkt bezahlen.
 
So ergibt sich beim Blick auf die Charts seit geraumer Zeit ein mitunter krudes Bild, das einerseits die altbekannten nationalen wie internationalen Stars in den vorderen Regionen zeigt, andererseits aber auch eine Vielzahl von Deutsch-Rappern, deren Namen in diesem Kontext bis dato nicht aufgetaucht waren. Nun führen Capital Bra, Bausa, Kollegah & Co. nicht nur regelmäßig die Spitze – vor allem bei den Single-Charts – an, sondern sie pulverisieren dabei auch noch regelmäßig Rekorde.
 
So schaffte es der in Russland geborene und in Berlin lebende Rapper Capital Bra als erster Künstler seit Erfassung der Charts in Deutschland sieben Nr.1-Singles in einem Kalenderjahr zu platzieren (Stand: 31. Oktober). Und der aus Saarbrücken stammende Rapper Bausa stand mit Was du Liebe nennst neun Wochen auf Platz 1, länger als jedes andere deutsche Hip-Hop-Stück zuvor.

Echo from the past

Für diese und ähnliche Leistungen lobt eben jener BVMI durch die bei ihm angegliederte Deutsche Phono-Akademie seit 1992 die Echo-Preise aus. Hier versteht man seit jeher unter einer herausragenden Leistung in erster Linie diejenigen Produkte, die am besten verkauft haben. Und hier schlagen die hohen Stream-Abrufe der jungen Zielgruppen voll durch.
 
Die Vergabekriterien des Preises sorgten für ein Dilemma. Nachdem es schon in der Vergangenheit massive Kritik in Bezug auf die Nominierung und Auszeichnung der Südtiroler Patrioten-Band Frei. Wild gegeben hatte, kam es in diesem Jahr endgültig zum Eklat. Anstatt auf die Anspruchslosigkeit und die Peinlichkeiten der letzten Jahren zu reagieren und längst geführte Debatten von #MeToo bis #OscarsSoWhite aufzunehmen, hatte man sich dazu entschieden, den Rappern Kollegah und Farid Bang trotz Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ einen Echo zu verleihen. Auch wenn sich die beiden in der Folge massiven Antisemitismus-Vorwürfen ausgesetzt sahen und schließlich einer Einladung des Internationalen Ausschwitz-Komitees in die KZ-Gedenkstätte Ausschwitz gefolgt waren, so war die Entscheidung, den Preis in dieser Form abzuschaffen, alternativlos. Zu spät reifte die Erkenntnis, dass man hier unfreiwillig als Plattform für Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie oder Gewaltverharmlosung wahrgenommen wurde.
 
Dass es 2018 auch im popkulturellen Mainstream andere Wege gibt, zeigte Herbert Grönemeyer. Mit elf Echo-Auszeichnungen der dritterfolgreichste Künstler in der Historie des Preises, stattete er ohne Vorankündigung beim diesjährigen Jamel rockt den Förster-Festival in Jamel bei Gägelow in Mecklenburg-Vorpommern einen Besuch ab. Seit 2004 richtet dort das Ehepaar Horst und Birgit Lohmeyer ein Festival in einem Ort aus, der als Hochburg der rechten Szene gilt. Überregionale Bekanntheit erlangte das Festival nach einem Brandanschlag auf eine als Teil des Festivals genutzte Scheune im Jahr 2015, woraufhin die Toten Hosen mit einem Auftritt ihre Solidarität bekundeten. Seither gehört es zum guten Ton unter deutschen Indie-, Pop- und Hip-Hop-Acts, das symbolhafte Jamel rockt den Förster zu unterstützen. Mit seinem eigenen Album Tumult empfiehlt sich Grönemeyer als „Gewissensbarde der Nation“ (Spiegel online) und setzt ein für ihn ungewohnt deutliches politisches Statement.

Cool bleiben!

Weitaus schwerer tat sich die Stiftung Bauhaus Dessau, als sie das geplante Konzert mit der ebenfalls aus Mecklenburg-Vorpommern stammenden linken Punkband Feine Sahne Fischfilet in der historischen Bauhaus-Aula absagte. Mit der Begründung, man habe Angst vor rechten Störern und einer entsprechenden Eskalation. Zudem sei das Bauhaus ein bewusst unpolitischer Ort, ließ eine Sprecherin im Zuge des Konflikts verkünden. Das seitens einer Institution, die sowohl in Weimar wie auch später in Dessau auf Druck rechter Kräfte und später eben der Nazis geschlossen wurde, war zumindest eine sehr gewagte These.
 
All diese Debatten und Diskussionen müssen in Zukunft ohne die beiden wichtigsten deutschen Musikmagazine stattfinden. Nach 38 Jahren und 384 Ausgaben wurde Spex (Magazin für Popkultur) zum Jahresende eingestellt. Im Juli schon hatte das 1991 gegründete Musikmagazin Intro verkündet, künftig keine Printausgabe mehr zu produzieren. Dass auch das Groove Magazin, das im selben Verlag wie die Spex erschien und das Flaggschiff der Berichterstattung für elektronische Musik war, ebenfalls nach 29 Jahren und 175 Ausgaben im Oktober die Heftproduktion einstellte und ab Januar 2019 nur noch digital erscheinen wird, ging darüber fast unter.
 
Andere trotzen den Umbrüchen und feiern große Jubiläen. In Hamburg beging Buback Records seinen 30. Geburtstag. Während es heutzutage und im Zuge der Digitalisierung normal ist, dass Musiker auch ein Label betreiben, so war dies damals eine von Dringlichkeit gezeichnete Novität. Erst halb so alt wurde das Berliner Label Staatsakt, das weiter an seinem Ruf bastelt, das Sammelbecken schlechthin für die interessantesten Nischenprodukte der deutschen Popkultur zu sein.
 
