ALTE MUSIK 2012 Ganz im Heute angekommen

Die Zeiten musealer Elfenbeintürme und Abschottung sind in der Alten-Musik-Szene in Deutschland ein für allemal vorbei. Sabine Fallenstein beleuchtet einige der vielen nennens-werten Ereignisse, Konzerte und Inszenierungen im Jahr 2012.

Barrie Koskys Inszenierung von Monteverdis „Orfeo“ an der Komischen Oper Berlin Barrie Koskys Inszenierung von Monteverdis „Orfeo“ an der Komischen Oper Berlin | © Iko Freese | drama-berlin.de Die Alte Musik in Deutschland steht derzeit auf einer ebenso breiten wie qualitativ hochwertigen Basis. Nur so ist zu erklären, wie sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute aus dem Nischeninteresse einiger Freaks eine so machtvolle und alle musikalischen Bereiche durchdringende Praxis entwickeln konnte: Quellenkritische Stilkunde und historisch detaillierte Kenntnisse in Phrasierung, Tongebung und Verzierungskunst sind heutzutage selbstverständliches "Muss" einer umfassenden Musikausbildung. So hat die Art, Musik von Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn oder Franz Schubert zu interpretieren, enorm von den Erkenntnissen der authentischen Aufführungspraxis profitiert, auch wenn es sich bei den Interpreten ausdrücklich nicht um Spezialisten der Alten Musik handelt.

Ein Klang zwischen Gestern und Heute

Bestes Beispiel: das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (RSO) des SWR, dessen langjähriger Chef- und derzeitige Ehrendirigent, Sir Roger Norrington, im November 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Der an historischer Spielweise orientierte "Stuttgart Sound" des modern besetzten Sinfonieorchesters hat während Norringtons 13-jähriger Amtszeit beim RSO viele Fans gewonnen, die sich unter anderem im August 2012 – ein Jahr nach seinem Abschied aus Stuttgart – über die CD-Veröffentlichung der vierten und fünften Sinfonie von Franz Schubert freuen konnten.

Altes wiederentdecken, Neues wagen

Der dramaturgischen Leitlinie der Schwetzinger SWR Festspiele – "Altes wiederentdecken, Neues wagen, dem Nachwuchs eine Chance" – entsprechend, entdeckten in der Festivalsaison 2012 Künstler wie das Freiburger Barockorchester in der phänomenalen Zusammenarbeit mit Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier, Stile Antico, Anima Eterna unter der Leitung von Jos van Immerseel, Jordi Savall mit Hespérion 21 und The Hilliard Ensemble Musik von der Gregorianik bis Mozart in hochgelobten Interpretationen für ihr Publikum neu.

Einen ungewohnten Hörkontext für Alte Musik bot daneben das konzertante Komponistenporträt von Aribert Reimann, dem neben Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm profiliertesten zeitgenössischen Opernkomponisten in Deutschland: Reimann ließ in seiner Programmwahl Countertenor Tim Severloh und Axel Bauni am Klavier seinen eigenen Fünf Liedern nach Gedichten von Paul Celan, bei deren Entstehung die "Tenebrae-Thematik" eine wesentliche Rolle spielte, François Couperins "Deuxieme leçon de Ténèbres pour le Mercredi Saint" gegenüber-stellen – spannende Kontraste zwischen Alt und Neu, die bei aller stilistischen Verschiedenartigkeit gleichwohl die Kontinuität einer Vokaltradition über nahezu 300 Jahre hinweg ohrenfällig machten.

Wiederauferstehung I

Außerdem hatte in dieser Schwetzinger Saison zum 60. Jubiläum des Festivals Anton Schweitzers Oper Rosamunde nach einem Libretto von Joseph Martin Wieland Premiere. Unter der musikalischen Leitung von Jan Willem de Vriend feierte man in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog die "fulminante Wiederauferstehung" ( FAZ vom 25.05.2012) eines Bühnenwerks, das nach seiner Mannheimer Uraufführung mehr als 230 Jahre lang in tiefem Dornröschenschlaf gelegen hatte.

Rein vokal und ziemlich alt

Apropos Dornröschen: Märchenhaft verwunschen zeigt sich auch die alte Abtei Rommersdorf in Neuwied am Rhein – wie die zahlreichen grandiosen romanischen und gotischen Kirchen im Mittelrheintal ein idealer Aufführungsort für Alte Musik. Dies macht sich das Festival RheinVokal zunutze, das seit sieben Jahren jeweils im Juli und August in dieser Unesco-Welterberegion stattfindet und alljährlich einen starken programmatischen Akzent auf die Alte Musik setzt.

2012 rief gleich beim Eröffnungskonzert das junge englische, hierzulande noch wenig bekannten Ensemble Voces8 mit Musik von Monteverdi und Palestrina, Byrd und Tavener in der Koblenzer Basilika Sankt Kastor schiere Begeisterungsstürme hervor.

Es folgten vokale Höhepunkte wie die Rekonstruktion eines Requiems von Johann Rosenmüller durch La Capella Ducale und Musica Fiata unter der Leitung von Roland Wilson – Interpreten, die bei keinem Festival für Alte Musik fehlen dürfen –, europäische Renaissance-Lieder mit den Niederländern Johanette Zomer (Sopran) und Fred Jacobs (Laute) und das britische Vokalensemble Gallicantus unter der Leitung von Gabriel Crouch.