So kommt mit die Die besten Jahre von International Music die interessanteste Veröffentlichung des Jahres aus dem Hause Staatsakt. Zwar kreisen auch International Music um die großen Themen wie Liebe, Zweifel und Verzweiflung, aber sie schaffen es dabei sehr lässig, Krautrock, The Jesus and Mary Chain und DAF wiederzubeleben. Und mit Cool bleiben ist ihnen ein beeindruckendes Vexierlied gelungen, das Identitäten wie Reime schüttelt, um dann als dringlich-monotones Accelerando nach nicht einmal zweieinhalb Minuten abrupt zum Ende zu kommen.
 
Dass eine Künstlerin wie Barbara Morgenstern, früher eher der elektronischen Musik zugeordnet, mit Unschuld und Verwüstung ebenfalls bei Staatsakt ein neues Zuhause gefunden hat, zeigt zudem, dass man hier ganz bequem zwischen den Stühlen sitzen kann.

Schaum, gebremst!

„Schaut mich an, ich werde älter“, singt Max Gruber aka Drangsal. Seine Veröffentlichung Zores (Caroline) ist ein bisweilen anstrengender, aber großer Popentwurf. Kinderchöre treffen hier auf Achtzigerjahre-Synthesizer und werden von Grubers schneidender Stimme zusammengehalten.
 
Gruber versucht sich mit Einfachheit als Gegenmittel zur komplizierten Welt. Und er verhehlt nicht seine Wurzeln in der pfälzischen Provinz. Taugte vermeintlichen Großstädtern der Provinz-Begriff einst als Waffe, um zwischen sich und den vermeintlichen Provinzlern ein Abwertungsgefälle zu legen, lächeln heute Künstler wie Gruber zurück, wissend, dass die Metropolen und ihre Künstler auch keine besseren Antworten und Angebote auf die Unsicherheiten um sie herum produzieren.
 
„Ich habe versucht, meinen Platz zu finden in dem riesigen Spektrum, das von den Diskurspop-Archetypen Distelmeyer und von Lowtzow über Blixa Bargeld bis hin zu Klaus Lage reicht, an dessen Texten ich die lebensnahe Einfachheit bewundere“, so Gruber in einem Interview im Tagesspiegel.
 
Von den genannten hat einzig von Lowtzow mit seiner Band Tocotronic 2018 ein neues Werk veröffentlicht. Und auch Tocotronic schlagen mit ihrem zwölften Album Die Unendlichkeit einen Haken, den man so nicht erwartet hätte. Weg vom Diskurspop, hin zur autobiografischen Nabelschau, die ihren Ausgangspunkt in der, genau: Provinz nimmt. Das Titelstück entführt uns gleich zu Beginn in verhallte Räume, getragen vom schleppenden Beat und von von Lowtzows Mantra: „Ich treibe weiter / seit ich noch ein Kind war / und es dauert an“.

Das Leben der anderen

Bei so viel Unsicherheit und Ungewissheit wundert es nicht, dass Betäubung wieder auf der Tagesordnung steht. Müssen Die Verdammten bei Tocotronic noch mit Ibuprofen vorlieb nehmen, postulieren Isolation Berlin Vergifte dich und Jens Friebe Es leben die Drogen. Und bei Drangsal heißt es in Und Du? (Vol.II): „Es sind die Jugend, sind die Drogen / Alle anderen Ängste waren erlogen“.
 
„Ich kenn alle eure Stories, doch glauben kann ich keine“, schreit Hayiti in ihrer Hymne Berghain auf dem Album Montenegro Zero. Hier produziert das Berliner Kollektiv KitschKrieg einen neuen, harten und kühlen Sound, der Hip-Hop, Cloud Rap, Trap und Pop Rap in neuem Gewand erscheinen lässt. Davon profitierten nicht nur die Hamburgerin Rapperin Hayiti, sondern mit Beginner und Bonez MC & Raf Camora weitere Künstler aus den Top-Regionen der Charts.
 
Weiterhin anhören sollte man sich Kat Frankies Bad Behaviour (Grönland), Antje Schomakers Von Helden und Halunken (Columbia), die Leoniden aus Kiel und Again (Two Peace Signs), auf dem der Indie-Hit Kids enthalten ist, Peter Lichts Wenn wir alle anders sind (Tapete Records) und Jens Friebes Fuck Penetration (Staatsakt), dem es völlig ohne peinlich zu sein gelingt, den Bogen von Sex zu Tolkien zu schlagen.
 
Und als hätte man sie gerufen, kommen zum Ende dieses verwirrenden Jahres die Goldenen Zitronen mit der ersten Auskopplung ihres im neuen Jahr erscheinenden Albums More Than A Feeling um die Ecke. Auf Nützliche Katastrophen gießt Sänger Schorsch Kamerun Öl ins Gefühlsfeuer: „Ich baue Wände voll erzeugter Ängste / Und werde zum Regenten ernannt“, während die Band einen besonders fiebrig-lieblich-ächzendes Störmanöver abliefert. Aber den Ausgang aus diesem verzwickten Pop-Jahr können auch sie nicht weisen.
 
Dass es aber auch möglich war, mit augenzwinkerndem Zitatpop Statements zu setzen, zeigt Gudrun Gut mit ihrer Veröffentlichung Moment (Monika Enterprise) und dem darauf enthaltenen Stück Baby I Can Drive My Car, den sie einfach um den Zusatz „In Saudi Arabia“ erweitert: Saudi-Arabien war das letzte Land der Erde, in dem Frauen nicht Auto fahren durften. Passt irgendwie zu diesem Jahr.

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