Wiederauferstehung II

Bei RheinVokal sangen diese sechs Engländer Motetten von William Byrd und Zeitgenossen, ein Programm, das wenige Wochen zuvor auch bei den 28. Tagen Alter Musik Regensburg erklungen war. Dort endete man 2012 mit einer szenischen Aufführung der komischen Oper Il Marito indolente – Der gleichgültige Ehemann des Dresdener Hofkomponisten Joseph Schuster (1748 bis 1812). Schusters Werk ist heute, 200 Jahre nach seinem Tod, nahezu vergessen.

Zur Reanimation dieses deutschen Tonsetzers planen auch die Händel Festspiele Halle 2013 ein Oratorium von Schuster in ihrem Programm – mit dem bezeichnenden Titel Lob der Musik. 2012 stand in Halle aber erst einmal Georg Friedrich Händels Zauberoper Alcina unter der Leitung Bernhard Forcks als bildgewaltige Inszenierung des polnischen Regisseurs Andrej Woron im Mittelpunkt. Bei den Händelfestspielen in Karlsruhe erwies sich Alessandro unter der musikalischen Leitung von Michael Form (Regie: Alexander Fahima) als Publikumsmagnet und sorgte für einen neuen Besucherrekord. Und in Göttingen, dem ältesten und traditionsreichsten Händel-Festival der deutschen Trias, gab der neue Künstlerische Leiter Lawrence Cummings seinen Einstand mit dem Oratorium Esther Die Opernproduktion Amadigi di Gaula verantwortete als Regisseurin Sigrid T'Hooft, Spezialistin für barocken Tanz; am Pult stand erstmals in Göttingen Andrew Parrott.

Von sprudelnden Quellen und wissenschaftlicher Disziplin

Grundlage für all diese Opernproduktionen ist die akribische Editionsarbeit der Hallischen Händel-Ausgabe, eine kritische Gesamtausgabe auf der Basis aller bekannten Notenquellen. Die Gesamtausgabe der Werke Georg Friedrich Händels, seit 1955 in Arbeit, soll 2023 mit 116 Notenbänden abgeschlossen sein.

Sie wird neben anderen Gesamt-ausgaben – im vergangenen Jahr wurde die Wagner-Ausgabe komplettiert – von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz betreut und derzeit aus dem Akademie-programm des Bundes und der Länder gefördert – ein wissenschaftliches Projekt, das in seinen gewaltigen Dimensionen zweifellos maßgeblich für die eingangs skizzierte Omnipräsenz der Alten Musik und der historisch informierten Aufführungspraxis im Musikleben beigetragen hat.

Monteverdi als arkadischer Urknall

Wer bisher meinte, dass eine Barockoper auf der Bühne (zu) lang dauere, war nach dem Experiment an der Komischen Oper Berlin im September 2012 eines Besseren belehrt: Alle drei Opern von Claudio Monteverdi an einem einzigen Tag in einer musikalischen Bearbeitung der Komponistin Elena Kats-Chernin kamen Barrie Kosky für seine Trilogie-Inszenierung zum Auftakt seiner Intendanz an diesem Haus gerade recht. "In der überwältigenden Direktheit seines arkadischen Urknalls stecken alle Erfahrungen des Regietheaters, Ironie, Überspitzung, Brechung", jubelte Die ZEIT online (20.09.2012) – und das Schönste: Monteverdi-Tage im Dreierpack sind auch 2013 noch bis zum Ende der Spielzeit an der Komischen Oper Berlin zu erleben.

Geburtstagskinder

Quasi "um die Ecke" grassierte 2012 das "Friedrich-Fieber": Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen boten die Musik-festspiele Potsdam Sanssouci vielfältige Konzertangebote an den Originalschauplätzen friderizianischen Musizierens, wo die Musiker Quantz, Benda, Graun und Carl Philipp Emanuel Bach in einem der führenden Orchester Europas zu hören waren und musikalische Verbindungen zu den europäischen Zentren des Rokoko pflegten. "Verliebt in Europa – Galante Vorbilder für Sanssouci: Franzosen, Italiener – und Türken" war dementsprechend das fulminante Eröffnungskonzert mit der Akademie für Alte Musik Berlin ("Akamus") überschrieben.

Die "Akamus" feierte 2012 ihr 30-jähriges Bestehen und beschenkte sich selbst mit einem besonders üppigen Jahresprogramm – hier nur drei Highlights unter vielen: Christoph Willibald Glucks Telemaco und Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion, beide unter der Leitung von René Jacobs, sowie Henry Purcells Dido and Aeneas in der Choreographie von Sasha Waltz.

Trend zur Kooperation

Insgesamt war 2012 in der Alten Musik der Trend zur Kooperation spürbarer denn je: Es fanden sich nicht nur künstlerisch neue Partner, sondern man rückte auch räumlich enger zusammen und ermöglichte so mehr Effizienz durch Synergien: zum Beispiel in Freiburg, wo seit der Eröffnung des "Ensemblehauses" Alte und Neue Musik Tür an Tür wohnen und über den Gang zusammen-arbeiten, Heimstatt für das Freiburger Barockorchester und das ensemble recherche. Oder in Köln, wo mit ZAMUS, dem Zentrum für Alte Musik, ein deutschlandweit einmaliges Projekt zur Vernetzung von Solisten und Ensembles in gemeinsamer Administration und Pressearbeit, mit Workshop-Angeboten, Proberäumen und Instrumentenverleih gegründet wurde.

Das Jahr 2012 war damit ein schier unerschöpfliches Füllhorn für die Freundinnen und Freunde der Alten Musik – und erfreulicherweise auch da, wo nicht unbedingt das entsprechende Etikett draufsteht: Die Zeiten musealer Elfenbeintürme und "szeniger" Abschottung sind glücklicherweise ein für allemal vorbei.